Der falsche Prinz von Monte Brè

Mitten in ein Dorf oberhalb von Locarno wollen Investoren ein Luxusresort bauen. Gegen das Projekt regt sich Widerstand – auch wegen eines Beraters.

Unten der Lago Maggiore, oben, in den wilden Kastanienwäldern, das 100-Seelen-Dorf Monte Brè. <nobr>Fotos: Sabina Bobst</nobr>

Unten der Lago Maggiore, oben, in den wilden Kastanienwäldern, das 100-Seelen-Dorf Monte Brè. Fotos: Sabina Bobst

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«Da», sagt Marco Ricca, während er die steile Dorfstrasse hinaufstapft. «Das Haus des Principe.» Er muss dabei ­etwas lachen. Doch eher auf die grummelige Art, die besagt, dass es eigentlich nichts zu lachen gibt.

Ricca, der Kopf des Widerstands, steht vor dem Haus des Mannes, den sie in Monte Brè den «Prinzen» nennen. Dieser Dorfbewohner hatte sich selbst als Heilsbringer inszeniert, brachte aber vor allem eines: Unruhe. Ein hoher ­elektrisch geladener Zaun umschliesst das Areal. «Als er den errichtete, fanden wir das schon irgendwie seltsam», sagt Ricca.

«Wir hatten zu Beginn keinen Grund, diesen Mann, der sich auch als Biophysiker bezeichnete, infrage zu stellen», sagt Marco Ricca, der mit ­seiner Frau und den drei Kindern weiter unten am Berg in einem alten Granithaus lebt. Der Programmierer aus Genf flüchtete vor fünf Jahren in die Tessiner Berge, weil er den «Hyperkonsum und diese ganze Enge» nicht mehr ertrug. Deshalb ruft Ricca jetzt auch zum Widerstand gegen «ein wahnwitziges Pharaonenprojekt» auf. Und die Einheimischen ­folgen ihm.

Für Aktivist Marco Ricca ist die Sache klar. Die Schweizer Berge sollen kein Spielplatz für Reiche sein.

Dabei sah es zu Beginn nach einer glänzenden Zukunft für Monte Brè aus, als sich im August 2017 ein Mann beim Dorffest auf die kleine Bühne unter zwei mächtigen Buchen stellte und sich als «Peter zu Sayn-Wittgenstein» vor­stellte. Er wollte von einer Idee erzählen, die dem Dorf, das er seit zehn Jahren bewohnte und liebte, neues Leben einhauchen sollte: Ein Health Center in der Tradition der Schweizer Höhenkliniken, schonend in Nähe des Dorfs gebaut.

Der Auftritt des charmanten Deutschen machte Eindruck. Ein schöner Sommerabend war das, erinnern sich alle, die damals dabei waren: Polenta, Vino, dazu die lokale Wurst Lugani­ghetta – und Aufbruchstimmung. Alle waren sich einig: Nach der Schliessung des einzigen Hotels – der Bäcker hat schon vor Jahren aufgegeben – konnte das vergessene Dorf im schwierig zu erschliessenden Steilhang frische Kräfte gebrauchen. Und dieser Peter zu Sayn-Wittgenstein, der seine mit einem Wappen verzierte Visitenkarte verteilte, schien der Richtige dafür zu sein.

«Wird alles plattgemacht»

Ein Jahr nach dem Auftritt am Dorffest, kam das Projekt in seiner ganzen Dimension zutage. Der halbe Berg, so schien es, sollte zum Luxusresort werden. Die Schwyzer Immobilienfirma Augur Invest AG hatte mit zu Sayn-Wittgenstein als lokalem Berater bereits über 27'000 Quadratmeter Land aufgekauft. Das war nicht das, was der eloquent parlierende Herr auf der Bühne erzählt hatte.

«Da, da und da», zeigt Marco Ricca auf die Häuser, die jetzt in den Händen der Investoren sind. Er sagt: «Wird alles plattgemacht, weil ein paar millionenschwere Analphabeten in Monte Brè ihren Spielplatz wollen.» Von 150 Apartmentwohnungen mit 24-Stunden-Concierge-­Service ist die Rede. Weiter oben soll ­zudem ein 5-Stern-Hotel mit Gourmetrestaurant und riesigem Spa an den Rand des wilden Kastanienwalds gebaut werden.

Die Message: Monte Brè wird für die Reichen erschlossen.

In einem Prospekt wird «The Lago Maggiore Grand» als phänomenales Investment für Superreiche angepriesen. Eine Bildmontage wirbt mit einem Golfgreen in luftiger Höhe, daneben ein Helikopter. Damit liesse sich das fünf Kilometer lange, einspurige Strässchen mit seinen vielen Haarnadelkurven spielend überfliegen.

Die Message: Monte Brè, hoch über Locarno gelegen, wird für die Reichen erschlossen. Der Flughafen Lugano mit Landemöglichkeiten für Privatjets rückt damit nahe heran. «Wir waren schockiert. Und wir fühlten uns hintergangen», sagt Ricca und blickt durch den elektrischen Zaun hindurch in des Prinzen Garten. Das Unkraut wuchert. Das Rustico steht leer. 19 anderen Häusern in Monte Brè ist es gleich ergangen. Peter zu Sayn-Wittgenstein war der Erste, aber nicht der Einzige, der mit dem Verkauf zu Geld gekommen ist.

Mittlerweile haben sich die Tessiner mit der Initiative Salva Monte Brè solidarisiert. Im ganzen Locarnese sind weiss-grüne Banner an den Häusern zu sehen: «Rette Monte Brè». Ex-Nationalrat Franco Cavalli ist dabei. Alt-Bundesrat Flavio Cotti, der im 100-Seelen-Dorf ein Rustico hat, ebenfalls.

Der Widerstand in Monte Brè wird als ein Kampf von braven Bürgern gegen böswillige Invasoren inszeniert, auch wenn es noch nicht einmal ein Bau­gesuch gibt. Im Dörfchen ob Locarno geht es aber auch um grundsätzliche Fragen, die ebenfalls in Vals gestellt werden, in St. Moritz sowieso: Wie viel Entwicklung wollen wir in unseren Bergen? Und welche soll es sein?

Für Aktivist Marco Ricca ist die Sache klar. Die Schweizer Berge sollen kein Spielplatz für Reiche sein. Alain Scherrer, der Bürgermeister von Locarno, begrüsst Investitionen hingegen durchaus, aber nur wenn diese zur Umgebung passen.

Nur einer von vielen Landverkäufern

Im Fall Monte Brè geht es mittlerweile nicht nur um Zerstörung oder Entwicklung des ländlichen Raums. Es geht vielmehr um die Frage, ob vonseiten der Investoren überhaupt mit offenen Karten gespielt wird. Und welche Rolle Peter zu Sayn-Wittgenstein dabei wirklich spielt.

Er selbst sagt, dass er nur Landverkäufer sei, also einer von vielen. Laut einer schriftlichen Stellungnahme der Augur Invest habe zu Sayn-Wittgenstein keine Funktion im Unternehmen, berät aber die Firma in lokalen Fragen.


«Es ist nicht so, dass alle im Dorf gegen das Hotelprojekt sind.»
Peter zu Sayn-Wittgenstein

Der gebürtige Deutsche vermittelte von Monte Brè aus den Verkauf der Häuser, der Parzellen. Auch wenn hinter Augur Invest der seriöse Zürcher Bauunternehmer Oliver Wolfensberger steht, ist für die Tessiner der Mann mit dem adeligen Namen das Gesicht zum Projekt. In ihren Augen will also ein deutscher Adeliger Monte Brè einnehmen: Hier das Volk, dort der Adelige – ein medienwirksamer Klassenkampf.

Heute freilich ist den Aktivisten klar, dass sie zu Sayn-Wittgenstein den Spitznamen «Principe» zu Unrecht verliehen haben. Seinen adelig klingenden Nachnamen hat er sich erst später zugelegt. Wie, bleibt im Dunkeln. Denn dazu macht er unklare Aussagen. In Deutschland lassen sich jedenfalls solche Namen kaufen, für einen sechsstelligen Betrag. Sicher ist: Sein Geburtsname ist Peter Druf. Als er vor 13 Jahren auf Schloss Sihlberg in Zürich eine Ex-Miss Zürich heiratete, nannte er sich Peter Ferreira.

Unter diesem Namen hat er einen esoterischen Bestseller geschrieben: «Wasser & Salz». Es war ein Begleitwerk zu einem kurzen, aber heftigen Boom in den frühen 2000er-Jahren. Damals galt Himalajasalz plötzlich als Allheilmittel. Wissenschaftliche Beweise gab es keine. Trotzdem rissen sich die Menschen vor allem in Deutschland förmlich um das exotische Salz.

Und einer stand mittendrin: Peter Ferreira – laut eigenen Angaben ein Biophysiker eines Forschungsinstituts in den USA. Beides lässt sich bis heute nicht einwandfrei nachprüfen. Zumal Biophysiker kein rechtlich geschützter Titel ist.

Solche Geschichten machen die Menschen in Monte Brè misstrauisch. «Und niemand weiss genau, wo sich der Principe heute befindet», sagt Marco Ricca. «Er ist untergetaucht.» Zumindest in diesem Punkt täuscht sich der Aktivist.

Nur Ideen, keine konkreten Pläne

Am Abend erreichen wir den Mann, über den so viel erzählt wird, am Telefon. Er sei gerade in Monte Brè bei einer ­guten Freundin, erklärt Peter zu Sayn-Wittgenstein. Es handelt sich dabei um die frühere Vorsitzende des Vereins Pro Monte Brè. Dieser Verein, macht er klar, unterstütze die Projektideen voll und ganz.

«Es ist nicht so, dass alle im Dorf gegen das Hotelprojekt sind. Im Gegenteil», sagt zu Sayn-Wittgenstein. Die meisten ­sehen, dass wir Monte Brè vor dem Aussterben bewahren.» Und was ist mit seinem Auftritt am Dorffest? Als Antwort lacht der Deutsche herzlich in den Hörer. «Das waren damals doch nur Ideen. Und was später an die Öffentlichkeit geriet, waren auch erst Ideen, die zu einer umfassenden Analyse gehörten.»

Das 5-Stern-Hotel, die 150 Wohnungen, bezeichnet er als Maximalvariante. Konkret sei das nie gewesen. «Zurzeit plant die Augur Invest sowieso nur mit einem viel kleineren 4-Stern-Hotel und ­Apartments mit maximal 84 Zimmern.» Und der Helikopterlandeplatz? Jetzt lacht er schallend: «Nein, der kommt nicht. Versprochen!»

Seit ein paar Tagen liegt auf dem Schreibtisch des Sindaco von Locarno ein Schreiben der Augur Invest. Die Firma wolle laut dem Bürgermeister einen Dialog mit der Öffentlichkeit eröffnen. Auch sei eine Präsentation des aktuellen Projekts vorgesehen. Ob es dabei zu einem Bühnencomeback des Prinzen kommt, ist unwahrscheinlich. In Monte Brè ist seine Strahlkraft verblasst.

Erstellt: 09.04.2019, 21:42 Uhr

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