Der falsche Reformeifer rächt sich

Die Resultate der Pisa-Studie sind eine Schmach für ein Land, das sich seines herausragenden Bildungs­systems rühmt.

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Viele Schulen kommen ab den vielen Reformen an ihre Belastungsgrenzen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Was war das für eine Aufregung! Vor drei Jahren sackten die Schweizer Schüler beim Pisa-Test im Lesen ab – und für die Bildungsverantwortlichen im ganzen Land war klar: Das muss an der neuen computerbasierten Methode liegen. Bund und Kantone richteten ungewöhnlich harsche Worte an die OECD, die Lehrerschaft forderte gar den Austritt aus dem internationalen Schülervergleich.

Jetzt fällt das Resultat noch alarmierender aus als damals. (Lesen Sie hier, wie schlecht Schweizer Schüler abschneiden.) Jeder vierte 15-Jährige versteht Texte zu schlecht, um Herausforderungen des Alltags oder des künftigen Berufslebens bewältigen zu können. Vor drei Jahren war es noch jeder fünfte gewesen. Asiatische und osteuropäische Schüler hingegen ziehen an der Schweizer Jugend vorbei.

Anstatt die ­Schuldigen in der OECD zu suchen, sollten wir uns fragen, was hier in den Schulzimmern nicht ­richtig läuft.

Damit verdichtet sich der negative Trend. Eine Schmach für ein Land, das sich seines herausragenden Bildungs­systems rühmt. Entsprechend ruhig sind die Methodenkritiker plötzlich geworden. Zu Recht: Anstatt die ­Schuldigen in der OECD zu suchen, sollten wir uns fragen, was hier in der Schweiz in den Schulzimmern nicht ­richtig läuft.

Die Antwort lautet: falsch gelagerte Reformen. Lernschwache Schüler sind heute in die Regelklassen integriert, Klassen werden vergrössert, Lektionen für «Deutsch als Zweitsprache» abgebaut, mehrere Fremdsprachen ­parallel unterrichtet. Das bringt die Schulen vielerorts an ihre Belastungsgrenzen. In der Konsequenz leidet die ­individuelle Förderung, gerade im komplexer zu begleitenden sprachlichen Bereich. Das wiederum hat für jene ­Schülerinnen und Schüler verheerendere Folgen, die auch zuhause nicht die nötige ­Unterstützung erhalten.

Die Schweiz ist im internationalen Vergleich eine Wüste, was die Frühförderung betrifft.

In scharfem Kontrast zum übersteigerten Reformeifer in der Schule steht die Taten­losigkeit im Vorschulalter. Die Schweiz ist im internationalen Vergleich eine Wüste, was die Frühförderung betrifft. Dabei werden in dieser Zeit die ­Weichen für die Sprach- und Lesekompetenz gestellt. ­Studien zeigen: Kinder aus bildungsfernen oder fremdsprachigen Familien können ihre Defizite später in der schulischen Laufbahn nicht mehr vollständig aufholen.

Anfang der 2000er-Jahre ­hatten die schlechten Lese-Resultate der Pisa-Studie in der Schweiz einen heilsamen Schock ausgelöst. Es ist zu hoffen, dass die jüngsten Ergebnisse wieder einen solchen Effekt haben werden – damit sprachlich schwache Kinder früh gefördert und in der Schule nicht überfordert werden.

Erstellt: 03.12.2019, 22:10 Uhr

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