Der Fifa-Generalsekretär und sein privater «Fonds»

Jérôme Valcke, Nummer zwei der Fifa, soll geplant haben, mit einem Ticket-Deal ein Vermögen zu machen. Der Verband suspendierte ihn umgehend.

Unter schwerem Korruptionsverdacht: Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke (l.) – hier mit Fifa-Präsident Sepp Blatter im portugiesischen Estoril. Foto: Pedro Nunes (EPA, Keystone)

Unter schwerem Korruptionsverdacht: Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke (l.) – hier mit Fifa-Präsident Sepp Blatter im portugiesischen Estoril. Foto: Pedro Nunes (EPA, Keystone)

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Bis spät am Abend konferierte die Fifa-Spitze um Präsident Sepp Blatter und Chefjurist Marco Villiger. Es ging um Jérôme Valcke, den zweitmächtigsten Mann im Haus, Blatters Premierminister. Nach 21 Uhr wurde gestern der Entscheid publik: Der Verband enthob den eigenen Generalsekretär seines Amtes, mit sofortiger Wirkung, bis auf weiteres. Zudem forderte man die Ethikkommission dazu auf, eine Untersuchung zu starten. Tagsüber waren gestern schwere Vorwürfe gegen Valcke bekannt geworden.

Der frühere Sportreporter hatte als Verbandsdirektor auch mit dem Ticketing zu tun. Was nach einem simplen Geschäft klingt – ein Fan kauft ein Billett und geht ins Stadion –, ist im Fall der Fifa zu einer Wissenschaft geworden, mit komplexen Verträgen und Sonderabreden.

Valcke ist einer der wenigen, welche die Mechanik des Fifa-Ticketings durchschauen. In mindestens einem Fall scheint er sein Wissen und seine Macht diesbezüglich ausgenutzt zu haben: Wie interne Dokumente nahelegen, plante er mutmasslich, bei einem Kontingent von WM-2014-Tickets in die eigene Tasche zu wirtschaften. Selbst schrieb er von seinem «Pensionsfonds». Die Agentur JB Sports Marketing (JB) hat die Dokumente gestern anlässlich eines Medientermins vor 15 Reportern aus aller Welt öffentlich gemacht.

Schlechte Tickets, gute Tickets

Die Schweizer Firma verkauft Fussball-Billette; sie ist deswegen bis heute im Clinch mit der Fifa. Das Geschäft, das nun Fragen aufwirft, begann so: Im April 2010 hatte die Agentur mit der Fifa einen Vertrag abgeschlossen, der sich von 2010 bis 2022 erstreckte. Für die WM in Brasilien galt: JB hatte das Recht, 8750 Tickets zu beziehen. Es gab dabei eine Sonderregel für 2400 Tickets – die Fifa konnte der Agentur zwölf Spiele zuweisen, aus denen JB je ein Ticketkontingent beziehen musste.

Dieser Deal war nicht gut genug für den israelischen Ex-Fussballer Benny Alon, der bei JB arbeitete. Er befürchtete, die Fifa würde die unattraktivsten Partien auswählen, um 2400 schlechte Sitzplätze billig loszuwerden. Wie er ­gestern vor den Medien sagte, sprach er diesen Punkt im März 2013 bei einem Treffen mit Jérôme Valcke in dessen Büro am Fifa-Hauptsitz an.

Sie holten Bargeld «in der Höhe eines sechsstelligen Dollarbetrags» aus einem Schliessfach und verstauten die Notenbündel in einen Koffer.

Die beiden hätten dann über eine neue Lösung verhandelt – und Valcke habe am Ende zugestimmt, dass JB und Alon 1400 Billette für die überaus gefragten Brasilien-Spiele und den Final bekommen würden. Die Fifa werde nur noch 1000 Tickets zuteilen. So steht es in einem Brief, den Valcke am 2. April 2013 an JB schickte. Als Gegenleistung einigten sich der Generalsekretär und der Ticketagent laut dessen Darstellung darauf, dass sie die Profite aus diesem neuen Deal halbe-halbe teilen würden. Alon sagte gestern vor den Medien: «Jérôme Valcke hätte über zwei Millionen Dollar verdient, wenn er die ganzen fünfzig Prozent erhalten hätte.»

So weit kam es nicht – aber offenbar beinahe. Benny Alon und der Zürcher Anwalt Heinz Schild, Verwaltungsrat und de facto Geschäftsführer der JB, betraten nach eigenen Angaben am 3. April 2013 eine Zürcher Bank. Sie holten Bargeld «in der Höhe eines sechsstelligen Dollarbetrags» aus einem Schliessfach und verstauten die Notenbündel in einen Koffer. Das Gepäckstück hatten sie extra für Autofan Valcke aufgetrieben, darauf aufgedruckt waren ein alter weisser Sportwagen und die französischen Nationalfarben.

Am selben Tag traf aber offenbar ein E-Mail des Generalsekretärs ein, das Alon und Schild gestern publik machten. Valcke schrieb in hastigem Ton, er habe keine Zeit für ein Treffen:

 Was die Dokumente betrifft, schliess die irgendwo ein, und wir gehen sie nächstes Mal durch. ­Wegen einer potenziellen Präsidentschaftskandidatur kann ich sie nicht anschauen, bis der Entscheid über meine Zukunft gefallen ist. Die Dokumente sind mein Pensionsfonds, wenn ich nach etwas anderem Ausschau halte und nicht mehr bei der Fifa [bin] – spätestens Ende 2014 oder erste Hälfte 2015! [...]

Laut Alon pflegte Valcke den Terminus «Dokumente» als Codewort für Bargeld zu benutzen. Für diese Erklärung spricht, dass es keinen Sinn machen würde, «Dokumente» als «Pensionsfonds» zu bezeichnen.

Zurück zur Bank

Laut Alon und Schild ist am Ende kein Geld zu Valcke geflossen, das Bargeld ging zurück in die Bank. Stattdessen gab es bald Probleme mit dem Ticketvertrag zwischen JB und der Fifa – eigentlich ­wickelt der Verband das Geschäft mit Billetten und sogenannten Hospitality-Paketen exklusiv über die englische Agentur Match ab. Der JB-Deal hing deshalb schräg in der Vertragslandschaft, Ende 2013 wurde die Schweizer Agentur von der Fifa abgekoppelt – und stattdessen zu einem Verkaufsagenten von Match umgebaut. In dieser Beziehung knirschte es aber schnell – Alon und Schild machen geltend, sie hätten nicht alle und nicht die richtigen Tickets erhalten, sondern solche «hinter den Toren und in der letzten Reihe», wie Alon sich ausdrückte. Verhandlungen mit der Fifa hätten nicht gefruchtet, weshalb man nun den Gang an die Öffentlichkeit gewählt habe.

Nach aktuellem Informationsstand ermittelt weder die Schweizer noch die US-Justiz gegen Valcke. Die Dokumente der Agentur dürften bei den Fifa-Ermittlern auf Interesse stossen. Im Vertrag zwischen der Fifa und JB findet sich eine auffällige Passage: Dort heisst es, JB erhalte die Rechte für die WM 2022 nur, wenn das Turnier in den USA stattfinde. Gemäss Alon sagte ihm Valcke aber schon kurz nach Abschluss des Vertrags im Frühling 2010, die WM 2022 werde ohnehin von Katar veranstaltet – Monate bevor die Wahl am 2. Dezember offiziell auf den Wüstenstaat fiel. Die Ansage wiederholte Valcke laut Alon im Sommer, als sich die beiden mittags in einem Restaurant in Zürich trafen. Diesmal gab es einen Zeugen: Marco Vitali, damals Alons Banker beim Geldhaus EFG, bestätigte gestern gegenüber den Medien, Valckes Worte ebenfalls gehört zu haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2015, 23:49 Uhr

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