Der Freisinn streitet über den Gemeinsinn
Die FDP zieht mit dem Begriff «Gemeinsinn» in den Wahlkampf und beruft sich auf einen Wert, den viele mit der Linken verbinden. Die Basis reagierte teilweise empört, dennoch hält die Partei an ihrem Slogan fest.

Traten die Freisinnigen früher zu Wahlen an, roch es steril wie in den Gängen einer Grossbank. Worte wie «Freiheit» und «Fortschritt» prägten die Slogans – Begriffe, die auf den «Homo oeconomicus» zielten. Unter dem neuen Präsidenten Philipp Müller ist im vergangenen März das Wort «Gemeinsinn» hinzugekommen, und plötzlich riecht es in der elitären FDP ein bisschen nach gemeinsamem Anpacken und Schwitzen, nach Verbrüderung und Volksfest, nach Bratwurst und Bier.
Mit dem Dreisatz «Freiheit, Gemeinsinn und Fortschritt» will die Partei im Herbst 2015 zur zweitstärksten Kraft aufsteigen und damit ausgerechnet die SP überholen; jene Partei, die bisher das Gemeinsinnige für sich gepachtet hatte. Die Sozialdemokraten werben – wenig überraschend – seit einiger Zeit ebenfalls mit einem Satz, der das Solidarische hervorstreicht: «Für alle, statt für wenige», heisst es in ihrer Variante. Plötzlich beanspruchen zwei unterschiedliche Kräfte den gleichen Wert für sich.