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Der freisinnige Unternehmer und die «eiserne Lady» aus St. Gallen

Zwei liberale Politiker, die auch in anderen Parteien Respekt geniessen: Johann Schneider-Ammann hat auch Linke auf seiner Seite. Karin Keller-Sutter geniesst Sympathien bei den Rechten.

Konnte im Hearing nicht überzeugen: Die Solothurnerin Brigit Wyss von den Grünen.
Konnte im Hearing nicht überzeugen: Die Solothurnerin Brigit Wyss von den Grünen.
Keystone
 Die Gewinner der Kandidatenkür für den BundesratJohann Schneider-Ammann am Freitag im Bundeshaus im Visier der Presse.
Die Gewinner der Kandidatenkür für den BundesratJohann Schneider-Ammann am Freitag im Bundeshaus im Visier der Presse.
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... ebenso wie Nationalrat Peter Malama.
... ebenso wie Nationalrat Peter Malama.
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Die FDP-Bundeshausfraktion hat am Freitag die St. Galler Regierungsrätin Karin Keller-Sutter und den Berner Nationalrat Johann Schneider-Ammann nominiert. Den ersten Platz auf dem Zweierticket erhielt Keller Sutter. Sie wurde im dritten Wahlgang mit 23 von 45 Stimmen gewählt, wie FDP-Fraktionschefin Gabi Huber vor den Medien sagte. Für den zweiten Listenplatz wurde Johann Schneider-Ammann im ersten Wahlgang gewählt, ebenfalls mit 23 von 45 Stimmen.

Sympathie auch bei Gewerkschaftern

Der Berner FDP-Nationalrat Schneider-Ammann hat sich in den letzten Jahren ein Image geschaffen, das ihn zu einem Favoriten für die Wahl in den Bundesrat macht. Als Vertreter des Werkplatzes findet er Zustimmung von links bis rechts. Nur vereinzelt ist Kritik zu hören. Der 58-Jährige gehört einer seltenen Spezies an: Er ist ein Unternehmer-Nationalrat, der sich mit seinem Geschäft ein Vermögen erarbeitete, das ihm grosse Unabhängigkeit verschafft.

Gemäss der «Bilanz»-Liste der 300 Reichsten der Schweiz soll sich das Vermögen von Schneider-Ammann und seiner Familie auf 500 bis 600 Millionen Franken belaufen. Normalerweise liegen Menschen dieser Vermögenskategorie nicht allzu hoch in der Gunst der Linken. Nicht so Johann Schneider-Ammann. Seine Wahl würde auch von Gewerkschaftern begrüsst: «Ich wünsche ihm, dass er gewählt wird», sagt Corrado Pardini, Geschäftsleitungsmitglied der Gewerkschaft Unia.

Er finde es wichtig, dass jemand aus der Realwirtschaft in den Bundesrat einziehe. Schneider-Ammann wisse als Präsident des Dachverbandes der Schweiz. Maschinen- Elektro- und Metallindustrie Swissmem, was Sozialpartnerschaft sei, findet Pardini, der mit ihm schon über den Gesamtarbeitsvertrag der MEM-Industrie verhandelte. Zudem sei Schneider-Ammann nicht nur ein Mann der Worte, sondern auch der Taten. Das habe er etwa bei der Rettung der Bieler Firma Mikron 2003 gezeigt.

Steter Einsatz für den Werkplatz

Für den Schweizer Werkplatz setzte sich der Unternehmer vorab aber in der Ammann Group ein. Während viele Firmen-Chefs in den letzten Jahrzehnten den Niedergang des Industrie-Standortes Schweiz prophezeiten und die Produktion ins Ausland verlagerten, glaubte Schneider-Ammann ans heimische Schaffen.

Seit der Sohn eines Emmentaler Tierarztes Anfang der Achtzigerjahre als ETH-Elektroingenieur ins Geschäft des Schwiegervaters Ulrich Ammann einstieg, hat er die Firma internationalisiert und vergrössert. Der Umsatz mit Asphalt- und Betonmischanlagen sowie diversen anderen Baumaschinen wurde mehr als vervierfacht und liegt heute bei über einer Milliarde.

Auf seiner Website zeigt sich der Absolvent eines MBA der französischen Elite-Kaderschmiede INSEAD besonders stolz darauf, dass er die 800 Arbeitsplätze in der Schweiz durch die Krise der 90er-Jahre retten und danach gar auf etwa 1200 aufstocken konnte. Weltweit arbeiten heute 3000 Angestellte für die 1869 gegründete Familienfirma.

Wirtschaftsliberaler aus Überzeugung

Den Sympathien der Linken für den Patron zum Trotz, vertritt Schneider-Amman im Nationalrat seit 1999 in erster Linie wirtschaftsliberale Positionen. So spricht er sich dezidiert gegen jeglichen Ausbau der Sozialwerke aus und machte etwa gegen die Mutterschaftsversicherung Kampagne. Er fordert vielmehr den Abbau von Leistungen. So plädiert er für Rentenalter 67.

Zudem unterstützt er den Steuerwettbewerb und beantwortet auf Smartvote die Frage nach der Abschaffung der direkten Bundessteuer zugunsten einer Erhöhung der Mehrwertsteuer mit «eher ja». Er ist gegen einen Mindestlohn und für die vollständige Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. In der Europapolitik hat er sich als Befürworter des bilateralen Wegs vehement für die Personenfreizügigkeit eingesetzt. Gleichzeitig lehnt er einen EU-Beitritt ab. Diese Positionen sichern ihm die Unterstützung aus der Wirtschaft.

Image des integren Unternehmers

Da Schneider-Ammann schon vor der Krise überrissene Boni und Löhne kritisierte und während der Finanzkrise das Geschäftsgebahren der Banken anprangerte, verströmt der economiesuisse-Vize heute die Aura eines bodenständigen und integren Wirtschaftsmanns.

Die Kritik am Finanzplatz hat ihm in seiner Partei aber nicht nur Sympathien eingetragen. Vereinzelt wird ihm hinter vorgehaltener Hand zum Vorwurf gemacht, dass er es mit dieser Kritik zulasse, dass ein Keil zwischen Werk- und Finanzplatz getrieben werde.

Keller-Sutter mit Hardliner-Image

Die St. Galler FDP-Regierungsrätin Karin Keller-Sutter gilt in der Ausländerpolitik und im Kampf gegen die Fussball-Hooligans als «eiserne Lady der Ostschweiz». Sie geniesst dank ihrem pionierhaften Vorgehen gegen häusliche Gewalt aber auch Sympathien der Linken. Die 46-jährige Politikerin führt seit dem Jahr 2000 das Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St. Gallen. Sie hat sich daher vor allem in der Ausländer- und der Sicherheitspolitik profiliert - und dabei wiederholt Pflöcke eingeschlagen, die schweizweit Beachtung fanden.

So führte St. Gallen 2003 als erster Kanton die polizeiliche Wegweisung gewalttätiger Ehepartner ein. Das Instrument setzte sich schweizweit durch. 2007 erliess Keller-Sutter Richtlinien, um Migrantinnen vor Zwangsehen zu schützen. Ebenso führte sie Jugendpolizisten ein.

Zuletzt sorgte Keller-Sutter für Medienpräsenz, als sie der Gewalt im Sport den Kampf ansagte. St. Gallen geht mit Videoüberwachung, Schnellverfahren und der Veröffentlichung von Fotos im Internet gegen Hooligans vor. Keller-Sutter erntete dafür Lob, wurde aber auch in anynomen Mails beschimpft und bedroht.

Gegen Beitritt zur Europäischen Union

Mit dem Klischee der Hardlinerin müsse sie wohl leben, sagte die Regierungsrätin in Interviews. Die FDP-Frau bezeichnet sich lieber als «konsequent, klar und berechenbar». Eine ihr nachgesagte Nähe zur SVP bestritt sie. Auf der Webseite www.smartvote.ch sprach sich Keller-Sutter 2008 gegen EU-Beitrittsverhandlungen der Schweiz aus, aber für eine aktive Aussenpolitik mit weniger strikter Neutralität. Auch bewaffnete Armeeeinsätze im Ausland befürwortete sie. Nein sagte sie zur Anti- Minarett-Initiative der SVP.

Alles andere als medienscheu weiss die gelernte Konferenzdolmetscherin ihre Positionen eloquent via Radio, TV und Zeitungen zu erklären - und kommt damit beim Volk gut an. 2008 wurde sie mit einem Traumresultat und einem Vorsprung von 14'000 Stimmen im Regierungsamt bestätigt.

Vielseitige Ausbildung und Erfahrungen

Keller-Sutter stammt aus einer Wirtshaus-Familie in der CVP- Hochburg Wil. Nach ihrer Ausbildung als Übersetzerin und Konferenzdolmetscherin studierte sie während eines Jahrs in London und Montreal Politikwissenschaft, absolvierte ein Nachdiplomstudium in Pädagogik und unterrichtete als Berufsschullehrerin.

Ihr politischer Werdegang führte über den Wiler Gemeinderat und den St. Galler Kantonsrat. Bevor sie im Jahr 2000 den Sprung in die Kantonsregierung schaffte, präsidierte sie die St. Galler FDP-Kantonalpartei. Keller-Sutter ist Vizepräsidentin der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren. Von 2003 bis 2009 präsidierte sie Ostschweizer Justiz- und Polizeidirektoren.

Die Politikerin ist verheiratet und spricht perfekt Französisch, was ihr in der Westschweiz zum Vorteil gereicht. Fehlende politische Erfahrung auf Bundesebene muss für sie nicht unbedingt ein Nachteil sein: Auch Ruth Metzler und Micheline Calmy-Rey schafften als Regierungsrätinnen den Sprung in die Landesregierung.

(sda (Thomas Zimmermann / Michael Nyffenegger))

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