Der Friedhof der Schmugglerautos

Schweizer Zöllner zerstören die für Schmuggel umgebauten Fahrzeuge. So bekämpfen sie Drogenhandel.

Mit einem Magneten öffnet sich die Konsole: Die Zollverwaltung zeigt Beispiele von Verstecken und was im Anschluss mit den Autos passiert. (Video: Anja Ruoss, Anja Stadelmann)

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Nichts deutet von aussen darauf hin, dass der schwarze Volkswagen kein normaler Kombi ist. Das vermeintliche Familienauto birgt ein gut gehütetes Geheimnis. Zöllner Patrizio Dello Buono dreht den Zündschlüssel, klaubt einen kleinen Magnet aus dem Sonnenbrillenfach und reibt damit vor dem Schaltknüppel hin und her. Wie von Geisterhand hebt sich langsam der Hinterteil der Mittelkonsole, bis die ganze Armlehne inklusive Schaltanlage schräg nach oben stehen. Darunter kommen ein Hydraulikzylinder und ein dunkler Hohlraum zum Vorschein. «Da passen mehr als 10 Kilogramm Kokain hinein», sagt Dello Buono.

Das Schmugglerfahrzeug haben Zöllner vor zwei Jahren in Chiasso beschlagnahmt. Es trug italienische Nummernschilder im Plastikrahmen einer deutschen Autogarage, am Heck klebt der Umriss der deutschen Ferieninsel Sylt. Den Beamten kam diese Kombination verdächtig vor, erst recht, als sie im Kofferraum ein laminiertes Schildchen fanden: «Sorry, No Drugs».

Zöllner Patrizio Dello Buono kontrolliert eine Note auf Kontaminierung. Foto: Christian Pfander

Jetzt dreht Andreas Trachsel das Schild in seinen Fingern, murmelt einen Kraftausdruck und schüttelt den Kopf. Er lacht gerne, aber beim Drogenschmuggel hört der Spass auf für den Chef des Dienstbereichs Betäubungsmittel der Eidgenössischen Zollverwaltung. Er ist überzeugt, dass die dreiköpfige Besatzung des VW zur Drogenmafia gehörte. Einer lenkt, der Beifahrer verhandelt mit Käufern und kassiert ein, der Dritte auf dem Rücksitz nimmt das Kokain aus dem Hohlraum und reicht es durchs Fenster. Mindesteinkaufsmenge 500 Gramm, im Auto sassen die Lieferanten der Strassendealer. Andreas Trachsel jagt nicht die kleinen Fische.

«Wir führen den Kampf gegen die organisierte Kriminalität», sagt Trachsel, während er durch zwei Bunker bei Interlaken führt. Es ist das erste Mal, dass der Zoll Einblick gibt in diesen Teil seiner Arbeit. Wie gross die Betäubungsmitteleinheit ist: keine Auskunft, aus taktischen Gründen. Auch den Standort der Bunker will der frühere Kriminalpolizist nicht veröffentlicht sehen, damit «die andere Seite» nicht Bescheid wisse. In den früheren Militäranlagen lagert die Zollverwaltung hinter meterdickem Beton zwei Dutzend Schmuggelfahrzeuge, bis das juristische Verfahren abgeschlossen ist.

Was Schmuggler schmerzt

An diesem Punkt sind vier Allerweltswagen angelangt, Nissan, Citroën, Toyota. Ein Lastwagen fährt auf, ein Kranarm packt einen grauen Volvo. Ein Auto ums andere kommt auf den Lastwagen, dann gehts zur Schrottpresse. «Das tut den Schmugglern mehr weh, als wenn wir einige Kilo Kokain einziehen», sagt Trachsel. Ohnehin seien die Autos für die Strasse nicht mehr sicher genug, zu viel sei daran herumgebastelt worden.

Die konfiszierten Schmuggelfahrzeuge werden in einem geheimen Lager aufbewahrt. Foto: Christian Pfander

Die plumperen Verstecke sind in Rücksitzen oder im Handschuhfach eingebaut und öffnen sich mit einem einfachen Klick. Andere zeugen von bemerkenswerter Kreativität, etwa eine Autobatterie, deren Batterieteil nur noch halb so hoch ist wie das Original. Der Hohlraum darunter fasst mehrere Kilo Heroin. Einige Fächer sind technisch ausgeklügelt: Zuerst drückt man den Knopf für die Heckscheibenheizung, dann auf den Zigarettenanzünder auf dem Rücksitz – erst dann öffnet sich im Kofferraum eine verborgene Klappe. Würden die Konstrukteure ihren Erfindergeist für die Weiterentwicklung erneuerbarer Energien einsetzen, wären Klimademos längst überflüssig.

Gemein ist allen Fahrzeugen in den Bunkern, dass ihre Verstecke leer waren oder Bargeld enthielten, als sie im Netz der Behörden hängen blieben. Wie genau das geschieht, will die Zollverwaltung nicht verraten. Zöllner hätten eine Nase für verdächtige Personen, heisst es. Zum Einsatz kommen aber auch Kameras, Hunde und Röntgenapparate. Stossen die Zöllner auf Drogen, müssen sie die Polizei einschalten. Bei leeren Geheimfächern oder Bargeld mit Verdacht auf Geldwäscherei hingegen ist der Zoll verantwortlich. Der hat für Andreas Trachsel einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Strafverfolgern.

«Trachsel, du spinnst»

Als Finanzbehörde stützt sich die Zollverwaltung auf andere rechtliche Grundlagen als die Polizei. Jene braucht oft einen richterlichen Entscheid für eine Beschlagnahmung. Die Zöllner hingegen dürfen bei Verdacht auf Schmuggel oder Geldwäscherei Fahrzeuge und Geld «einziehen», wie es im Jargon heisst. Trachsel hat entschieden, die Gesetzestexte offensiv auszulegen. «Die Juristen sagten mir: Trachsel, du spinnst. Damit kommst du in Lausanne nie durch», erzählt der frühere Polizist. Inzwischen haben die Bundesrichter zwei Grundsatzurteile gefällt, eines 2018, eines im Februar dieses Jahres. «Die Zollverwaltung darf nicht nur Fahrzeuge und Bargeld einziehen, sie ist sogar dazu verpflichtet», sagt Trachsel stolz.

Bei 35 Schmuggelgefährten haben die Beamten im vergangenen Jahr zugeschlagen, 3,2 Millionen Franken Bargeld zogen sie ein. Bisher mussten sie nur ein Auto wieder hergeben, sagt Trachsel: Nachdem sie im Auspuff eines Porsche Cayenne ein Drogenversteck ausfindig gemacht hatten, ersetzten sie das Teil, der Geländewagen war wieder fahrtüchtig. Bargeld hat Trachsels Einheit noch nie freigeben müssen. Die Banknoten lässt sie von der jeweiligen Zentralbank vernichten, der Gegenwert wird der Zollverwaltung gutgeschrieben. Es ist ein gutes Geschäft für die Bundeskasse.

Kämpft gegen die Mafia: Andreas Trachsel von der Zollverwaltung. Foto: Christian Pfander

Den Verdacht auf Schmuggel oder Drogengeld überprüfen die Zöllner in einem mobilen Labor in einem Lieferwagen. Zöllner Dello Buono holt einen Abstrich im Drogenversteck und steckt den Teststreifen in ein Gerät namens Itemiser. Sekunden später zeigt ein Warnton Spuren illegaler Substanzen an – Kokain. Auch auf Banknoten aus dem Drogenhandel lassen sich Ablagerungen nachweisen. Die aus dem Bankomaten hingegen sind fast immer sauber.

Die beliebteste Währung der Drogenhändler scheint der Euro zu sein, die Zöllner ziehen zweimal mehr Euro ein als Franken. «Die kommen aus Belgien, fahren durch Deutschland nach Frankreich – und an der Schweizer Grenze steht plötzlich ein Zöllner», sagt Trachsel über die Schmuggler. «Oft wissen die gar nicht, dass da mitten in Europa doch noch eine Zollgrenze besteht.» Seit der Abschaffung der Grenzkontrollen im Schengen-Raum sei Europa «ein Eldorado für die organisierte Kriminalität», ist er persönlich überzeugt.

«Schweiz ist Drehscheibe»

Die Schweiz dient allerdings keineswegs nur als Transitland. «Die Schweiz ist eine Drehscheibe des europäischen Drogenhandels», sagt Trachsel. Davon müsse er aufgrund seiner Erkenntnisse ausgehen. 2,8 Tonnen Khat, 1,4 Tonnen Marihuana-Erzeugnisse, 145 Kilo Kokain, 90 Kilo Heroin und 54 Kilo Designerdrogen hat die Zollverwaltung im vergangenen Jahr erwischt.

«Es kommen viel mehr Drogen in die Schweiz, und dies über alle Verkehrswege, als in der Schweiz konsumiert werden», sagt Trachsel. Kokain und Heroin gelangten in hoher Konzentration ins Land, würden hier mit Streckmitteln vermischt und danach ins nahe Ausland ausgeführt. Kein Wunder, war der allergrösste Teil der eingezogenen Fahrzeuge mit ausländischen Nummernschildern unterwegs.

Die Autos werden zum Verschrotten abtransportiert. Foto: Christian Pfander

Norditalien, Savoyen, Baden-Württemberg: All diese Nachbarregionen würden aus der Schweiz mit Drogen versorgt. Der Grund dafür seien die vergleichsweise milden Strafen diesseits der Grenze. Trachsel erzählt, neulich sei den Schweizern ein Schmuggler mit 600 Kilo Khat entwischt. Hier hätte er etwa 400 Franken Busse bezahlt, schätzt Trachsel. In Frankreich ging der Mann der Polizei ins Netz und erhielt vier Jahre Haft. Diese Unterschiede wisse die Mafia zu nutzen. In einem Fall hätten die Zöllner einem Arbeitslosen aus Italien mit Herkunft Kosovo oder Mazedonien Auto und Bargeld abgenommen. «Dieser arbeitslose Mann hat sofort gewusst, welchen Anwalt er anrufen muss, einen renommierten Wirtschaftsanwalt aus Lugano», sagt Trachsel sarkastisch.

Das Drogengeschäft geht weiter

Dass die Mafia sich in der Schweiz breitmacht, bestätigt der jüngste Jahresbericht des Bundesamts für Polizei (Fedpol). Positiver fällt aber dessen Schengen-Bilanz aus: Der Zugang zu den europäischen Informationssystemen habe die Polizeiarbeit revolutioniert, sie sei schneller und wirkungsvoller geworden, 300'000-mal täglich greifen Schweizer Beamte darauf zu.

Trotzdem sagt der Chef des Dienstbereichs Betäubungsmittel der Zollverwaltung, er fühle sich wie Sisyphus: Ungeachtet aller Fahndungserfolge läuft das Geschäft mit den Drogen weiter. Allerdings ist das Koketterie. Andreas Trachsel liebt es, der Mafia eins auszuwischen, auch seine Leute packt er beim sportlichen Ehrgeiz. Er zeigt auf eine Holztafel an der Rückwand eines Bunkers, 67 Nummernschilder aus ganz Europa hängen daran: «Ich würde nie sagen, dass das unsere Trophäenwand ist.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.06.2019, 19:10 Uhr

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In Zahlen

35 Autos
hat der Schweizer Zoll im vergangenen Jahr eingezogen wegen Hinweisen, dass sie als Werkzeug zum Schmuggel von Drogen, Geld oder Gold dienten.

3.2 Millionen
Franken an Bargeld und Edelmetallen blieben im Netz der Zöllner hängen. Der Betrag fliesst in die Bundeskasse, Banknoten mit Drogenspuren werden vernichtet.

2.8 Tonnen
Khat hat die Eidgenössische Zollverwaltung im vergangenen Jahr beschlagnahmt. Gemessen am Gewicht, waren die bei Ostafrikanern zum Kauen beliebten Blätter die meistgefundene Droge.

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