Der Frühling der anderen

Wenn der Mensch nicht mehr sich selbst sein kann.

Mensch und Tier reagieren auf die gesteigerte Sonne, die Wärme und auf ihre Umgebung. Foto: Keystone

Mensch und Tier reagieren auf die gesteigerte Sonne, die Wärme und auf ihre Umgebung. Foto: Keystone

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Man kann ihm nicht entrinnen. Und diesmal machte er sich sogar bemerkbar, bevor man ihn erwartet hat. Wenn die Temperatur wieder steigt, der Tag früher beginnt und länger dauert, es summt und zwitschert, vieles blüht und grünt, alles fliesst und riecht, und das über mehrere Wochen, die Sonne einen beschämt, die Motor­räder im Quartier angeben, Frauen auf Balkonen sitzen und Männer die Cafés füllen, beide auf die Velos steigen, die Wälder bevölkern und ihre Hunde mitnehmen, dann ist der Lenz da. Die Leute sind gut gelaunt, meistens, und die Welt sieht verliebter aus, man will es gerne glauben, auch wenn sie es nicht ist.

Mensch und Tier reagieren auf die gesteigerte Sonne, die Wärme und auf ihre Umgebung. Alle strömen nach draussen, weil sie es drinnen nicht mehr aushalten. Da fallen besonders jene auf, die sich so frei fühlen und sich der Mehrheit nicht anschliessen wollen. Depressive Menschen etwa leiden noch mehr, wenn die anderen aufblühen. Sie können sich auf die fröhliche Stimmung nicht einfach so einlassen. Aber da sind auch noch jene, die sich dem Gruppendruck freiwillig nicht fügen und hingebungsvoll zu Hause bleiben, um auf dem Sofa zu lesen und in der Küche zu kochen, sich einen Film anzuschauen und früh ins Bett zu gehen.

Es ist nichts dabei, man tut es, und das sehr gerne, aber halt nicht wie die anderen. Dabei bleibt der Frühling noch launisch und geht mit dem schönen Wetter und warmen Temperaturen noch nicht so weit wie der Sommer.

Bis man wieder ganz frei und Mensch sein darf, also bis es wieder regnet, die Tempera­turen kälter und die Tage schneller dunkel werden, muss man Geduld haben. Ab dem 21. Juni, dem Tag nach dem längsten Tag, kann man sich zu Hause wieder einrichten und Herbst und Winter freudig erwarten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 19:53 Uhr

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