Der geduckte Gang

Seit Köln wird ausgiebig über das Frauenbild in der arabischen und westlichen Welt diskutiert – aus der Perspektive der Männer. Aber wie sehen sich die Frauen selbst?

Allein unter der Hardbrücke in Zürich, frühmorgens. Foto Gaeëtan Bally (Keystone)

Allein unter der Hardbrücke in Zürich, frühmorgens. Foto Gaeëtan Bally (Keystone)

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Als Frau muss man sich einiges anhören und über sich ergehen lassen. Bemerkungen zur Kleidung, zur Frisur, zur Figur. Erstaunen darüber, wenn man eine Meinung hat oder gar Humor. Offensive Blicke in der Bar, offensives Ignorieren am Arbeitsplatz oder anderes, das die Lächerlichkeit überschreitet. Auch scheinbar zufällige Berührungen ergeben sich oft – vor allem, wenn schon getrunken wurde. Es scheint: Allein die Tatsache, eine Frau zu sein, provoziert.

Das wäre kein Problem. Man kennt es ja. Meistens hat man die Möglichkeit, etwas zu entgegnen, zurückzugeben oder wegzulächeln – je nachdem, wie man sich fühlt, und je nachdem, wer das Gegenüber ist. Bestimmte Einschränkungen nimmt man in Kauf. Als Frau hat man sich daran gewöhnt, dass man zu später Stunde wenn möglich nicht allein unterwegs sein sollte. Dass man in Tram oder Zug reflexartig die Umgebung auf mögliche Gefahren absucht. Oder dass man gewisse Anlässe wie die Fasnacht meidet, weil man keine Lust auf alkoholisierte Männer hat, die mit Maske noch enthemmter sind.

«Die Gefahr hat sich nicht vergrössert, sondern wird in ihrem extremem Mass sichtbar.»

Auf diese Arten versuchen Frauen, die Kontrolle über ihre Unversehrtheit zu behalten. Vorfälle wie in Kairo und Köln machen solche Massnahmen nicht zwingender, aber auch für Nichtbetroffene verstehbar. Die Gefahr hat sich nicht vergrössert, sondern wird in ihrem extremem Mass sichtbar.

Sichtbar wird anhand der Debatte nach Köln noch etwas weit Wichtigeres. Ein Mechanismus nämlich, mit dem man immer wieder konfrontiert ist und der schlimmer ist als ein Spruch über die Frisur: dass die Männer die Deutungshoheit über das beanspruchen, was Frauen widerfährt. Die Diskussion dreht sich um das Frauenbild der arabischen und europäischen Männer. Und alle richten ihren Blick auf die Frau. Wieder einmal darf sie nur als Objekt auftreten. Wieder sind die Frauen der Gegenstand – über sie wird hergefallen, über sie wird gesprochen. Das stilisierte Opfer schlechthin.

Hauptsache beliebt und gefällig

Und die Frauen? Auch das überrascht nicht: Sie schweigen. Oder passen sich der Norm an, indem sie das Frauenbild der Männer übernehmen. Dabei versäumen sie, die entscheidenden Fragen zu stellen: Wie sehen sie sich selbst? Welche Vorstellungen haben sie von ihrem Platz in der Gesellschaft? Einer Gesellschaft, die nicht immer, aber oft bedrohlich für sie ist? Fragen, die alle angehen und die jede Frau für sich beantworten müsste – dringend.

Aber wie immer nach einer Debatte über das Verhältnis von Frau und Mann fallen beide Seiten wieder in ihre Muster zurück. Das zeigt sich aktuell an Köln: Die Analysen der Ereignisse klingen so, als hätte sich an der Situation der Frau in den letzten Jahrzehnten nichts geändert. Als wäre sie in ihrer Rolle verharrt und überfordert mit der Freiheit, die sich Generationen vor ihr erkämpft hatten. Denn sagt sie etwas, könnte das auf Unverständnis stossen – und unbeliebt machen will sie sich zuallerletzt.

«Frauen müssten sich mutiger durch den Raum bewegen, auch den öffentlichen.»

Es ist schlimm, aber offensichtlich: Nach wie vor spielt es für Frauen eine grosse Rolle, was andere über sie denken oder denken könnten. Klar zieht man selbstbewusst jenes Kleid an, das einem gefällt. Aber man rechnet immer auch schon mit den Reaktionen, die es auslösen könnte. Natürlich ist man von der Annäherung eines Kollegen geschmeichelt. Ihn zurückzuweisen, wagt man dann aber doch nicht auf Anhieb: Er könnte den Eindruck gewinnen, man fühle sich als etwas Besseres. Klar wollen Mütter selbstbewusste Töchter, die sich nehmen, was sie sich wünschen. Und doch sind sie erst beruhigt, wenn sie diese in sicherer Begleitung ihres Freundes wissen.

Frauen wägen ständig ab. Entweder tun sie nichts dergleichen oder empören sich, wenn sie unter sich sind. Entweder passen sie sich an oder retten sich in den Trotz. Ein unbeschwertes Dazwischen scheint es nicht zu geben. Dabei müssten sich Frauen mutiger durch den Raum bewegen, auch den öffentlichen. Sie müssten mehr den Platz für sich beanspruchen, den sie voreilig den Männern überlassen. Und sie müssten sich die Frage nach dem Selbstbild jeden Tag aufs Neue stellen. Nur so hören sie auf, sich zu ducken, und gehen endlich aufrecht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2016, 23:20 Uhr

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