Die Angst im Mittelstand wächst

Die Mitte spürt: Schlechter fährt, wer mehr leistet, und reagiert verbittert – oder zieht die Konsequenzen.

Es geht dem Mittelstand noch gut, aber das Niveau zu halten, wird anstrengender. Foto: Stephan Torre (Keystone)

Es geht dem Mittelstand noch gut, aber das Niveau zu halten, wird anstrengender. Foto: Stephan Torre (Keystone)

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Die Schweiz definiert sich seit jeher aus ihrer Mitte heraus. Politisch gibt keine abgehobene Elite – kein Establishment – den Ton an. Das Land hat sich dem Pluralismus seiner Bürger verpflichtet. Es setzt auf ein Milizsystem, pflegt die Konkordanz und sucht den Kompromiss.

Trotz international prosperierender Konzerne wie Nestlé oder Novartis und einiger Boni-Exzesse à la Wallstreet versteht sich die Schweiz auch wirtschaftlich als Mittelstandsnation. Sie ist stolz auf ihre Berufsbildung und ihre KMU. Die kleinen und mittleren Betriebe machen mehr als 99 Prozent aller Schweizer Unternehmen aus und beschäftigen über zwei Drittel aller Erwerbstätigen im Land.

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Dieser Mitte verdankt die Schweiz massgeblich ihren Wohlstand, und so ist es beruhigend zu erfahren, dass es der tragenden Säule des politischen und wirtschaftlichen Systems weiterhin gut geht. Das Bundesamt für Statistik schreibt in einer am Montag publizierten Studie, dass sich die viel diskutierte These eines finanziell übermässig belasteten Mittelstands statistisch nicht erhärten lasse. Die Umverteilung durch Steuern und Abgaben blieb zwischen 1998 und 2013 konstant. Die Mittelschicht, zu der nach gängiger Definition die mittleren 60 Prozent der Einkommensverteilung zählen, erodiert nicht.

Die Auslese im Arbeitsmarkt ist heute härter – selbst KMU buhlen global um die besten Köpfe.

Im Mittelstand gibt es aber ein starkes Gefälle. So geht es der unteren Mitte, zum Beispiel Alleinlebenden mit einem monatlichen Bruttolohn von knapp 4000 Franken oder einer vierköpfigen Familie mit insgesamt 8300 Franken, heute deutlich schlechter als dem Rest. Jeder Vierte kämpft mit finanziellen Schwierigkeiten. Die untere Mittelschicht lebt zudem häufiger in schimmligen Wohnungen, sie pflegt seltener soziale Kontakte und klagt häufiger über gesundheitliche Beschwerden.

Angst vor persönlichem Versagen

Zufrieden ist aber auch die mittlere und obere Mittelschicht immer weniger. Vor allem die erwerbstätige Bevölkerung fühlt sich zunehmend um die Früchte ihrer Arbeit betrogen. Selbst den obersten Mittelstand, etwa Alleinlebende mit einem monatlichen Bruttolohn von rund 8500 Franken oder eine Durchschnittsfamilie mit insgesamt beachtlichen 17'800 Franken, beschleicht die diffuse Angst vor einem Abstieg.

Da ist die Angst vor dem persönlichen Versagen. Ein guter Lehr- und Studienabschluss verspricht keinen beruflichen Erfolg mehr. Weiterbildung garantiert keinen Aufstieg. Die Auslese im Arbeitsmarkt ist heute härter – selbst KMU buhlen global um die besten Köpfe. Das Risiko, aus dem Raster zu fliegen, wächst. Der Soziologe Heinz Bude spricht von einer Logik des «Winner takes all». Der Erste bekommt alles, alle anderen gehen leer aus.

Gleichzeitig leidet der Mittelstand an den wachsenden Ansprüchen an sich selbst. Ein Haus mit Umschwung, Hobbyraum und Kinderzimmern. Zwei Autos in der Garage. Ferien am Meer. Luxus kann jeder, suggeriert der Zeitgeist – und der Mittelstand rackert sich ab und wirkt zunehmend erschöpft. Die Angst, den Anschluss zu verlieren, wächst.

Der Staat wiederum steht unter Pauschal­verdacht, ungerecht zu handeln. Vor allem der mittlere und obere Mittelstand fühlt sich durch staatliche Umverteilung und falsche Leistungsanreize geschröpft. Tatsächlich wird diese Einkommensgruppe stärker belastet, während die untere Mitte von steuerlichen Entlastungen, tieferen Tarifen und Transferzahlungen profitiert. Das hielt der Thinktank Avenir Suisse schon vor vier Jahren im Buch «Der strapazierte Mittelstand» fest und nannte es ein Nullsummenspiel.

Schlechter fährt, wer mehr leistet

Die Mitte aber spürt: Schlechter fährt, wer mehr leistet, und reagiert verbittert – oder zieht die Konsequenzen. So kam Ökonomin Monika Bütler bereits 2006 zum Schluss, dass für erwerbstätige Mütter jede Erhöhung ihres Arbeitspensums mit einer teilweise massiven Verteuerung der Kinderbetreuung einhergeht. Unter dem Strich zahlt sich die Doppelbelastung für viele Frauen bei solchen Anreizsystemen nicht aus.

Der nächste Schub der Digitalisierung droht zudem weltweit Millionen von Stellen zu vernichten – unter anderem in traditionell starken Schweizer Märkten.

Schliesslich beängstigen aber auch internationale Trends den Schweizer Mittelstand. Die Globalisierung verlagert Jobs ins billige Ausland und setzt im Inland Löhne und Arbeitsbedingungen unter Druck. Der nächste Schub der Digitalisierung droht zudem weltweit Millionen von Stellen zu vernichten – unter anderem in traditionell starken Schweizer Märkten wie dem Banken- und Versicherungssektor. Der hiesige Mittelstand liest von chinesischen Schülern, die ihre Sommerferien fürs Lernen verwenden, und von Autos, die selbst durch die Strassen steuern, und wird das Gefühl nicht los, einer auslaufenden Epoche anzugehören. Zur Erschöpfung und Verbitterung kommt laut Soziologe Bude die Verabschiedung.

Statt die Aufmerksamkeit vor allem auf die untere Mitte zu lenken, wie die Studienautoren des Bundesamtes für Statistik vorschlagen, muss die Politik deshalb dem Mittelstand in seiner ganzen Breite vermehrt Beachtung schenken. Sonst läuft sie Gefahr, den Mittelstand noch mehr an die polternden Populisten links und rechts zu verlieren. Alarmierend ist, dass laut der aktuellen BfS-Studie bereits heute nur noch gut jeder Dritte dem politischen System grosses Vertrauen entgegenbringt. Die Zeit also drängt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2016, 20:20 Uhr

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