Der grosse Kampf

Beim Hildebrand-Prozess fällt heute das Urteil. Wer dabei fehlte, war der Namensgeber selbst. Wie steht sein Fall? Kein Nationalbankchef fightete wie er, keiner fiel wie er.

Ein Nationalbankchef, der undenkbar war, bevor er als solcher gewählt wurde: Philipp Hildebrand. Foto: Gianluca Colla (Bloomberg)

Ein Nationalbankchef, der undenkbar war, bevor er als solcher gewählt wurde: Philipp Hildebrand. Foto: Gianluca Colla (Bloomberg)

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Am Ende gab es keinen Prozess gegen Philipp ­Hildebrand. Schlicht, weil beim Gesetz gegen Insiderhandel kein Jurist daran gedacht hatte, Devisentransaktionen in den Katalog zu schreiben. ­Niemand hatte sich vorstellen können, dass je ein Nationalbanker unter Verdacht geraten würde.

Tatsächlich war ein Nationalbanker wie Philipp Hildebrand fast unvorstellbar, bevor er 2003 gewählt wurde. Zuvor waren nur Leute infrage ­gekommen, die Seriosität gleich doppelt ausstrahlten: durch Lebenslauf und Langeweile.

Hildebrand war alles andere als langweilig. Er sah als ehemaliger Spitzenschwimmer blendend aus. Und er sorgte dafür, dass man es nicht übersah. Er trainierte den 1,94 Meter langen Körper, wählte die Manschettenknöpfe stets in der Farbe der Krawatte und prüfte die Fotos für die Presse. Man spottete, sein Coiffeur werde ein reicher Mann: allein durch den Verkauf von Haargel.

2009, als er zum jüngsten Präsidenten in der Geschichte der Nationalbank ernannt wurde, stand er auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit: Die Banker lobten seine Vernetzung, die Parteien seine Integrität, und der Presse gefiel, dass in seinem Büro ein Muhammad-Ali-Poster hing.

Das Poster war Programm. Schon mit seiner ersten Rede schockte Hildebrand die Finanzbranche. Er sagte, man müsse verhindern, dass die Schweiz wieder «in eine Art Geiselhaft» einer Grossbank ­gerate: So wie im Vorjahr, als die UBS fast Pleite ­gemacht hätte. Und er präsentierte Pläne: von der massiven Erhöhung des Eigenkapitals bis zur Zwangsaufspaltung. Damit erstarb der Applaus, ­zumindest in der Finanzwelt. Noch nie hatte ein ­offizieller Vertreter der Schweiz die Banken derart frontal angegriffen. Der Kampf begann.

Zweifler und Haifische

Als Philipp Hildebrand 2003 als jüngster Nationalbanker der Geschichte ins dreiköpfige Direktorium der Nationalbank gekommen war, hatte er nur einen einzigen ernsthaften Job hinter sich: eine steile Karriere im erfolgreichen US-Hedgefonds Moore Capital. Dort war er als Spürhund fünf Jahre von Land zu Land geflogen – und hatte drei Dinge dabei gesammelt: 1. Die Telefonnummern aller wichtigen Finanzleute der Welt. 2. Ein Millionenvermögen, mit dem er nie wieder arbeiten musste. 3. Die lässige Überzeugung, dass Banker in ihrer Mehrheit Dummköpfe waren.

Letzteres gehörte quasi zum Beruf. Die Überzeugung, dass Banken Unfug bauen, ist das Kerngeschäft von Hedgefonds: Diese leben davon, die Lücken im System zu erkennen. Während Banker tendenziell positiv denken – sie investieren und versuchen, Kunden zum Investieren zu bringen –, sind Hedgefonds-Leute negative Köpfe: Ihr Job ist es, nichts Offizielles zu glauben. Sie suchen Denk­fehler und verpasste Gelegenheiten bei anderen Profis: Und wetten gegen sie. Das macht sie zu den Zweiflern und Haifischen der Finanzwelt.

Es war dieser Hedgefonds-Instinkt, der Hildebrand schon früh sagte, wo es stank. Schon im ­Sommer 2007, nach den ersten Verlusten, warnte er vor der Instabilität des Finanzsystems. Als sich im Frühling 2008 alles scheinbar erholte, galt er in der Branche als Schwarzseher.

Das endete, als die grösste Schweizer Bank, die UBS, vollgestopft mit Schrottpapieren, im Herbst faktisch bankrott wurde. Zwei Wochen zuvor erlitt der bankennahe Finanzminister Hans-Rudolf Merz einen Herzinfarkt: ein, wie man später aus Bankenkreisen hörte, enormes Glück für die Schweiz. Denn Merz habe seine Beamten gestoppt, an einem UBS-Rettungsdossier zu arbeiten: Teils aus Ideologie, teils, weil er es nicht glauben konnte, dass eine Schweizer Grossbank implodieren könne.

Merz’ Stellvertreterin Eveline Widmer-Schlumpf übernahm, und sie hörte auf die einzige Institution, die im Chaos noch a) einen Plan, b) die Finanzen und c) die Glaubwürdigkeit hatte: die Nationalbank. Sie benutzte ein so cleveres wie waghalsiges Konstrukt einer Finanzspritze von über 40 Milliarden Franken und eines Fonds für Schrottpapiere.

Eigentlichwar es ein Klacks, aber er brach ihm das Genick.

Damit war die Schweizer Nationalbank – wie viele westlichen Nationalbanken auch – plötzlich in einer völlig neuen Rolle: eines Actionhelden, halb Retter, halb Aufräumer. Letzteres geschah auch personell. An der Rive-Reine-Tagung im Januar 2009 gab Hildebrand dem UBS-Chef Marcel Ospel den Gnadenstoss, als er der versammelten Wirtschaftselite zum ersten Mal zeigte, dass die UBS ihre gigantischen Spekulationen mit nur 1,5 Prozent Eigenkapital unterlegt hatte. Der UBS-Chef Ospel, bleich und aufgedunsen, erschien nicht mehr zum Abendessen und trat bald darauf zurück.

Die UBS-Rettung galt als Meisterstück der Nationalbank: Sie, und mit ihr der Chef Hildebrand, galten als einzige glaubwürdige Institution.

Kein Wunder, gab es von Anfang an Trommelfeuer: Er ist eitel. Er will sich profilieren. Er ist ein risikoscheuer Moralist. Er verpasst uns Bleiwesten. Er ruiniert das Land. Etc. Es war ein steter Strom von Gerüchten und Klatsch, der vom Finanzplatz in die Presse gelangte. Der Grund war, dass Hildebrand sein Amt so offensiv anging wie sein Boxerplakat.

Er kämpfte öffentlich für härtere Bankenregeln: Sonst könne die Schweiz das Schicksal Irlands oder Islands erleiden. («Island! Er vergleicht uns mit Island!», empörte sich ein Banker.) Und er hatte, dank des Thinktanks der Nationalbank, auch die Munition: Als die Grossbanken das Investmentbanking für unverzichtbar erklärten, konterte ­Hildebrand kühl mit einer Studie, die bewies, dass beide Grossbanken in den USA nur Geld verloren hatten. Die einzige Gewinner der Expansion waren die Bankchefs: durch Boni in US-Höhe.

Und auch sonst interpretierte Hildebrand die Rolle der Zentralbank alles andere als diskret: Im Sommer 2010, als die Finanzkrise zur Eurokrise mutiert war, investierte er über 100 Milliarden Franken in den Euro – eine Aktion zur Schwächung des Frankens, die dunkel mit «Deflationsbekämpfung» begründet wurde.

Damals stand der Franken auf 1.40 zum Euro – und die Milliarden verpufften. Das war der Fehler, auf den seine Feinde nur gewartet hatten.

Die Feinde, das waren die Grossbanken und ein finanziell-politischer Clan: Christoph Blocher, ein Verbündeter und Freund Ospels, sah Gelegenheit zur Rache und dazu, dass die SVP Partei Nummer 1 auf dem Finanzplatz werden könnte. Wochenlang forderten die SVP und ihre Prätorianergarde von der «Weltwoche» Hildebrands Rücktritt. Schliesslich knickte die Nationalbank ein – und erklärte Deflationsgefahr plus Eurokäufe für beendet. Worauf die Spekulanten die Schwäche der angeschossenen Nationalbank sofort nutzten. Der Kurs des Euro sank in den Keller – mit riesigen weiteren Buch­verlusten der Nationalbank. Ein Desaster.

Zwei Siege, eine Katastrophe

Erst, als die Lage wirklich ernst wurde, und der Franken wie ein Stein einem Wechselkurs 1:1 zum Euro entgegenraste, gewann die Nationalbank wieder Tritt: Am 6. September 2011, 10 Uhr morgens, trat Nationalbankpräsident Hildebrand vor die Presse und verkündete, dass man ab sofort keinen Kurs unter 1.20 mehr tolerieren würde. Und im Notfall unbeschränkt Euros kaufen würde.

Es war ein kühnes Pokerspiel, aber es wirkte. Verblüffenderweise kostete der Mindestkurs die Nationalbank fast nichts: Innert 35 Minuten pendelte sich der Kurs auf über 1.20 ein. Offensichtlich nahm man Hildebrand ab, dass er wahnsinnig ­genug war, seine Drohung umzusetzen.

Kurz danach ging, ebenfalls verblüffend reibungslos, die Bankenregulierung durchs Parlament (gegen den Widerstand der SVP). Der Grund für diesen Coup war Zufall und Glück. Den Widerstand der Banken hatte der UBS-Chef Oswald Grübel angeführt. Und der hatte sich kurz vor der Abstimmung unmöglich gemacht, als ein Händler in London über 2 Milliarden Franken verspielt hatte.

Es war Hildebrands letzter Sieg. Einer seiner vielen Feinde – ein Informatiker und SVP-Mitglied – entwendete seine Bankdaten. Diese belegten eine höchst heikle Devisenspekulation: Drei Wochen vor der Einführung des Mindestkurses waren auf seinem Konto 400 000 Franken in US-Dollar gewechselt worden. Die, nach Einführung des Mindestkurses, durch den schwächeren Franken quasi automatisch 75 000 Franken Gewinn brachten.

Eigentlich ein Klacks für den Multimillionär Hildebrand, aber er brach ihm das Genick. Denn die Papiere landeten bei seinem Erzfeind Christoph Blocher. Die Doppelzange SVP und die «Welt­woche» griff erneut an, diesmal mit Erfolg.

Philipp Hildebrand konnte nicht beweisen, dass die Transaktion durch seine Frau Kashya durch­geführt wurde – eine Galeristin, ehemalige Devisenhändlerin und – wie er sagte – «starke Persönlichkeit». Zwar hatte Hildebrand am nächsten Tag seiner Bank per Mail verboten, weitere Transaktionen zu tätigen, aber der Fehler war längst passiert: Er hatte das private Spekulieren nicht mit Antritt ­seines Jobs aufgegeben.

Am 9. Januar 2012 trat er zurück.

Über den Jordan

Danach hielt Christoph Blocher am Albisgüetli eine einstündige Triumphrede über seinen Kampf gegen den «geschniegelten Schnösel». Der neue Chef der Nationalbank wurde Thomas Jordan, ein Mann, so solid wie ein Stück Eiche. Am 15.Januar 2015 setzte Jordan, nervös durch die Vorstellung, ein Meer an Euros austrinken zu müssen, wenn die Europäischen Zentralbank den Markt damit flutete, den Mindestkurs wieder ab.

Was für Folgen Jordans Entscheid hat, weiss nur die Zukunft: Da Arbeitsplätze zwar für immer, aber nur schleichend abwandern. Ebenso bleibt im Dunkeln, ob ein Fighter wie Hildebrand nicht den Kampf gegen das Meer aufgenommen hätte.

Hildebrand fiel wie eine Katze: Er bekam einen Lehrauftrag in Oxford und einen Chefposten bei Blackrock, einem riesigen Hedgefonds. Er und seine Gattin trennten sich kurz nach dem Skandal, aber wenig später wurde Hildebrand an der Seite einer der mächtigsten Frauen der Welt gesehen: von Margarita Dreyfuss, der Witwe eines Rohstoffhändlers. Sie trägt den Spitznamen «die blonde ­Zarin», ist Konzernchefin und drei Milliarden Franken schwer. Diesen März bekam das Paar Zwillinge.

Und das Fazit? Hildebrand stolperte über seine grösste Stärke: Dass er als Aussenseiter die ungeschriebenen Regeln nicht als gegeben nahm. Das liess ihn bei seinen privaten Spekulationen die Vorsicht vergessen. Doch dasselbe ermöglichte ihm Aussergewöhnliches: Ohne einen Mann, der Konventionen im Zweifel als Dummheit sah, hätte die Schweiz die gefährlichste Krise seit Jahrzehnten nie so gut überstanden: Hildebrand war bei der UBS-Rettung dabei, er bewahrte die Industrie mit einem kühnen Coup vor einem brutalen Schock, er bekämpfte das grösste Risiko für die Schweizer Wirtschaft: die Implosion einer Grossbank.

Wenn es Gerechtigkeit (und griffigere Gesetze) gäbe, müsste Philipp Hildebrand ebenfalls vor ­Gericht stehen: Wahrscheinlich mit Freispruch, aber trotzdem. Und er müsste gleichzeitig eine Auszeichnung bekommen: Wenige Leute haben je in so kurzer Zeit so viel für dieses Land getan.

Ja, einen Prozess hätte er verdient. Und den höchsten Orden. Beides.

Erstellt: 12.04.2016, 21:41 Uhr

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