Der grosse Shitstorm

Die ehemalige Nationalratskandidatin Tamy Glauser über den Shitstorm, der ihre Kandidatur beendete – zur Freude der politischen Konkurrenz.

Das Model Tamy Glauser wollte für die Grünen in den Nationalrat.

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Am Anfang von grossen Entscheidungen steht meistens ein Satz. Ein Satz, den irgendjemand zufällig sagt, der aber hängen bleibt und dann immer deutlicher wird. Zu Tamy Glauser sagte vor rund drei Wochen jemand: «Du machst es ja gar nicht für dich.» Als sie den Satz mit «Stimmt» beantwortet, fällt alle Last von ihr ab.

Das Model wollte mit seiner Kandidatur für den Nationalrat etwas Gutes für die Schweiz bewirken. «Aber wie soll ich etwas Gutes bewirken, wenn es mir selber nicht gut geht?» Sie sitzt Anfang August in einem Café im Zürcher Niederdorf, blinzelt in die Sonne, der Kellner bringt einen Schirm. Der Hass ist verebbt. Endlich.

Die Frau – androgyn, homosexuell, abseits der Norm – hat schon vor ihrer Kandidatur für die Grünen viel davon abgekriegt. Warum war es jetzt zu viel? «Man kann meine Haltungen kritisieren, was ich mache, wer es nötig hat, sogar, wie ich aussehe. Mich als dumm hinstellen, das war mir zu viel», sagt sie. «Irgendwann hatte ich keine Plattform mehr, um mich zu rechtfertigen. Irgendwann war es egal, was ich sagte.»

Beginn eines Märchens

Dabei hat alles perfekt begonnen. Die Tischtücher schneeweiss, schneeweiss die Stuhlüberzüge, blutrot das Blumendekor. Die Herbstsonne scheint auf die Terrasse des Berner Kursaals – eine Galanacht beginnt. Die grüne Nationalrätin Sibel Arslan nimmt den Swiss Diversity Award in der Kategorie Politics entgegen, geht an ihren Tisch, wo Tamy Glauser sitzt. Zwischen den Frauen entspinnt sich ein Gespräch, das endet mit: «Mädchen, du musst in die Politik.» Der Abend dieses 29. September 2018 hätte der Anfang für das Politmärchen von 2019 werden sollen. Es sollte früher enden – und mit einer Tragödie.

Wären die Parteien Menschen, wäre die FDP ein 170-jähriger Herr im grauen Anzug, die SVP ein 47-jähriger Christoph Blocher, die SP ein 130-jähriger Staatsmann mit Hornbrille, und die Grünen wären eine 36-jährige moderne Frau. Niemand ist mehr 2019 als Tamy Glauser: vegan, weltgewandt, klimabewusst, cool, homosexuell, politisch – aber stylish. Niemand passt besser zur jungen Partei. Vor den Bundesratswahlen im Dezember 2018 posieren Irène Kälin, Regula Rytz, Aline Trede und Sibel Arslan mit ihrem Gast im Bundeshaus. Es ist der perfekte Flirt.

«Würdest du mich wählen?», fragt Tamy auf ihrem Instagram-Kanal ihre Community: «Klimawandel, Ehe und Adoption für alle?» 1231 Herzen fliegen ihr zu. Auf den Miesepeter unten in der Kommentarspalte achtet keiner: «Ist glaubs langsam gut, Madame. Kümmere dich um Fashion, Catwalk oder was auch immer, aber hör auf zu politisieren!» Der Coup ist zu perfekt, um ihn sich vermiesen zu lassen. Doch diese Stimmen unten in den Kommentarspalten warten nur darauf, loszubrüllen.

«Irgendwann hatte ich keine Plattform mehr, um mich zu rechtfertigen. Irgendwann war es egal, was ich sagte.»Tamy Glauser

Doch zuerst: Frühlingserwachen. Tamy Glauser und die Grünen nähern sich an. Glauser meint es ernst. Sie ist ehrlich, verweigert Standardsätze, zeigt Engagement in Arbeitsgruppen. Innert kürzester Zeit bildet sich ein Team von sechs Leuten um sie – Historiker, Parteimitglieder, Kommunikationsexpertinnen, Freunde. Im März erscheint ein Porträt im Onlinemagazin «Republik», es heisst darin: «Sie weiss, dass der Fashion-, Glamour- und Lesben­bonus für politische Journalisten nur willkommene Attribute sind, um jemanden umso tiefer fallen zu lassen.» An der Delegiertenversammlung im Mai ahnt noch keiner, wie recht sie behalten sollte. Die News zur Kandidatur gelangt schon am Vorabend an die Medien. Wer weiss, wie viele – oder wenige – Kameras sonst anwesend gewesen wären. Die rund 200 Delegierten bestätigen ihren zehnten Listenplatz. Listenplatz 10. Elegante Lösung. Weit hinten genug, um niemanden zu vertäuben, weit vorne genug, um zu ziehen.

Und wer weiss? Die Zürcher Grünen befinden sich seit den Kantonalwahlen im Hoch, zwei Sitze haben sie mit Balthasar Glättli und Bastien Girod auf sicher. Gut möglich, dass sie zwei weitere machen. Für die Gegner wird Tamy Glauser zum ernst zu nehmenden Problem. Spätestens jetzt brauen sich dunkle Wolken zusammen.

Im Auge des Shitstorms

Auftritt des Agent Provocateur. In der Kommentarspalte ihres Instagram-Kanals interessieren sich plötzlich nicht mehr nur Fans für Tamy Glauser, sondern auch die politischen Gegner. Glauser will sich an diesem Tag im Mai Mühe geben, alle Kommentare zu beantworten. Die Falle schnappt beim 101. von 291Kommentaren zu. Fabio Hasler, Doktorand, Libertärer, Jungfreisinniger und Nationalratskandidat für die Up Schweiz, stellt eine Frage, auf die Glauser antwortet: Sie sei gegen jedes Leid. Sie zweifle, ob die Pharmaindustrie mehr Profit oder Medizin sei, und: «Blut von Veganern zum Beispiel kann Krebszellen töten.» Die ursprüngliche Frage verschwindet später von Instagram.

Zunächst bei Up-Kollegen, dann über die ersten Trolle, der Post verbreitet sich in Windeseile auf Twitter. Nur Stunden später gibt Fabio Hasler als Wissenschaftler ein Interview im «Blick». Der publiziert zu Spitzenzeiten sechs Artikel mit neuen Wendungen zum «Veganerblut». 21 sind es in zwei Wochen. Andreas Glarners Facebook-Pranger einer Lehrerin schafft in der gleichen Zeitspanne 16. Roger Köppel, der letzten März seine Ständeratskandidatur verkündet hat und «Klima» eine «Intensivmode» und die Klimabesorgten «Betrunkene» nennt, bloss einen: «Der lustigste Klimagegner der Schweiz».

In der Insta-Kommentarspalte heizen die Gegner weiter ein: «Berühmt, dated ein Model, lässt unüberlegten Stuss raus – klingt nach Trump. Brauchts echt nicht», schreibt etwa der Business Director jener Werbeagentur, die kürzlich die neue Imagekampagne der FDP lanciert hat.

Und im von ebendieser Agentur kreierten Design postet nach Glausers Rücktritt die FDP Zürich in ungewohnt hämischem Ton: «Glättli wieder Promi #1 – Ob sein Vegetarierblut gleich viel nützt?» Die FDP-Kreispartei 2 kommentiert unter einen Tweet des Präsidenten der FDP Bezirk Affoltern: «Jetzt seid nicht so böse. Ich bin halt noch Anfängerin. Blutige Anfängerin. #keinequalifikationen #tamygate.» Nicht nur SVP-, sondern auch viele FDP-Vertreter von Basel über Zürich bis Bern überbieten sich auf Twitter mit Kommentaren. Dutzende pro Tag, Hunderte, Tausende.

«Dumm wie Brot», «so was wie du soll Model sein», «Dich verhau ich», rufen ihr die Menschen in Zürich von der anderen Strassenseite aus oder vom Balkon herab zu. Drei Tage lang wagt sich Tamy Glauser nicht vor die Tür. Irgendwann löscht sie ihre Twitter-App.

Die letzte Hoffnung stirbt nach Glausers Auftritt in der SRF-Fernsehsendung «Schawinski». Davor sitzen sie und die Grünen das erste Mal überhaupt für eine strategische Planung zusammen. Vorher ist ja alles perfekt. Doch jetzt? Von dem soliden Auftritt schafft es nur ein Satz über Lang- und Kurzstreckenflüge in die Medien. Glauser hatte ihn noch in der Sendung präzisiert.

Die Stricke reissen. Aus der Parteizentrale erhält Glauser Tadel. Die angekündigten Wahlkampfeinladungen bleiben aus. Die Selfies ebenso.

Abfall im Garten

«Wir konnten bloss noch mit wachsender Verzweiflung zuschauen, wie uns das entgleitet», sagt die Zürcher Grüne-Parteipräsidentin Marionna Schlatter. In ihrem Briefkasten landen unfrankierte Couverts mit Abfall drin: «Tamy ist Müll», so die Nachricht. Im Zürcher Oberland wird Abfall in einem Garten verteilt.

Eine Weile kommt Schlatter kaum nach, die Hass-Postings auf ihrem eigenen Profil zu löschen. Ihr Handy hört nicht auf zu klingeln. Das erste Mal überhaupt ignoriert die Parteipräsidentin und Ständeratskandidatin Medienanfragen. «Ich wurde noch nie so systematisch belagert.» Hätte man Glauser besser coachen müssen? «Auf so etwas kann man niemanden vorbereiten.»

«Die Menschen fühlen sich von meiner blossen Präsenz angegriffen. Als würde ich ihnen einen Spiegel vor Augen halten.»Tamy Glauser

«Im Rückblick muss ich zugeben, dass ich unterschätzt habe, was für unverhältnismässige Reaktionen Tamy Glausers Person hervorrufen würde», sagt Balthasar Glättli. Der Fraktionschef der Grünen hat Glauser noch bis zuletzt zu überzeugen versucht, aber für eine echte Strategie war es zu spät. «Wir hätten sie vielleicht noch besser auf die Härte der Bewertung vorbereiten müssen», sagt er. «Mit ihrer Reaktion auf die Kandidatur haben die Gegner aber gezeigt, dass sie durchaus Respekt davor hatten», sagt er.

Als Sibel Arslan von ihrem sommerlichen Familienbesuch in der Türkei zurückkehrt, ist der letzte Akt der Tragödie schon vorbei. Wütend und schnell redet Arslan ins Telefon: «Die Frage ist doch die: Wer darf sich Fehler leisten und wer nicht?»

Tamy Glauser zuckt die Schultern. «Ich habe mich für die falsche Formulierung entschuldigt. Man hätte auch über die Vor- und Nachteile veganer Ernährung diskutieren können», sagt sie. Sie guckt in die Ferne, nimmt einen Schluck ihres Kaffees, zuckt abermals mit den Schultern: «Ich habe mich schon oft gefragt, was es ist. Meine Person löst oft viel aus. Die Menschen fühlen sich von meiner blossen Präsenz angegriffen. Als würde ich ihnen einen Spiegel vor Augen halten.» Doch Tamy Glauser hat ein Leben lang dafür gekämpft, sie selber zu sein. Sie strafft die Schultern: «Das werde ich nun wieder tun.»

Die Kandidatin 2019 war vielleicht zu modern für die Schweiz 2019. Und so tritt sie ab, wie sie aufgetreten ist – mit einem Instagram-Post: «Es hat mir weh getan.»

Erstellt: 13.08.2019, 22:23 Uhr

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