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«Der Grossinquisitor und sein Schnellgericht»

Die Presse ist Philipp Hildebrand grösstenteils wohlgesonnen. Hart ins Gericht gehen die Zeitungen vor allem mit der anderen Hauptperson in der Affäre.

Ein «kluger und international bestens vernetzter Kopf»: Philipp Hildebrand am 17. April 2009.
Ein «kluger und international bestens vernetzter Kopf»: Philipp Hildebrand am 17. April 2009.
Keystone

Die Deutschschweizer Presse reagiert überwiegend mit Bedauern auf den Rücktritt von Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand und zollt ihm Respekt für den Schritt, der das Ansehen der Institution schütze. Allerdings wird die Demission auch als unausweichlich beurteilt.

«Hut ab!», schreibt die NZZ in ihrem Kommentar. Es sei «selten geworden in der heutigen Zeit, dass ein Verantwortungsträger des öffentlichen Lebens die Konsequenzen aus einer äusserst trüben Affäre» ziehe. Üblich sei Sesselkleberei. Hildebrand, ein «kluger und international bestens vernetzter Kopf», sei in seiner Funktion ersetzlich, müsse es sein – «alles andere wäre ein eklatanter Widerspruch zur Stellung und Unabhängigkeit der SNB».

«Befreiungsschlag»

Die NZZ prangert aber auch den «dreisten Datendiebstahl» innerhalb der Bank Sarasin an und spricht von «politisch irrlichternden Kreisen». Die Verantwortlichen seien «für allfällig straf- und medienrechtliche Verfehlungen» schonungslos zur Verantwortung zu ziehen. Das gelte «insbesondere für Christoph Blocher selbst, der sich inzwischen in zu viele widersprechende Deutungen seiner Rolle verliert».

Hildebrand sei keine andere Wahl geblieben als der Rücktritt, schreibt der «Tages-Anzeiger». Völlig freiwillig sei dieser offenbar auch nicht gewesen. Mit einem «Befreiungsschlag» trete Hildebrand nun «aufrecht» ab.

Das Misstrauen im Bankrat sei gewachsen – «ein Gift, das die Glaubwürdigkeit eines Notenbankers zersetzt», schreibt der «Tages- Anzeiger» weiter. Allerdings habe auch die Kampagne einzelner Medien «mehr und mehr die Züge einer Treibjagd» gehabt.

«Hildebrand selbst schuld»

«Wer ist schuld, wenn nicht Hildebrand selbst?», titelt die «Basler Zeitung». Der Nationalbankpräsident habe «die richtigen Konsequenzen aus seinen falschen Handlungen gezogen», argumentiert Chefredaktor Markus Somm, Biograph von Christoph Blocher und früherer stellvertretender Chefredaktor der «Weltwoche».

«Hildebrand ist kein Opfer. Er musste gehen», ist Somms Fazit. Denn: «Wäre Hildebrand länger im Amt geblieben, hätte sich im Ausland der Eindruck festgesetzt, in der Schweiz halte man Insider-Geschäfte eines Notenbankchefs für akzeptabel, – sofern die Frau oder andere nahe Verwandte diese Methoden praktizierten», begründet der BaZ-Chefredaktor.

Und die «Luzerner Zeitung» schreibt: «Für Devisengeschäfte auf dem Privatkonto eines Notenbankers gibt es in der zivilisierten Welt keinen Platz.» So «integer» Hildebrand erschienen sei, so sorglos habe er sich im Umgang mit seinen Konten verhalten. Entscheidend sei hinzugekommen, dass Hildebrand nicht auf eine funktionierende Kontrollbehörde habe zählen können.

Unschuldsvermutung umgekehrt

Die «Südostschweiz» spricht von «beträchtlichem Kollateralschaden» und sieht schwarz für den Rechtsstaat Schweiz.

«Grossinquisitor Christoph Blocher und sein Schnellgericht von der ‹Weltwoche› haben es flugs geschafft, die Unschuldsvermutung, einen der wesentlichsten Pfeiler jeder demokratischen Rechtsordnung, in ihr Gegenteil zu verkehren.» Nicht mehr der Kläger müsse die Beweise für die Schuld liefern, sondern der Beklagte für seine Unschuld, heisst es in der Zeitung aus Chur.

Kampf gegen Institutionen

Der «Blick» geht davon aus, dass Blocher nun «erst recht nicht ruhen wird». Wer ihm nicht folge, «gerät ins Visier und wird mit legalen und illegalen Methoden verfolgt». Für die Westschweizer «Le Temps» trägt Blocher einen doppelten Sieg davon – sowohl politisch wie persönlich als unerschrockener Kritiker der Elite.

Dahinter kündige sich aber ein «unerbittlicher Kampf gegen Institutionen und Persönlichkeiten» dieses Landes an, prognostiziert «Le Temps».

SDA/kle

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