Der Heilige für alle Fälle

Bruder Klaus muss für politische Zwecke herhalten. Schon wieder.

So sieht ein Mehrzweck-Eremit aus: Die lebensgrosse Figur von Niklaus von Flüe in der Pfarr- und Wallfahrtskirche von Sachseln. Foto: Urs Flueeler (Keystone)

So sieht ein Mehrzweck-Eremit aus: Die lebensgrosse Figur von Niklaus von Flüe in der Pfarr- und Wallfahrtskirche von Sachseln. Foto: Urs Flueeler (Keystone)

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Und jetzt also wieder Christoph Blocher. Der SVP-Patron ist einer der Vertreter des rechten Spektrums, die dieses Jahr den 600. Geburtstag von Niklaus von Flüe feiern; Ulrich Schlüer ist ein anderer. Zu feiern gibt es ja auch einiges: In einem Land, das nur wenige Helden hervorgebracht hat, ist Bruder Klaus, der Obwaldner Einsiedler, Mystiker und Friedensstifter, einer der wenigen, dessen Existenz tatsächlich verbrieft ist. Absehbar ist, dass die Rechtskonservativen Bruder Klaus für sich vereinnahmen werden. Als Schirmherr der Abschottung, als Vater des Nationalismus. Es wäre nicht das erste Mal. Und sie wären nicht die Einzigen.

Von Flüe starb 1487, noch vor der Reformation, doch die Katholiken reklamierten ihn bereits kurz danach für sich. Gleichzeitig zitierte ihn Martin Luther in einer Streitschrift gegen den Papst. Im Sonderbundskrieg zogen die konservativen Kantone mit von Flüe in den Kampf. Als es 1874 um die neue Bundesverfassung ging, diente er den Gegnern als Kronzeuge, 1999 nochmals.

Auch Linke und Grüne beriefen sich gerne auf ihn. Die Naturschützer etwa, die in den 1980er-Jahren den Waffenplatz in Rothen­thurm SZ verhinderten. Oder die Obwaldnerin, die sich 1991 gegen die Ausschaffung von kurdischen Asylbewerbern engagierte. Meistens waren es in den letzten Jahren aber die Rechten, die sich bei ihm bedienten. «Machend den zun nicht zu wit», sagten sie dann jeweils (ein Satz, der Bruder Klaus erst Jahrzehnte nach seinem Tod von einem Luzerner Chronisten zugeschrieben wurde) und meinten damit: Nein zur UNO, Nein zum EWR, Nein zu Europa.

Möglich wird all dies, weil «dä heilig Chlöis» eine wunderbare Projektionsfläche hergibt – denn sein Leben ist rätselhaft. Die Protestanten mögen an ihm die Skepsis gegenüber weltlichen und geistlichen Mächten. Dabei war von Flüe lange selber Teil der Obwaldner Elite: Er war Ratsherr und Richter, hatte ein Haus mit Land. 1467, im Alter von 50 Jahren, fiel er in eine Depression, liess seine Frau und die zehn Kinder sitzen und brach auf, um als Pilger durch die Welt zu ziehen. Er kam allerdings nur bis ins Baselbiet, wo er nach einer Vision umkehrte und sich in der Ranftschlucht niederliess.

Dort wurde der Tiefgläubige, der angeblich 20 Jahre keine Nahrung zu sich nahm, schon zu Lebzeiten ein Heiliger des Volkes – wenn auch nicht der katholischen Kirche, die ihn erst 1947 heiligsprach. Die grösste Wirkung entfaltete Bruder Klaus als Friedensstifter, der 1481 einen Bürgerkrieg zwischen Städten und Landkantonen verhinderte. Der Germanist Peter von Matt sagt über Bruder Klaus, dass er wie kein anderer für die Versöhnungskultur der Schweiz stehe: «Für den Willen, es innenpolitisch nie auf den letzten, selbstzerstörerischen Bruch ankommen zu lassen.» Und das klingt doch ganz aktuell.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2017, 22:58 Uhr

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