Ein Lehrer im Kampfmodus

Der Bieler Alain Pichard führt einen Feldzug gegen den Lehrplan 21. Jetzt, wo mehrere Kantone darüber abstimmen, ist er auffallend leise. Hat er genug?

Alain Pichard ist ein leidenschaftlicher Lehrer. Seinen Schülern traut er auch mal zu, eine Beiz zu führen. Foto: Oliver Oettli

Alain Pichard ist ein leidenschaftlicher Lehrer. Seinen Schülern traut er auch mal zu, eine Beiz zu führen. Foto: Oliver Oettli

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Tweedsakko, Hemd, Lesebrille. Alain Pichard ist unschwer als Lehrer zu erkennen, auch in diesem ungewohnten Umfeld: Es ist Projektwoche, die Oberstufen­klassen von Orpund BE schmeissen für ein paar Tage den Hotel- und Bistrobetrieb der Lago Lodge am Bielersee. Schüler hinter der Bar, Schüler in der Küche, Schüler bei der Zimmerreinigung.

Pichard macht nicht nur seine Zöglinge fürs Berufsleben fit. Seit geraumer Zeit hält er auch die kantonalen Bildungsdirektoren auf Trab. Er ist eine Galionsfigur, gewissermassen der Thomas Minder der Lehrplankritiker: Er hat jenen Kampf angezettelt, der heute in fast allen Deutschschweizer Kantonen ausgefochten wird. Auf der Strasse. In den Ratssälen. An der Urne: Die Stimm­berechtigten in den Kantonen Zürich und Bern entscheiden Anfang März über Initiativen, die ein Volksveto für Lehrpläne fordern. In Graubünden steht ebenfalls eine Abstimmung bevor. Andernorts hat das Volk bereits entschieden, doch das Thema brodelt weiter. Und alles wegen ihm.

Pichard macht nicht nur seine Zöglinge fürs Berufsleben fit. Seit geraumer Zeit hält er auch die kantonalen Bildungsdirektoren auf Trab.

«Es war eine Trotzreaktion», sagt Pichard rückblickend. 2013 konnte er mit Berufskollegen erstmals einen Blick in den hinter verschlossenen Türen erstellten Lehrplan 21 werfen. Ein 557 Seiten starkes Dokument, das 4500 Kompetenzen vermerkt, die sich die Kinder künftig in der Schule aneignen sollten. Die Lehrer waren bestürzt. Als sie den Erziehungsdirektoren ihre Bedenken meldeten, erhielten sie nur einen Rüffel: Sie sollten sich gefälligst an den Dienstweg halten. Da eskalierte die Sache.

Pichard lancierte mit Freunden einen Lehrerprotest. Er schrieb scharfzüngige Kolumnen, polemisierte an Podien. Stets richtete sich sein Zorn gegen die «Bildungsbürokraten» – jene, die über die Volksschule entscheiden, obwohl es ihnen an Praxis im Klassenzimmer fehlt. Bald schlossen sich ihm Kreise an, die eine andere Agenda verfolgen. Evangelikale, Sexualkundegegner, Volksrechtler. Die Bündner Lehrplangegner werden mit der inzwischen aufgelösten Psychosekte VPM in Verbindung gebracht.

Einige Mitstreiter zogen sich aus Angst vor politischer Vereinnahmung zurück – nicht so Pichard. «Ich habe keine Berührungsängste», sagt er. Erst als ihn die SVP als Redner einspannen wollte, winkte er ab. Er sieht auch heute kein Problem darin, dass die Motive der Lehrplankritiker zum Teil arg auseinanderklaffen.

Entnervter Schuldirektor

Pichard ist streiterprobt: Lehreranstellungsbedingungen, Schülerbeurteilung, Förderung und Integration von Ausländerkindern, die ausufernde Betreuung durch Spezialisten, die teure Vorver­legung des Fremdsprachenunterrichts – immer stand Pichard mit auf den Bar­rikaden.

Widerstand liegt in seinem Wesen: «Als Schüler gehörte ich dem Schülerrat an, in der Armee dem Soldatenkomitee und als Lehrer der Lehrergewerkschaft», erzählt er. Pichard, 62-jährig, mischt sich ein und klopft der Obrigkeit auf die Finger. Selbst wenn es seinen Vorgesetzten zu viel wird.

Gegen die «Kuschelpädagogik»

So geschehen in Biel im Jahr 2010. Damals sass er für die Grünliberalen im Stadtparlament und unterrichtete an einer Bieler Schule mit hohem Ausländeranteil. Pichard prangerte die «Kuschelpädagogik» der Stadt an: Damit würden keine Probleme gelöst. Man wollte ihn mit einer Kommunikationsverein­barung zurückbinden. Pichard kündigte seine Stelle, ging im Streit und unterrichtet seither in der Nachbargemeinde Orpund.

Das Mandat im Stadt­parlament von Biel – in den Reihen der GLP – jedoch behielt er bis Ende 2016. Der damalige Bieler Schuldirektor meinte in der lokalen Presse entnervt: «Herr Pichard hat seine eigene Wahrnehmung.» Dessen Über­legungen hätten die Bieler Schulpolitik nicht weitergebracht. Nicht alles sei so schlimm, wie Pichard es sehe.

Entspringt der Kampfgeist seiner kommunistischen Vergangenheit, oder ist er doch eher Ausdruck eines störrischen Walliser Naturells? 

Woher dieser Drang zum Revoluzzen rührt? Schwierig zu sagen. Im Gespräch am Bistrotisch an diesem nebligen Tag am Bielersee ist davon wenig zu spüren. Mit seinen Schülern geht es offensichtlich auch, ohne dass die Fetzen fliegen. Sie wissen, was zu tun ist.

Entspringt der Kampfgeist seiner kommunistischen Vergangenheit, oder ist er doch eher Ausdruck eines störrischen Walliser Naturells? Pichard wurde in Saint-Maurice VS geboren und wuchs in Basel auf. Er selber sagt – in Basler und nicht in Walliser Mundart –, die Erklärung sei in seiner gewerkschaftlich geprägten Familie zu suchen. Man habe zu Hause immer debattiert. Diese Kultur lebe am eigenen Familientisch mit Frau und Kindern fort.

Allenfalls lässt eine vor Jahresfrist verfasste Kolumne etwas tiefer blicken. Dort schwärmt Alain Pichard von Jean-Marie Condorcet, der im 18. Jahrhundert als libertärer Geist wider die «Tyrannei des Denkens» und gegen Indoktrinierung gestritten hat. Am Ende bezahlte dieser Revolutionär seine Überzeugungen mit dem Tod.

«Es muss sein, wie es ihm passt»

So weit würden Pichards Widersacher nicht gehen. Aber auch unter ihnen kommen längst nicht alle mit seiner unerbittlichen Art zurecht. Eine ehemalige Weggefährtin Pichards aus der Zeit, als dieser noch bei den Grünen politisierte, ist Anna Maria Hofer. Sie schätzt ihn als Lehrer. Aber als Präsidentin der lokalen Parteisektion störte sie, wie er zuweilen Leute vor den Kopf stiess. Viele seien seinem rhetorischen Talent schlicht nicht gewachsen gewesen. «In meiner Erinnerung kämpfte er nicht für, sondern meist gegen etwas – und oft genug gegen Personen.» Er habe nicht lockerlassen können. «Es musste so sein, wie es ihm passte.»

Ihm sei bewusst, dass er im Feuer des Disputs andere diskreditiere, sagt Alain Pichard. In der Sache – und nur darum gehe es ihm, betont er – findet er jedoch oft Anerkennung. Walter Herzog, emeritierter Professor für pädagogische Psychologie, teilt die Lehrplanskepsis. Er ist froh um Lehrer wie Pichard und findet es schade, dass es nicht mehr Lehrkräfte gibt, die wie er das Wort ergreifen.

Ebenso wenig hat Bernhard Pulver, Erziehungsdirektor des Kantons Bern, gegen engagierte Lehrer. Selber ein pragmatischer Grüner, nimmt er für sich in Anspruch, der Sache der Lehrerinnen und Lehrer verpflichtet zu sein. Pulvers Pech ist, dass Pichard in Chefs fast nur Kontrahenten sieht. Pulver lud ihn zu Gesprächen unter vier Augen ein, um seine Einwände besser zu verstehen. Die beiden blieben sich aber fremd. Ist Pichard jemand, der einfach Freude am Zündeln hat und sich am lodernden Feuer freut, das er entfacht? Pulver schweigt. Er will sich nicht äussern zu seinem ärgsten Gegenspieler.

Eine Überraschung

Dabei ist Pichard dieser Tage auffallend leise – obschon in Zürich und Bern der Showdown zu den Lehrplanabstimmungen naht. Hat ihn der Mut verlassen? Zweifelt er? Ist er müde? Mitnichten, sagt Pichard. Er werde der Lehrplaninitiative selbstverständlich zustimmen. Es sei wichtig, dass man Grundsatzfragen an der Urne entscheide. «Sonst machen sie, was sie wollen.» Aber letztlich stehe für ihn ein Abstimmungssieg gar nicht im Zentrum. Die bisherigen Debatten hätten bereits viel bewegt. Und überhaupt: «Die Schule wird diesen Lehrplan überleben.»

Pichard arbeitet auf ein grösseres Ziel hin. Im Mai will er die Anti-Lehrplan-Bewegung als fixe Plattform etablieren. 

Pichard arbeitet auf ein grösseres Ziel hin. Im Mai will er die Anti-Lehrplan-Bewegung als fixe Plattform etablieren. Man wolle, dass die inhaltliche Debatte weitergehe. Die Volksschule dürfe nicht einer wirtschaftlichen Logik geopfert werden. Im Zentrum müsse die Bildung und nicht einfach Ausbildung stehen, sagt Pichard.

Er selbst will sich aber bald zurückziehen. In drei Jahren geht Alain Pichard, dem auch seine ärgsten Gegner hohe Kompetenz als Lehrer attestieren, in Pension. «Danach werde ich mich nicht mehr in die Belange der Schule ein­mischen.» Der Schule geht damit nicht nur ein guter Lehrer verloren, sondern auch ein hartnäckiger Kritiker. Der eine wird schmerzlich fehlen, der andere ebenfalls – wenn auch nicht allen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.02.2018, 22:00 Uhr

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