Der «Krankencassis»

Der Tessiner Ignazio Cassis hat gute Chancen, der nächste Bundesrat zu werden. Doch es gibt da auch ein paar Probleme.

Bereits 2010 stellte sich Ignazio Cassis zur Bundesratswahl. Foto: F. Unternährer (13 Photo)

Bereits 2010 stellte sich Ignazio Cassis zur Bundesratswahl. Foto: F. Unternährer (13 Photo)

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Didier Burkhalter war noch mitten in seiner Rücktritts-Medienkonferenz, als sich das Gros der Twitter-Kommentatoren bereits einig schien: Ignazio Cassis, FDP-Nationalrat aus dem Tessin, werde sein Nachfolger. Es dauerte nur wenige Minuten länger, bis die «Schweizer Illustrierte» eine Homestory über Cassis auf ihre Website stellte – samt teilnahmsvoller Beschreibung des Hobbysängers, wie er in seinem Haus in Montagnola «mit tiefer Stimme und voller Inbrunst» eine italienische Schnulze vorträgt.

Die Homestory war schon im Mai erschienen, und niemand wusste damals, wie rasch die Frage nach Cassis’ Bundesratsambitionen akut werden würde. Auch nicht er selber. Um 13 Uhr am Mittwoch sass Cassis mit der Spitze der FDP im Büro von Aussenminister Burkhalter. «Er sagte uns, dass er zurücktrete, und fragte, ob wir erstaunt seien», erzählte Cassis gestern im Bundeshaus. «Uns standen 30 Sekunden die Münder offen.» Darüber hinaus sagte Cassis nicht viel – zumindest nicht zur Frage, ob er nun für die Nachfolge kandidiere.

Als aussichtsreicher künftiger Bundesrat gilt der 55-Jährige schon länger. Viele im Parlament trauen ihm das nötige Format zu. Er sei ausgesprochen herzlich, umgänglich und kommunikativ, sagen sie, «ein Typ, mit dem man morgen in die Ferien fahren könnte» (SVP-Nationalrat Adrian Amstutz). Immer kommt der Verweis auf seine perfekte Dreisprachigkeit. Innerhalb des Freisinns fällt der Tessiner weder als übermässiger Etatist auf noch als Vertreter des rechten Flügels. Als er Ende 2015 zum Nachfolger der langjährigen Fraktionschefin Gabi Huber gewählt wurde, trat er ein schwieriges Erbe an – eines, das er bisher gut verwaltete.

Bildstrecke – die möglichen Burkhalter-Nachfolger:

Und doch: Tritt Cassis an, hat er einige Schwachstellen. Da sind zum einen seine diversen Mandate im Gesundheitswesen. Unter anderem präsidiert er den Krankenkassenverband Curafutura – eine Tätigkeit, für die er jährlich 180'000 Franken erhält. Im Tessin kennt man Cassis deshalb auch unter dem Übernamen «Krankencassis», den ihm die auflagenstarke Lega-Zeitung «Il Mattino» regelmässig anhängt. Deren Chefredaktor Lorenzo Quadri sitzt für die Lega im Nationalrat. «Nur weil er Tessiner ist, unterstützen wir Cassis nicht automatisch», sagt er. Die Tessiner mit ihren tiefen Einkommen litten besonders unter den steigenden Krankenkassenprämien. Da gebe es für einen «Kassenlobbyisten» wenig Verständnis.

Die Kombination von Cassis’ Mandaten stört in Bern auch viele Linke – vor allem, seit er die einflussreiche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) präsidiert. Fraktionschef, Kassenvertreter, SGK-Präsident: «Das sind schon sehr viele verschiedene Hüte», sagt SP-Nationalrätin Silvia Schenker. Zu oft schaffe es Cassis nicht, die Rollen sauber zu trennen. Zugleich ärgert man sich in der SP immer noch über seine Auftritte im Frühling, als es im Parlament in die entscheidende Phase bei der Rentenreform ging. Ungewöhnlich aggressiv, stur und kompromisslos habe er dort agiert – und damit den Absturz der ganzen Vorlage riskiert.

Video – was muss der Burkhalter-Nachfolger erfüllen?

Alle Kantone können Kandidaten stellen: FDP-Chefin Petra Gösse nimmt Stellung.

Bei den Rechten hat man damit kein Problem. «Wirtschafts- und sozialpolitisch wäre Cassis sicher verlässlicher als Didier Burkhalter», sagt SVP-Fraktionschef Amstutz. Sein Vorbehalt ist ein anderer: Es geht, natürlich, um Europa. «In dieser entscheidenden Frage muss er jetzt unmissverständlich Farbe bekennen», sagt Amstutz, «und zwar gegen den von Burkhalter vorangetriebenen Ankettungsvertrag an die EU.» Man werde niemanden wählen, der sich für die Übernahme von fremdem Recht ausspreche.

Bereits 2010, als es um die Nachfolge von Hans-Rudolf Merz ging, war Cassis Kandidat – und blieb FDP-intern chancenlos. Es sei ihm damals einzig darum gegangen, den Tessiner Anspruch auf einen Bundesratssitz geltend zu machen, sagte Cassis vergangenes Jahr zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Mein Ziel war, keinen Fehler zu machen und mindestens zehn Stimmen zu erreichen.» Es reichte für zwölf Stimmen. Die FDP nominierte Karin Keller-Sutter und Johann Schneider-Ammann.

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Damals war Cassis erst drei Jahre im Parlament. Denn in die Politik kam er relativ spät, als Quereinsteiger. 2003 suchte die Tessiner FDP einen Arzt als Füller für ihre Nationalratsliste. Der damals 42-jährige Cassis sagte zu und landete zu seiner eigenen Überraschung auf dem ersten Ersatzplatz. Vier Jahre später wählten die Tessiner Laura Sadis in den Regierungsrat, und Cassis war Nationalrat. Heute, als Fraktionschef, wäre die Ausgangslage eine andere. Eine viel bessere.

Cassis weiss das. Doch zuerst muss er sich entscheiden, ob er sich als Kandidat meldet – und dafür brauche er noch Zeit. «Es ist das eine, Gedankenspiele zu haben, und etwas anderes, vor einem konkreten Entschluss zu stehen», sagte er. Träte er nicht an: Das wäre die tatsäch­liche Überraschung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2017, 21:39 Uhr

Nationalratspräsident überrascht das Parlament mit der Rücktritts-Ankündigung von Didier Burkhalter.

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