Der linke Macho

Linke Parteien haben ein Problem mit Frauen. Grund dafür ist das Dilemma des linken Mannes.

Wenn hehre Ansprüche mit eigenen Karriereabsichten kollidieren: Diskussionen im Nationalrat während der Frühlingssession 2017.

Wenn hehre Ansprüche mit eigenen Karriereabsichten kollidieren: Diskussionen im Nationalrat während der Frühlingssession 2017. Bild: Keystone

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Eine Frau sei für die Linke nur dann gut, wenn sie links ist. Das sagte SVP-Präsident Albert Rösti im TA-Streitgespräch zur Bundesrätinnenquote. Tatsächlich gibt es Anzeichen dafür, dass die Linke Frauen alles andere als konsequent fördert: Die SP wählte im Jahr 2000 nicht Rita Fuhrer (SVP), sondern Samuel Schmid. Als die CVP 2003 einen Sitz abgeben musste, half die SP, Ruth Metzler aus dem Bundesrat zu entfernen, indem sie Joseph Deiss bevorzugte. 2011 hat sie FDP-Kandidatin Karin Keller-Sutter übergangen und stattdessen Johann Schneider-Ammann gewählt. Ähnliches geschah bei den Bundesratswahlen vom September dieses Jahres: Isabelle Moret hat auch deshalb im zweiten Wahlgang beschämende 28 Stimmen erhalten, weil die SP entschieden hat, nicht sie zu wählen, sondern Pierre Maudet.

Wählt die Linke keine bürgerlichen Frauen? Das Problem liegt tiefer. Es wurzelt im Frauenproblem des linken Mannes. Von dem Moment an, in dem sich ein Mann für den Beitritt zu einer linken Partei entscheidet, Grüne oder SP, ist er in der Defensive. Denn er gehört nicht zum förderungswürdigen Geschlecht, zur geschützten Gattung. Selbstverständlich will er aber politisch Karriere machen, denn das ist ja der Grund für sein Engagement. Er ist idealistisch, hoch motiviert, intelligent – und ehrgeizig. Überzeugt, dass er die Welt zum Besseren verändern kann. Nur: Eine bessere Welt heisst auch eine mit mehr Chancengleichheit, mit gerecht verteilter Macht in Politik und Wirtschaft.

Der linke Mann hat von Anfang an ein Problem. Er wird irgendwann als Ladykiller dastehen, wenn er eine Funktion erhält, die eine Mitbewerberin ebenfalls anstrebte. Oder, fast noch wahrscheinlicher: Er bekommt das Amt nicht, weil die Frauenfrage ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Bürgerliche Männer haben das Problem nicht. Sie politisieren in archaisch funktionierenden Parteien, wo Frauen rar sind und es nur an die Spitze schaffen, wenn sie absolute Topqualitäten haben. Anders bei linken Parteien, welche die Hälfte ihrer Ämter an Frauen vergeben, was oft heisst: im Zweifel für die Frau.

Feminist gemäss Parteibuch

Die Lebensentwürfe von Politikern unterscheiden sich nicht sehr stark, die meisten haben Grosses vor. Das treibt sie an. Doch während bürgerliche Männer frei agieren können, müssen linke Männer ständig Rücksicht nehmen und befürchten, dass ihnen eine Frau vor der Sonne steht, wenn sie den entscheidenden Karriereschritt machen könnten. Das grösste Drama: Der linke Mann muss nicht nur Frauen fördern, er muss es auch gern tun, denn schliesslich ist er gemäss Parteibuch Feminist. Er muss lächeln und applaudieren, wenn der erste Listenplatz an die Kollegin geht und nicht an ihn. Der Einsatz für die Frau ist in der SP so wichtig wie der Einsatz für die Armen, die Entrechteten, für die Dritte Welt.

Dass die linken Parteien die Hälfte ihrer Mandate mit Frauen besetzen, ist nicht etwa ein Widerspruch dazu, es ist der Grund für das Dilemma des linken Mannes. Wenigstens kann er beim Kampf um Ämter oft auf Parteikollegen zählen, denen es ähnlich geht wie ihm – die ebenfalls die Nase voll haben vom Zwang, Frauen wählen zu müssen. Doch er läuft Gefahr, sich der Kritik auszusetzen. Wie Roger Nordmann, als er vor zwei Jahren Fraktionschef wurde und dabei Mitbewerberin Barbara Gysi überflügelte. Oder der Zürcher Stadtrat Raphael Golta, der in einem SRF-Dokumentarfilm erklärte, warum er sich noch nie substanziell um die Familienarbeit kümmern konnte, weshalb seine Frau auf ihre angestrebte Richterkarriere verzichtet.

Solche Fälle werden mit Häme kommentiert. Der wohl grösste ungelöste Widerspruch in der SP ist, dass ihre Präsidenten fast immer Männer waren. Die erste SP-Präsidentin, Ursula Koch, wurde von den Genossen nach kurzer Zeit aus dem Amt gemobbt. Für die Nachfolge von Christian Levrat sind ausschliesslich Männer im Gespräch.

Sozial sein müssen und egoistisch sein wollen

Ein Dilemma wie dasjenige des linken Mannes gibt es auch in anderen Bereichen. Überall dort, wo allzu hehre Ansprüche mit den weniger schönen Wesenszügen des Menschen kollidieren. Die sehr idealistischen linken Parteien haben hier mehr Schwierigkeiten, Philosophie und gelebten Alltag miteinander zu vereinen. Sozial sein müssen und egoistisch sein wollen. Frauen fördern müssen und selbst Karriere machen wollen. Sozialist sein, aber für sich das Maximum herausholen.

Ein möglicher Ausweg ist Offenheit. Einige Sozialdemokraten, mehrheitlich jüngere, reden darüber, dass die Frauenfrage sie vor Probleme stellt oder stellen kann, weil Parteiräson und persönliche Ambitionen sich im Weg sind. Wer zu diesem Widerspruch steht, beweist Stärke und Mut zur Imperfektion. Wer hingegen das Unbehagen für sich behält und stets brav applaudiert, wird irgendwann zum heimlichen Frauenhasser, zum linken Macho, der seinen aufgestauten Emotionen bei der nächsten Gelegenheit Ausdruck gibt. Etwa dann, wenn eine bürgerliche Frau für den Bundesrat kandidiert, die er verhindern kann – mit dem Argument, sie sei zu weit rechts. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2017, 16:17 Uhr

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