Der Mächtigste, der Humorvollste, der Redegewandteste

In den letzten Monaten haben Verbände und Medienhäuser unzählige Ratings über Parlamentarier erstellen lassen. Nur die wenigsten bieten den Wählern tatsächlich eine Orientierung.

Mit ihnen beginnen die Parlamentarier-Ratings: Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal sollen dem Mythos nach die Eidgenossenschaft gegründet haben und werden deshalb im Bundeshaus mit der Skulptur «Die drei Eidgenossen» geehrt.

Mit ihnen beginnen die Parlamentarier-Ratings: Werner Stauffacher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal sollen dem Mythos nach die Eidgenossenschaft gegründet haben und werden deshalb im Bundeshaus mit der Skulptur «Die drei Eidgenossen» geehrt.

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Sie könnten kaum unterschiedlicher sein, doch haben alle mindestens eines gemein: SVP-Mann Lukas Reimann, SP-Chef Christian Levrat, die grüne Nationalrätin Christina Häsler und CVP-Nationalrat Urs Schläfli stehen alle auf Platz 1 eines Parlamentarier-Ratings. Reimann ist der Rechteste, Levrat der Mächtigste, Häsler die Linkste, und Schläfli führt die unrühmliche Liste der grössten Hinterbänkler an.

In den letzten Monaten sind von Medienhäusern und Verbänden gleich im Dutzend Ranglisten erstellt worden. Bei den Lesern kommen sie gut an, denn sie erwecken den Anschein, sie würden Ordnung in eine unübersichtliche Welt bringen. Die Verbände ermitteln, wer ihre tüchtigsten Gehilfen im Parlament waren, und liefern ihren Mitgliedern deren Namen als Wahlempfehlungen. Und Politiker verbreiten die Ratings dankbar weiter, wenn sie gut abgeschnitten haben.

Das neueste Parlamentarier-Rating stammt vom Schwulen-Dachverband Pink Cross – und zeigt ein Problem mehrerer Analysen dieser Art: Ihr Erkenntnisgewinn liegt nahe null. Pink Cross hat das Abstimmungsverhalten der Bundespolitiker zu fünf Vorstössen zu sogenannten LBGT-Themen (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) analysiert. Die SP stimmte – wer hätte das gedacht – am schwulenfreundlichsten, die SVP am schwulenfeindlichsten. Zusätzlich führte Pink Cross eine Umfrage bei den Parteien durch – und kam, wer hätte das gedacht, zum selben Befund.

Der Gewerbeverband kürte die gewerbefreundlichsten Parlamentarier (Ständerat Hannes Germann, SVP, SH; Nationalrat Pierre-François Veillon, SVP, VD). Etwas komplexer sind die Ansprüche des Verbands Swisscleantech an Parlamentarier. Sie suchten den der Wirtschaft am nächsten stehenden und gleichzeitig am ökologischsten abstimmenden Politiker – und kamen zu einem durchaus überraschenden Befund. Unter den ersten fünf auf der Swisscleantech-Rangliste figurieren vier CVPler (angeführt von Kathy Riklin, ZH). Auf Platz vier landete der erste Vertreter der Grünliberalen, die man wohl an der Spitze dieses Ratings erwartet hätte: Thomas Böhni (TG).

Doch im Fall von Böhni zeigt sich ein weiteres Problem von Ratings. In einem Ostschweizer Parlamentarier-Rating landete Böhni übrigens auf dem letzten Platz («eine der unauffälligsten Figuren im Parlament»), im «Blick»-Hinterbänkler-Rating auf dem zweitletzten. Laut «Blick» ist seine Aussenwirkung nahe null, sein Einfluss im Parlament inexistent. Und man fragt sich, was der Wähler nun damit anfangen soll.

Die Ratings über Macht und Einfluss

Auch die Medienhäuser liessen in den letzten Monaten tüchtig Ratings erstellen. SRF suchte den wirtschaftsfreundlichsten, die NZZ teilte alle Politiker in eine Skala von links nach rechts ein. Die «SonntagsZeitung» ermittelte am Wochenende (genau eine Woche nach einer dezent hämischen Kolumne über die Flut von Ratings) den Einfluss der Bundespolitiker. Die Essenz ihrer Erkenntnis landete als Titel auf der Front: «Frauen verlieren an Macht im Bundeshaus» (keine Frau unter den ersten 10). Und demonstrierte damit, was geschieht, wenn man die Auswahl von Politikern verändert. Denn nur einen Tag später suchte die «Aargauer Zeitung» nach dem mächtigsten Politiker der Nordwestschweiz. Und gelangte zum Fazit: «Frauen haben mehr politischen Einfluss.»

Auch der «Blick» lieferte vor den Wahlen zahlreiche Ratings – nicht nur die bereits erwähnte Hinterbänkler-Rangliste. Die Boulevardzeitung kürte auch den verfilztesten Parlamentarier (Jean-René Fournier, CVP, VS), den besten Redner und zeigte auch, dass längst nicht alle Ratings den Anspruch haben, dem Wähler eine ernsthafte Orientierung zu bieten. Der «Blick» erstellte die vermutlich erste Rangliste der humorvollsten Politiker (Beurteilungskriterien: Heiterkeit und Humor). Ständerat Hans Altherr (FDP, AR) gewinnt überlegen (Heiterkeit, 20 Punkte; Humor, 224 Punkte!). Wer will, kann sich das Rating auch nach Kantonen aufgeschlüsselt darstellen lassen. Ob jemand seine Wahllisten so auswählt, wird wohl nie jemand erfahren. Am Wochenende liess der Solothurner CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt seine Twitter-Follower jedoch wissen, was er von all den Ratings hält.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.10.2015, 21:21 Uhr

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