Der Manipulator

Russland ist als Verhandlungspartner wieder willkommen. Zu verdanken hat es das auch seinem Aussenminister Sergei Lawrow, der sich mit seinem US-Amtskollegen in Zürich trifft.

Bislang hat Sergei Lawrow 43 Jahre im diplomatischen Dienst verbracht, die letzten elf als Aussenminister. Foto: Sergei Guneyew (Laif)

Bislang hat Sergei Lawrow 43 Jahre im diplomatischen Dienst verbracht, die letzten elf als Aussenminister. Foto: Sergei Guneyew (Laif)

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Was Stalin für die Ewigkeit bauen liess, ist eben schwer zu renovieren. Seit Jahren arbeiten sich Bautrupps durch das Moskauer Aussenministerium am Smolensker Platz, Etage für Etage, 27 Stockwerke, 28 Aufzüge, 2000 Dienstzimmer. Eine Seite der Keramikfassade strahlt schon wie neu, die andere ist gerade eingerüstet. Der Bau der ersten Wolkenkratzer in Moskau sollte Beweis dafür sein, dass die Sowjetunion nach dem Krieg nicht am Ende ihrer Kräfte ist.

Als Sergei Lawrow 1950 in Moskau zur Welt kam, wurde der Stalinbau gerade fertiggestellt. Heute hat er als russischer Aussenminister sein Büro im siebten Stock. Aufnahmen aus dem Innern zeigen Teppiche auf dem Boden, Landschaftsbilder an den Wänden; seit der Renovierung hat die Atmosphäre etwas von der konservativen Eleganz des Waldorf Astoria, wo sich Lawrow in seinen New Yorker Jahren einst mit anderen Diplomaten traf.

Lawrow ist heute wieder gefragt. Seitdem die russische Luftwaffe den Himmel über Nordsyrien kontrolliert, reden auch die Amerikaner wieder regelmässig mit den Russen, der Islamische Staat wurde als gemeinsamer Gegner ausgemacht, die Ukraine ist in den Hintergrund gerückt. Das sah vor einem Jahr noch anders aus.

Sicherheits­konferenz in München im Februar 2015, das jährliche Treffen der Regierungschefs, Diplomaten und Experten; in einer übellaunigen Rede spulte Lawrow die bekannten Vorwürfe Moskaus herunter: die Sünden der USA in Kosovo, im Irak und in Libyen, die Nato-Erweiterung. Der Arabische Frühling, von Washington angezettelt, stürze den Nahen Osten ins Chaos. Rechtsradikale in Kiew bombardierten das eigene Volk. Der Westen spalte Europa. Die ersten Zuhörer drehen die Augen zur Decke, schütteln die Köpfe. Und als Law­row später in der Diskussion erklärt, die Annexion der Krim sei durch die UNO-Charta gedeckt, bei der deutschen Wiedervereinigung habe es noch nicht einmal ein Referendum gegeben, rufen manche empört dazwischen, andere lachen. Die Elite der internationalen Diplomatie lachte über den russischen Aussenminister – das war der Tiefpunkt. Es habe Lawrow auch persönlich getroffen, sagen Leute, die ihn lange kennen.

Der amerikanische Lebensstil

Als junger Mann wird Lawrow ins elitäre Institut für Auswärtige Beziehungen aufgenommen, Auftakt zu einer Musterkarriere in der sowjetischen Diplomatie: Die Hochschule teilt ihm Singhalesisch als dritte Fremdsprache neben Englisch und Französisch zu, das führt ihn 1972 auf seinen ersten Posten in der Botschaft in Sri Lanka. Als er 1981 an die sowjetische Vertretung bei der UNO versetzt wird, geht gerade die Breschnew-Ära zu Ende. Im Kalten Krieg nähert sich die Temperatur dem Tiefpunkt.

In New York lernt Lawrow die Regeln und Tricks der grossen Diplomatie kennen – und den amerikanischen Lebensstil. Er liebt Whiskey und Zigaretten, fährt Ski in Vermont oder macht Wildwasser-Rafting. 1988 wird er zurückberufen in ein Land, das sich im Umbruch befindet und bald in der Auflösung. Als Boris Jelzin ihn 1994 als UNO-Botschafter wieder nach New York schickt, ist ausser dem Vetorecht von der Supermacht nicht mehr viel übrig. Das Vakuum muss er jetzt mit seinem Auftreten füllen. Sein schneller Kopf, sein dröhnender Bariton und sein grosses Ego ­machen ihn zur Idealbesetzung. Der 1,88 Meter grosse Mann trägt italienische Anzüge und sagt im Sicherheitsrat nach sowjetischer Tradition vor allem: Nein.

Von seinen 65 Jahren hat Lawrow 43 im diplomatischen Dienst verbracht, die letzten elf als Aussenminister. Kein anderer Aussenamtschef weltweit hat so viel Erfahrung. John Kerry ist schon der Vierte an der Spitze des State Department, der es mit Lawrow zu tun bekommt. Im Gespräch mit ihm möchte man vor allem eines nicht: dass der Missmut, der ihm ins Gesicht geschrieben steht, sich auf einen selbst entlädt. Das weiss auch Lawrow. Je nach Bedarf überspielt er seine Überlegenheit oder öffnet die Schleusen. «Who are you to fucking lecture me?!», fährt er den britischen Aussenminister David Miliband an, als der während des Georgienkriegs 2008 versucht, auf den Russen einzuwirken. In Moskauer Shops für Patriotismus-Bedarf kann man heute Mousepads mit diesem Satz und Lawrows Konterfei kaufen.

Einen Eindruck von Lawrows Verhandlungsgeschick bekommt die Welt am 9. September 2013. Es ist einer der seltenen Momente, in denen Diplomatie öffentlich abläuft. US-Präsident Barack Obama hat an diesem Tag Interviews mit sechs TV-Sendern geplant. Er will dem Volk erklären, dass die USA Luftschläge gegen den syrischen Diktator Bashar al-Assad starten werden. Drei Wochen vorher wurden bei einem Giftgasangriff bei Damaskus 1400 Menschen getötet.

Lawrow hat an diesem Tag den syrischen Aussenminister zu Gast. Moskau ist Washington acht Stunden voraus. Während die beiden reden, versucht John Kerry, in London den bevorstehenden Militärschlag zu erklären. Auf die Frage, ob Damaskus den Angriff noch abwenden könne, antwortet er nur halb im Ernst: Dafür müsste Syrien sofort alle Chemiewaffen abgeben. Sogleich ruft Law­row die Medien zusammen. Der Aussenminister stürmt in den Saal, er redet genau eine Minute und vierzig Sekunden: «Wir greifen den Vorschlag von Kerry auf. Wenn sich damit ein Militärschlag abwenden lässt, wollen wir helfen, dass Damaskus die Chemiewaffen abgibt.» Dann geht er. Keine Fragen. Nichts. Der syrische Aussenminister lobt im Hotel in Moskau «die Weisheit der russischen Führung»; man sei bereit mitzugehen.

Die undurchdachte Bemerkung Kerrys hat Lawrow genutzt, um die Zügel und damit die Macht zu ergreifen. Drei Gewinner gibt es am Ende: Assad bleibt verschont, Obama muss keinen neuen, unpopulären Krieg beginnen, und Putin steht nicht als Schwächling da, wenn ein weiterer Verbündeter im Nahen Osten gestürzt wird. Und die Verlierer? Da sind die Toten. Zu diesem Zeitpunkt sind im syrischen Bürgerkrieg schon fast 100 000 Menschen umgekommen. Seitdem starben noch einmal 150 000.

Im Dienst des Kreml

Im Moskauer Machtgefüge verhalte sich Lawrow wie ein Soldat, sagt ein Journalist, der ihn seit vielen Jahren begleitet. Die Befehle kommen von oben, er führt sie aus. Dmitri Medwedjew will 2009 einen «Neustart» in den Beziehungen zu den USA – Lawrow drückt mit Hillary Clinton symbolisch den Reset-Knopf. Wladimir Putin macht zwei Jahre später Washington als steuernde Macht hinter dem Arabischen Frühling und den Massenprotesten gegen den Kreml aus – Law­row holt seine lange Liste mit den Sünden der Amerikaner von Kosovo über den Irak bis Libyen wieder heraus und trägt sie bei jeder Gelegenheit vor.

Einmal hat Lawrow dem Kreml öffentlich widersprochen. Das war Anfang 2012; die USA hatten gerade einen Einreisestopp für eine Reihe russischer Beamter verhängt, die im Verdacht stehen, die russische Staatskasse geschröpft und das Geld ins Ausland gebracht zu haben. Sergei Magnizki, der Mann, der den Betrug aufgedeckt hatte, war danach im Gefängnis mit Folterspuren gestorben. Als Antwort auf die «Magnizki-Liste» brachte die Duma ein Gesetz auf den Weg, das Amerikanern verbietet, russische Waisenkinder zu adoptieren. Mehrmals sprach sich Lawrow gegen das Gesetz aus. Nicht weil es die Kinder in russischen Waisenhäusern für etwas bestraft, was die Amerikaner getan haben. Sondern weil sein Ministerium gerade erst lange Verhandlungen mit den USA über Adoptionsregeln zu Ende gebracht hatte. Als das Verbot beschlossen war, verstummte Lawrows Kritik. «Wenn er einen moralischen Kompass hat, dann kann ich ihn nicht erkennen», sagte John Negroponte über ihn, der es als US-Botschafter bei den Vereinten Nationen mit Lawrow im Sicherheitsrat zu tun bekam. «Seine Moral ist der russische Staat.»

Seit 2014 habe Russland eine neue Aussenpolitik, sagt Wladimir Frolow, ein ehemaliger Diplomat, der als aussenpolitischer Experte in den 2000ern die russische Regierung beriet. Seit Beginn der Ukrainekrise stelle sich Moskau auf den Standpunkt: «Alle verletzen die Regeln, also darf auch Russland die Regeln brechen.» Es gilt, was nützt. «Man verlangt von Kiew, die Aufständischen nicht zu bombardieren, und unterstützt im nächsten Moment Assad in Syrien genau dabei.» Die Politik zieht ihre Wirkung aus der Unberechenbarkeit, nicht aus Prinzipien. Damit hat sich auch Law­rows Rolle geändert. Mal meldet das Aussenministerium einen Überfall ukrainischer Nationalisten auf Krim-Behörden, mal Massenerschiessungen durch die ukrainische Armee. Nichts davon bestätigt sich. Offizielle Stellungnahmen und erfundene Wirklichkeit sind nicht mehr auseinanderzuhalten.

«Seit 2014 baut die russische Aussenpolitik nicht mehr auf Fakten auf», sagt Frolow, «sie schafft eine alternative Realität.» Das Abkommen von Minsk sei das beste Beispiel dafür: Moskau habe der Welt die Geschichte von der bedrohten russischsprachigen Bevölkerung im Donbass aufgezwungen. Um deren Rechte zu schützen, sei eine Föderalisierung der Ukraine notwendig. Auf dieser Grundlage hätten dann Angela Merkel, François Hollande und Wladimir Putin in Minsk dem ukrainischen Staatschef Petro Poroschenko das Versprechen abgerungen, eine Verfassungsreform durchzuführen. «Der Einsatz in Syrien wird als Neuauflage der Anti-Hitler-Koalition gegen den IS verkauft, dabei geht es eigentlich um die Rettung von Assad.» Die Erzählung vom IS als gemeinsamem Feind wurde angenommen und ist praktisch Realität geworden.

Nichts, was von der eigens geschaffenen Realität abweicht, lässt Moskau gelten. Als die UNO im Mai 2014 weder Nazis in Kiew an der Macht sehen noch eine Bedrohung für die russischsprachige Bevölkerung erkennen kann, kritisiert das Aussenministerium den Bericht des Menschenrechtskommissars harsch: «Himmelschreiende Diskrepanz und doppelte Standards lassen keine Zweifel daran, dass die Autoren einen politischen Auftrag erfüllt haben, die selbst ernannten Machthaber in Kiew weisszuwaschen.» Von der «Kiewer Junta» ist die Rede. Die «Protestbewegung im Südosten» der Ukraine werde dämonisiert.

Derlei habe es in der sowjetischen Diplomatie nicht gegeben, sagt der Historiker Karl Schlögel. Die sowjetische Aussenpolitik hatte eine eigene Weltsicht; es gab eine politische Karte, ein Koordinatensystem, auf das man Bezug nehmen konnte. Man musste das nicht teilen, aber man wusste, woran man war. «Die haben zwar auch nicht immer die Wahrheit gesagt, aber sie haben sich keinen demagogischen Ton erlaubt.» Diplomatie sei die Einhaltung von Formen, die Gespräche auch über Abgründe hinweg möglich mache. Lawrow spiele aber souverän mit Regelüberschreitungen.

Die Regeln bestimmen andere

Die frühere US-Aussenministerin Condoleezza Rice schildert in ihren Memoiren ein Gespräch, in dem sich «Sergei» an den Dezember 1991 erinnerte, als Gorbatschow zurücktrat und auf einen Schlag fünfzehn Einzelstaaten zurück­blieben. «Er sagte, er wisse nicht mehr, welches Land er eigentlich vertritt.» Und als UNO-Botschafter erlebte Lawrow, wie der Westen ein ums andere Mal die Regeln, die er hochhielt, brach: Weder das Eingreifen in Kosovo noch den Irakkrieg konnte er verhindern. Der Sicherheitsrat wurde übergangen. Ob Lawrow, der Erfahrene, Weltgewandte, selbst an das glaubt, was er sagt? Dass die USA hinter allen Revolutionen stecken, vom Nahen Osten bis zum Kiewer Maidan? Experte Frolow vermutet: Nein. «Aber entscheidend ist: Die Geschichte wirkt.»

Die Richtlinien der russischen Aussenpolitik legen andere fest, etwa Sergei Iwanow. Der Chef der Kreml-Verwaltung kommt wie Putin aus der Auslandsspionage. Aber auf dem internationalen Parkett könne sie keiner besser vertreten, sagt Frolow. «Das ist Lawrows grosser Vorzug: Er kann mit Kerry arbeiten.»

Erstellt: 18.01.2016, 22:46 Uhr

Lawrow und Kerry in Zürich: Gespräch über Ukraine und Syrien

Die Aussenminister von Russland und den Vereinigten Staaten beraten morgen Mittwoch in Zürich über den Syrienkonflikt und die Lage in der Ostukraine. Sergei Lawrow und John Kerry haben den Termin vergangene Woche tele­fonisch vereinbart.

Das Treffen der beiden findet kurz vor dem Start der Syrienverhandlungen in Genf statt. Ab dem 25. Januar sollen dort das Regime und seine Gegner über eine Übergangsregierung und ein Ende des fünfjährigen Bürgerkriegs verhandeln. Russland stützt den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, die USA fordern dessen Abgang. Zum Konflikt in der Ukraine gehen die Gespräche ebenfalls weiter. Am Tag des Treffens der beiden Aussenminister in Zürich wird in Minsk ein weiteres Mal über die Umsetzung des ­Friedensabkommens verhandelt. (TA)

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