Der Mann, der Zuppiger zum Rückzug zwang

«Weltwoche»-Journalist Urs Paul Engeler zählt seit Jahren die verbleibenden Arbeitstage. Eigentlich sollte er längst pensioniert sein.

«Keine innere Motivation, nur Pflichtgefühl»: Urs Paul Engeler Ende 2007 vor dem Berner Amtshaus. Hier wurde er vom Rassismusvorwurf freigesprochen, weil er die diffamierenden Passagen über die Rätoromanen nicht selber verfasst hatte. Bild: Keystone

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Er arbeite nicht gern, sagt der Mann, der soeben den aussichtsreichsten SVP-Bundesratskandidaten Bruno Zuppiger abgeschossen hat. «Ich würde lieber zu Hause sitzen und Fussball schauen.» Schon Ende 2005 hat «Weltwoche»-Journalist Urs Paul Engeler in einem Interview mit «Persönlich» gesagt, er zähle die Tage bis zu seiner Pensionierung. Ende April 2011 werde es so weit sein, bis dahin dauere es noch 1253 Tage. Solange werde er wohl chronisch schlecht gelaunt bleiben. Seine Geschichten entstünden nie aus innerer Motivation, sondern nur aus Pflichtgefühl. «Ich habe keine Mission, sondern einen Arbeitsvertrag.» Mittlerweile ist der anvisierte Pensionierungstermin seit sieben Monaten verstrichen, und Engeler ist immer noch am Arbeiten.

Man hatte ihn bei der «Weltwoche» gebeten, bis nach den eidgenössischen Wahlen im Herbst 2011 durchzuhalten, heisst es – mangels Alternativen im Inlandressort und weil der profilierte Politjournalist Engeler wohl ohnehin schwer zu ersetzen ist. Am 20. Dezember höre er auf, sagt Engeler, dann mache er eine mehrmonatige Pause. Die Tage zählt er offenbar immer noch: «Siebeneinhalb Arbeitstage sind es jetzt noch.» Ab Frühling 2012 will er mit reduziertem Pensum voraussichtlich weiter für die «Weltwoche» schreiben. Warum arbeitet er weiter, obwohl er sich seit langem nach seiner Pensionierung sehnt? Darauf gibt Engeler trotz mehrmaligem Nachfragen keine Antwort.

Zweitägige Recherche

In den vergangenen 31 Jahren hat sich Engeler den Ruf eines Journalisten mit dem Spürsinn eines Kriminalisten erarbeitet. So zählt die Enthüllung der Geheimarmee P-26 zu seinen beruflichen Höhepunkten. Die Organisation, die zwischen 1940 und 1991 für den Widerstand im feindbesetzten Gebiet bestanden hatte, wurde von einem verdeckt agierenden Chef geführt. Engeler fand nach zahlreichen Gesprächen mit Politikern, Recherchen in der Armee und in Handelsregistern heraus, wer es ist.

Weniger aufwändig waren die Vorarbeiten zum Abschuss von Bruno Zuppiger, dem eine zweitägige Recherche voranging. Engeler hatte am 1. Dezember, vor einer Woche, von einer Person im Umkreis der erbberechtigten Organisationen den Tipp bekommen. Es war Freitagnachmittag, am Sonntagabend hatte er die Geschichte beisammen. Der Autor hatte das Dokument mit Zuppigers Unterschrift mithilfe der Auskunftsperson beschafft. Ohne dieses Dokument hätte er die Geschichte nicht publizieren können. Am Montagmorgen informierte er die Redaktion, dass er seine geplante Geschichte nicht machen könne, er werde über «Zuppigers Erbsünde» berichten.

Zwischen Mitleid und Gnadenlosigkeit

Hat er gewusst, was er damit auslöst? «Manchmal staunt man, dass nichts passiert. Diesmal war es offenbar eine Bombe in der benzingeschwängerten Luft.» Nein, er habe nicht gewusst, wie die Medien und die SVP darauf reagieren werden, und habe sich darüber auch keine Gedanken gemacht. Auch im Nachhinein verspüre er weder Genugtuung noch Skrupel darüber, dass er einen Politiker an der Schwelle zum hohen Amt demontiert hat. Er mache seinen Job und nichts anderes. Gefühle lägen ihm fern.

Engeler hat sich allerdings auch schon anders geäussert. Als er 1979 vor der Entscheidung stand, Lehrer zu bleiben oder Journalist zu werden, entschied er sich für den Einstieg beim Winterthurer «Landboten». Er habe furchtbar gelitten, als ein Schüler wegen einer schlechten Note, die Engeler ihm erteilt hatte, die Schule verlassen musste. An solche Fälle erinnere er sich heute noch. Aus denselben Gründen würde er keine Kaderstelle mehr antreten, die personellen Entscheidungen würden ihm wochenlang auf dem Magen liegen.

Mit fast allen per Sie

Als Journalist hat er dagegen wenig Beisshemmungen. Gegen Politiker schreibt er gnadenlos und kampagnenartig an und scheut dabei keine harten Begriffe. So bezichtigte er Bundesrat Hans-Rudolf Merz einmal der Lüge, Samuel Schmid bezeichnete er als «Panne, Irrläufer, Verräter». In der letzten Ausgabe der «Weltwoche» zog er unter dem Titel «Der peinlichste Politiker der Schweiz» über den Berner Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät her. Der Titel stamme nicht von ihm, sagt Engeler. Doch auch bei der Faktensammlung vermied er jede Differenzierung.

Über sich selber will Engeler nicht reden, portraitartige Geschichten lehnt er ab. Er habe sich als Person immer zurückgehalten und sei auch zur Politik auf Distanz geblieben, sei mit praktisch allen Parlamentsmitgliedern und Chefbeamten der Bundesverwaltung per Sie, ausser mit ein paar wenigen, «bei denen das Du an einem Anlass leider nicht zu vermeiden war».

Engeler, die Steigerungsform von Engel

Kokettiert Engeler nur, oder meint er das wirklich ernst? Er ist nicht nur ein berühmt-gefürchteter Journalist, sondern auch menschlich ein rätselhaftes Unikum. Jedenfalls platziert Engeler auch gern Witze, bezeichnet sich mit 61 als «uralt» und sagt, beim Gespräch über seine Person müsste er ja die gleichen harten Massstäbe ansetzen wie bei anderen. «Das käme nicht gut heraus», diese Geschichte würde er nicht lesen wollen. Immer wieder platziert er auch den ironischen Hinweis auf seinen Namen: «Ich heisse Engeler, die Steigerungsform von Engel.»

Erstellt: 09.12.2011, 13:58 Uhr

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