«Der Mensch braucht Verwurzelung»

Unabhängigkeit bewahren und sich gleichzeitig vernetzen – das plant Ignazio Cassis. Der Bundesrat sagt, warum uns die Globalisierung verunsichert.

«Ohne meine Erfahrung als Aids-Arzt wäre ich nicht in die Politik gegangen»: Ignazio Cassis über seinen Werdegang. Foto: René Ruis

«Ohne meine Erfahrung als Aids-Arzt wäre ich nicht in die Politik gegangen»: Ignazio Cassis über seinen Werdegang. Foto: René Ruis

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Herr Bundesrat Cassis, wie steht es in zehn Jahren um die Beziehung zwischen der Schweiz und der Europäischen Union?
In zehn Jahren ist die Schweiz politisch nach wie vor selbständig. Wirtschaftlich hingegen sind wir stärker integriert, haben mehr Verträge mit der EU und ein Rahmenabkommen, das die Verfahren vereinfacht. Wirtschaftliche Integration – das ist eine Sache des Überlebens gegenüber neuen Märkten wie China, Indien oder Südamerika. Wenn wir unseren Wohlstand bewahren wollen, müssen wir vernetzt sein. Das gilt übrigens für alle europäischen Länder.

Im Widerspruch dazu stehen nationalistische Bewegungen, die EU-feindlich agieren und sich abschotten wollen.
Wir dürfen wirtschaftliche Integration nicht mit politischer Integration verwechseln. Politisch, glaube ich, wird die EU in zehn Jahren dezentralisierter sein als heute. Sie wird sich dem Modell Schweiz annähern.

Die Schweiz als Vorbild für die EU?
Ich bin mir ziemlich sicher: Historisch gesehen hat die EU das Maximum einer zentralistischen Entwicklung erreicht. Jetzt muss das Pendel zurückschwingen, wenn diese unterschiedlichen Länder, Kulturen und Religionen weiterhin unter einem Dach zusammenarbeiten sollen.

Und nationalistische Kräfte setzen sich durch?
Sie sind im Aufwind, in Europa und weltweit, auch wegen Zentralisierungstendenzen.

Sehen Sie Gefahren?
Gefahren und Chancen, wie bei jeder Entwicklung. Wir waren in den letzten zwanzig Jahren getrieben von der Globalisierung. Sie hat für viel Angst und Verunsicherung gesorgt. Denn der Mensch ist kein Weltbürger. Er braucht Verwurzelung, braucht Grenzen, die seine Zugehörigkeit definieren und Identität stiften.

Nationalismus geht aber auch Hand in Hand mit Rückschritt und Diktatur.
Das trifft zu. Wir leben in einer multipolaren Welt, es entstehen neue Blöcke, die sich um die Ressourcen des Planeten streiten. Das ist gefährlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben zwar viele Diktatoren die Macht abgeben müssen. Aber es kommen neue Generationen, die sich nicht erinnern und vielleicht dieselben Fehler machen.

Wie soll sich die Schweiz angesichts dieser Entwicklung verhalten?
Wir müssen dafür sorgen, dass wir wirtschaftlich gute Beziehungen pflegen. Andernfalls verlieren wir Marktanteile. Wir müssen unsere wirtschaftlichen Stärken auf dem Weltmarkt ausspielen, auch unsere diplomatische Stärke. Wenn es der Wirtschaft gut geht, gibt es Arbeitsplätze. So entzieht man den Populisten den Nährboden.

«Die Gesellschaft litt an einer Art kollektiver Psychose. Dies zu erleben, hat mein Denken verändert.»

Die Verhandlungen um ein Rahmenabkommen mit der EU diesen Sommer warfen hohe Wellen, im Volk wird ein Verlust von Souveränität befürchtet.
Die Souveränität ist seit der Existenz der Schweiz gefährdet. Es gab immer Leute, die unsere Unabhängigkeit verkaufen wollten. Daher gilt es, sie zu schützen. Wir sollten aber keine Religion daraus machen. Die Souveränität ist ein Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck.

Was ist der Zweck?
Die Freiheit.

Sie sagen aber auch, dass eine Einigung mit der EU ohne Kompromisse nicht möglich sein wird. Wir müssen ein Stück weit auf Freiheit verzichten.
Natürlich. Aber es ist nicht so dramatisch, dass wir beispielsweise unseren Schweizer Franken aufgeben müssten. Es geht darum, dass wir im Export unserer Güter gewisse Regeln nicht mehr selber festlegen können, etwa wie hoch die Kühlschranktemperatur in Lastwagen sein soll. Die Freiheit der Schweiz ist deswegen noch lange nicht gefährdet.

Werden Sie darüber auch am 1. August in Lugano sprechen, wo Sie auf der Piazza della Riforma eine Rede halten?
Nein, sicher nicht so detailliert. Ich weiss noch nicht genau, worüber ich sprechen werde.

Am 1. August vor einem Jahr hat die FDP Tessin Sie zu ihrem offiziellen Bundesratskandidaten erkoren. Damals trugen Sie ein rotes T-Shirt mit Schweizer Kreuz. Holen Sie es dieses Jahr wieder aus dem Schrank?
Das war meine Absicht, aber meine Mitarbeitenden sind skeptisch, ob ich als Bundesrat in einem T-Shirt adäquat gekleidet bin.

Warum nicht? So ein Schweiz-Shirt am Nationalfeiertag wäre ein Statement. Es sagt: «Switzerland first.»
Eben. Ich versuche immer noch, mein Team davon zu überzeugen. Wer weiss, vielleicht gelingt es mir ja noch.

«Die soziale Diskriminierung der Aids-Patienten hat mich geprägt»: Bundesrat Ignazio Cassis, hier während einer Fragestunde im Nationalrat in Bern. Foto: Keystone

Sie sind vergleichsweise spät – um die 40 – zur Politik gekommen. Davor waren Sie Arzt. Profitieren Sie als Politiker von den Erfahrungen, die Sie als Mediziner machten?
Ja. Vor allem die Zeit Ende Achtziger-, Anfang Neunzigerjahre hat mich geprägt. Ich hatte im Spital in Lugano eine Aids-Sprechstunde. Aids war eine neue Epidemie. Junge Menschen starben. Ich habe einen Patienten betreut, der mit mir zur Schule gegangen war. Ich glaube, ohne diese Aufgabe damals wäre ich nicht in die Politik gegangen.

Das müssen Sie erklären.
Die soziale Diskriminierung der Aids-Patienten hat mich geprägt. Wegen der Krankheit verloren sie den Job und ihre Freunde. Es waren auch viele Drogensüchtige und Homosexuelle dabei, die es ohnehin schon schwer hatten. Im katholischen Tessin war es eine Tragödie, wenn ein Familienmitglied homosexuell war. Als Aidskranke wurden sie dann total ausgegrenzt, keiner gab ihnen mehr die Hand. Manche meiner Kollegen im Spital wollten in der Kantine nicht mehr mit mir essen, weil ich der Arzt der Aidskranken war. Absurd! Die Gesellschaft litt an einer Art kollektiver Psychose. Dies zu erleben, hat mein Denken verändert.

Inwiefern?
Es hat mein Interesse an der Sozialpsychologie geweckt, ich gewann ein vertieftes Verständnis dafür, wie die Gesellschaft funktioniert. Das kommt mir als Politiker zugute.

Förderten die Erlebnisse auch Ihr Verständnis für Minderheiten?
Ja. Jeder hat das Recht, sein Leben so zu leben, wie er es will, solange die Freiheit der anderen nicht tangiert ist.

«Zigaretten sind rechts, kiffen ist links? Das ist ein Sozialkonstrukt, das jeder Wissenschaftlichkeit entbehrt.»

Und jeder darf kiffen, der Lust hat dazu?
Idealerweise schon, solange er volljährig ist. Erwachsene dürfen selber entscheiden, ob und wie sie sich berauschen wollen. Kiffen ist heute verboten. Meine persönliche Meinung dazu ist klar: Verkauf und Konsum von Cannabis sollten reguliert werden. Verbote haben sich als unwirksam erwiesen und dienen bloss dem Schwarzmarkt. Mich ärgert zudem diese Doppelmoral: Die eine Substanz – Alkohol – ist unproblematisch, die andere – Cannabis – wird verteufelt. So eine Haltung ist medizinisch gesehen widersprüchlich. Denn beides sind ähnlich psychoaktive Substanzen.

Cannabis ist kulturfremd.
Genau. Im Unterschied zum Alkohol ist Cannabis ein Gift, das wir nicht kennen, das wir nicht kultivieren. Ergo haben wir Angst davor. Ergo muss es verboten sein. Die ganze Debatte hat mit gesundem Menschenverstand nichts mehr zu tun.

Sondern?
Die Rechten haben ein Problem mit Cannabis, fordern aber Subventionen für Bauern, die Alkohol produzieren. Die Linken wollen Cannabis legalisieren, aber gleichzeitig das Rauchen überall verbieten. Joint ja, Zigarette nein? Zigaretten sind rechts, kiffen ist links? Das ist ein Sozialkonstrukt, das jeder Wissenschaftlichkeit entbehrt.

Wie steht es um die Gesundheit der Schweizerinnen und Schweizer?
Noch nie war sie so gut wie heute.

«Die Maximierung der Gesundheit darf doch kein Lebensziel sein!»

Warum wurden dann die Richtlinien für den Alkoholkonsum verschärft? Neu wird empfohlen, dass Männer maximal zwei und Frauen ein Glas Alkohol am Tag trinken – und an mehreren Tagen gar nichts.
Sie dürfen gerne mehr trinken. (lacht)

Nicht, wenn es nach den neuen Alkohol-Richtlinien des Bundes geht.
Diese strenge Verneinung des Vergnügens, sie ist mir auch nicht verständlich.

Was sagen Sie als ehemaliger Präventionsmediziner dazu?
Ich war als werdender Arzt auch streng. Mein Vater ass gerne Salametti. Ich sagte: «Papi, du willst nicht wahrhaben, wie ungesund das ist.» Ich versuchte quasi, ihn zu «evangelisieren» auf meinem medizinischen Weg. Doch mein Vater erwiderte: «Du und dein Cholesterol! Sag, was du willst, ich esse Salametti.» Mein Vater war ein weiser Mann, er hatte recht. Die Maximierung der Gesundheit darf doch kein Lebensziel sein! Wir sollten Menschenverstand walten lassen, uns zwar gesund ernähren und körperlich betätigen, aber hin und wieder auch Salametti essen oder drei Gläser Wein trinken, wenn wir Lust dazu haben.

«Italienisch sprechende Schweizer galten nicht als richtige Schweizer. Zum Teil ist das heute noch so.»

Ihre Grosseltern wanderten 1929 von Luino in Italien in die Schweiz ein, nach Sessa. Was waren sie für Menschen?
Einfache Leute, es war eine arme Zeit. Mein Grossvater bewirtschaftete einen Bauernhof, meine Grossmutter eröffnete ein Restaurant, das Ristorante Unione, das heute noch existiert. Beide hatten wenig nationalen Bezug – weder zur Schweiz noch zu Italien. Sie sind nie gereist. Wichtig für sie waren die umliegenden Dörfer, der Malcantone, wo irgendwo die Grenze zu Italien verlief, doch das interessierte niemanden, die Leute hier und ennet der Grenze waren damals dieselben, teilten Sprache und Kultur.

Sie wuchsen in Sessa auf, besassen anfangs noch keinen Schweizer Pass. Erlebten Sie Fremdenhass?
Ich erinnere mich, dass ich in der Primarschule hin und wieder Spott erfahren habe, weil ich Italiener war. Aber das störte mich kaum. Härter war es für mich während des Studiums in Zürich, da spürte ich durchaus aggressives Verhalten mir gegenüber als Italienischsprachiger. Damals war ich allerdings bereits eingebürgert. Doch in den späten Siebzigerjahren waren in Zürich alle, die italienisch sprachen, Italiener. Italienisch sprechende Schweizer galten nicht als richtige Schweizer. Zum Teil ist das heute noch so, und es ist auch historisch begründet im Sinne von: Die Deutschschweizer haben die Schweiz erfunden, nicht die Tessiner.

Was passierte in Zürich?
Ich war Medizinstudent an der Uni. Um einen Praktikumsplatz zu ergattern, rief ich im Balgrist an – mit meinem gebrochenen Deutsch. Die Dame fragte: «Sind Sie Italiener?» Ich sagte, nein, ich sei Tessiner. Worauf sie erwiderte: «Oh, Entschuldigung!» Tja, es galt als Beleidigung, jemanden einen Italiener zu nennen. Ich fühlte mich diskriminiert, doch hatte das weniger damit zu tun, dass ich früher einen italienischen Pass besessen hatte, sondern damit, dass ich italienischer Muttersprache war.

«Ich liebe den Jazz, höre Dixieland, Rhythm ’n’ Blues, Bebop.»

Sind Sie aufgrund solcher Erfahrungen in Migrationsfragen grosszügiger als Ihre freisinnigen Kollegen in der Deutschschweiz?
Eine schwierige Frage. Meine Antwort lautet nein. Hart, aber fair – das ist die Position der FDP, und es ist auch meine. Wir müssen grosszügig sein mit echten Asylsuchenden, aber hart mit Armutsflüchtlingen. Wir können nicht ganz Afrika nach Europa holen. Und wir wollen es auch nicht. Wir wollen unsere Existenzgrundlage nicht gefährden durch eine Willkommenspolitik gegenüber Armutsmigranten. Aber wir leisten Hilfe vor Ort, mit dem Ziel, dass junge Menschen einen Beruf erlernen können.

Sie selbst waren in jungen Jahren begeisterter Trompetenspieler und gehörten dem Armeespiel an. Spielen Sie heute noch?
Leider nicht. Ich spiele noch ein bisschen Gitarre, aber ich komme kaum mehr dazu.

Was tun Sie stattdessen zur Entspannung?
Ich besuche gerne Konzerte. Ich liebe den Jazz, höre Dixieland, Rhythm ’n’ Blues, Bebop.

Stimmt es, dass Sie eine grosse Plattensammlung besitzen?
Das ist richtig, ich habe über 1200 Stück. Jazz vor allem, aber auch italienische Musik von den grossen Cantautori: Lucio Dalla, Francesco De Gregori, Enzo Jannacci oder Zucchero. Wobei ich derzeit vor allem Radio Swiss Jazz höre. Habe ich genug davon, schalte ich auf Swiss Pop. Doch da wird es mir schnell zu kuschelig.

Erstellt: 01.08.2018, 11:52 Uhr

Arzt und Politiker


Ignazio Cassis, geboren am 13. April 1961, wuchs in Sessa TI auf, sein Vater Gino war zuerst Bauer und arbeitete später für eine Versicherung, die Mutter Mariarosa kümmerte sich um den Haushalt. Erst italienischer Staatsangehörigkeit, wurde Cassis 1976 eingebürgert. Ignazio Cassis studierte an den Universitäten von Zürich, Genf und Lausanne Medizin und spezialisierte sich auf Innere Medizin und Public Health. Ab 1996 war er über zehn Jahre Kantonsarzt des Tessins. 2004 trat er in den Gemeinderat in Collina d’Oro ein, ab 2007 war der FDP-Politiker Nationalrat, ab 2015 präsidierte er die FDP-Bundeshausfraktion. 2017 wurde er als Nachfolger von Didier Burkhalter in den Bundesrat gewählt. Seit dem 1. November 2017 ist er Vorsteher des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Ignazio Cassis ist verheiratet mit Paola Rodoni Cassis und lebt in Montagnola/Collina d’Oro TI.

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