Der militante Hirte in der samtenen Robe

Bischof Vitus Huonder versteckt seine Ambitionen hinter Amt und Würden.

Eigentlich wollte er Mönch werden: Der umstrittene Bischof von Chur, Vitus Huonder. Foto: Nicola Pitaro

Eigentlich wollte er Mönch werden: Der umstrittene Bischof von Chur, Vitus Huonder. Foto: Nicola Pitaro

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Bischof Vitus Huonder gibt von sich gern das Bild des guten Hirten: Die Stimme sanft, ein Lächeln im Gesicht, tritt er stets friedfertig auf, geht freundlich beflissen auf Freund und Feind zu. Dass er daneben hartnäckig auch auf blutrünstigen Bibelstellen aus dem Buch Levitikus beharrt und auf die Todesstrafe für Homosexuelle anspielt, würde man ihm auf den ersten Blick nicht zutrauen.

Der Bischof von Chur gibt Rätsel auf, selbst den Menschen, die ihn näher kennen.

Das überrascht selbst den Ex-Be­nediktiner und Bündner Schriftsteller Ursicin Derungs, der Huonder vom Kloster Disentis her kennt und ihm die Primizpredigt gehalten hatte. Der unwissenschaftliche Umgang mit Bibelstellen erstaunt ihn umso mehr, als Huonder zu Studienzeiten in Rom von einem hervorragenden Professor ins Alte Testament eingeführt worden sei, um dann selber in Freiburg darüber zu doktorieren und in Chur zu dozieren.

Der Bischof von Chur gibt Rätsel auf, selbst den Menschen, die ihn näher kennen. Er will sich auch gar nicht in die Karten schauen lassen und versteckt sich hinter Würde und Formalität seines Amtes. Als 2007 der damalige Bischof von Chur Amédée Grab zurücktrat, erklärte Huonder öffentlich: «Ich sehe für mich selber kaum Möglichkeiten, Bischof zu werden.» Nach 17 Jahren an der Churer Kurie wisse er, dass das vor allem Stress bedeute. Er kündigte an, sich in ein Frauenkloster zurückzuziehen, um sich nur Wochen später zum Oberhirten des Bistums Chur wählen zu lassen.

Irritierende Auftritte

Seither polarisiert und irritiert er: mit moralischer Zurechtweisung von Wiederverheirateten und Homosexuellen. Genauso aber auch mit spitzenbesetzten Roben aus einer anderen Zeit. Kopfschütteln rundherum im Klerus, als man ihn auf Bildern sah, wie er mit einer ­sieben Meter langen Schleppe aus rotem Samt und Seidenhandschuhen feierlich in die Wiener Karlskirche einzog. Dieser Tage präsentierte ihn eine Karikatur in der NZZ in wallendem Bischofsrock mit Brüsseler Spitzen auf dem Coiffeurstuhl, den Kopf voller Lockenwickler unter einer mitraförmigen Haube, vertieft in eine Zeitung mit der Aufschrift: «Bischof Huonder hetzt gegen Homosexuelle.» Er, der beteuert, Reichtum und Luxus spielten für ihn keine Rolle, inszeniert seine pompösen Auftritte in der Churer Kathedrale gar mithilfe eines Zeremoniars. Alles zur grösseren Ehre Gottes.

Seine Herkunft ist alles andere als pompös. Dass er von früher Kindheit an nur mit Mutter und Geschwistern gelebt habe, darüber habe er schon in vielen Interviews Auskunft gegeben, so Huonder. Kaum aber darüber, wie einfach die Verhältnisse waren. Er wuchs in den Bergen auf, im bündnerischen Trun. Der Vater arbeitete auf dem Bau und starb, als Vitus noch keine zehn Jahre alt war. Um Geld zu verdienen, beschloss die Mutter, ins Unterland, nach Thalwil, zu ziehen. Luise Huonder musste hart arbeiten, um ihre vier Kinder – Vitus, den Jüngsten, zwei Schwestern und einen älteren Bruder – durchzubringen. Sie ging putzen, bevorzugt in Pfarrhäusern.

Jene, die ihn kannten, hätten ihn eher als Lehrer gesehen oder als Archivar. Nie hätten sie ihm die Laufbahn als Seelsorger und Bischof empfohlen.

Wie viele Kinder damals aus bescheidenem Elternhaus verdankt Huonder seine Bildung der Kirche. In der Klosterschule von Disentis machte er 1963 die Matura. Was die offizielle Vita verschweigt: Er wollte Mönch werden. Als Frater Laurentius absolvierte er in Disentis das Noviziat und studierte in Rom an der Benediktinerhochschule Sant’ Anselmo. 1967, nur Monate vor den ewigen Gelübden, verliess er das Kloster. Weil er Weltpriester werden wollte, erklärt er auf Anfrage.

Huonder ging zum Studium nach Freiburg, dorthin, wo auch Frau J. lebte, eine Dame aus der besseren Gesellschaft. Er hatte sie in Klosters kennen gelernt, wo sie eine Pension führte. In den Sommerferien hatte Huonder jeweils deren Tochter und Nichten in Deutsch unterrichtet. Später in Freiburg lebte die begüterte Frau mit adligen Wurzeln von ihrem Mann geschieden. Fortan zog die mehr als 20 Jahre ältere Frau mit Huonder von Ort zu Ort, wo immer es seine Laufbahn erforderte. Bis zu ihrem Tod blieb sie an seiner Seite – als Mutterfigur, Gouvernante, Köchin, Mäzenin.

Jene, die ihn kannten, hätten ihn eher als Lehrer gesehen oder als Archivar, der seine Zeit allein und in Bücher vertieft verbringt. Nie hätten sie ihm die Laufbahn als Seelsorger und Bischof empfohlen. Als Seelsorger in Sachseln, Kilchberg und Egg war der konservative Pfarrer, der gerne Schriften des Opus Dei auflegte, umstritten. In Egg bei Zürich hätte er sich der Wiederwahl stellen müssen. Er tat es nicht und ging stattdessen nach Freiburg, wo er für die Habilitation in Liturgiewissenschaft angemeldet war. Dann eröffnete ihm der angefeindete Bischof von Chur, Wolfgang Haas, eine kuriale Karriere.

Getreuer von Wolfgang Haas

Obwohl Huonder niemals von Ambitionen sprechen würde, vermochte er sich in den «Churer Wirren» jener Jahre an der Spitze des Bistums zu halten. 1990 machte ihn Haas zum Bündner Generalvikar. Drei Jahre später musste er auf päpstliches Geheiss den neuen Weihbischöfen Paul Vollmar und Peter Henrici Platz machen. Doch schon 1997 holte Haas seine Getreuen, darunter Huonder, in die Bistumsleitung zurück und machte ihn zum Bischofsvikar. Dass die Dekane diesen Entscheid als «haarsträubend» und «Affront gegenüber Rom» ablehnten, kümmerte ihn wenig. Haas musste gehen, Huonder blieb. Unter Haas-Nachfolger Amédée Grab wurde er wieder Generalvikar.

Haushälterin und Förderin J. machte nie ein Hehl daraus, dass sie Vitus Huonder zu Höherem berufen sah, und lobte ihn in den höchsten Tönen: Begabt sei er, gescheit, eloquent und demütig, «zum Bischof wie gemacht». Als 1998 nicht Huonder, sondern Amédée Grab das Zepter von Haas übernahm, war sie fassungslos. Sie erlebte es nicht mehr, dass ihr Schützling Jahre später unter Papst Benedikt XVI. doch Bischof wurde.

Ehrenprälat Huonder fühlte sich im Ratzinger-Pontifikat gestützt und aufgehoben. Auch der Theologenpapst liebte die doktrinäre Rede und die grosse Robe. Die grösste Genugtuung war für Huonder, als Benedikt 2007 die alte lateinische Messe wieder zuliess und mit ihr die überbordende Ästhetik und das erzkonservative Denken der Pius- und Petrusbrüder. Bei dieser Gruppe, die sich ins Ancien Régime mit seiner Allianz von Thron und Altar und klaren Geschlechterrollen zurücksehnt, hat der Churer Bischof seine Heimat gefunden. Dazu kam die glückliche Fügung, dass sein Berater, Generalvikar Martin Grichting, zum Schülerkreis des geachteten Münchner Kirchenrechtlers Winfried Aymans gehört – genauso wie der päpstliche Sekretär Georg Gänswein. Damit standen die Türen zu Papst Benedikt weit offen.

Fanatische Züge

Unter Franziskus hat Huonder einen schwierigeren Stand. Der Papst, der mehr Seelsorger und Politiker ist und auf die Armen zugeht, ist für ihn eine Herausforderung. Statt sich zur eigenen bescheidenen Herkunft zu bekennen und soziale Themen aufzugreifen, haut Huonder in die immer gleiche Kerbe der Ehe- und Sexualmoral. Vor dem Hintergrund, dass die römische Familiensynode im Oktober die Doktrin der Kirche aufweichen könnte, bekommt dies fanatische Züge. Vernetzt mit den Reformgegnern, die im Kirchenrechtler Aymans einen Leitstern gefunden haben, werden Huonders Verweise auf alttestamentarische Bibelstellen unterschwellig aggressiver. Der Bischof in der Spitzenrobe präsentiert sich so, wie es Opus-Dei-Gründer Josemaría Escriva von konservativen Katholiken wünschte: als «stählerne Keule im samtenen Futteral».

Erstellt: 21.08.2015, 23:47 Uhr

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