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Der Mittelstand ist zweigeteilt

Geldnöte sind nicht im gesamten Mittelstand gleich verbreitet. Wer zum unteren Teil dieser Bevölkerungsschicht gehört, hat mehr Schwierigkeiten – nicht nur mit den Finanzen.

Ein Haus können sich längst nicht alle im Mittelstand leisten: Einfamilienhaussiedlung in Neftenbach ZH.
Ein Haus können sich längst nicht alle im Mittelstand leisten: Einfamilienhaussiedlung in Neftenbach ZH.
Keystone

Mittelstand ist nicht gleich Mittelstand: Finanzielle Schwierigkeiten, Wohnsituation, Sicherheitsempfinden und Zufriedenheit variieren zwischen der unteren und der oberen Mitte stark. Das ist die zentrale Erkenntnis einer Analyse zur Lebensqualität der mittleren Einkommensgruppe des Bundesamts für Statistik (BFS). Zu dieser Schicht gehörten im Jahr 2013 rund 58 Prozent der Bevölkerung; knapp 28 Prozent davon sind der unteren und rund 30 Prozent der oberen Mitte zuzurechnen. Das Einkommen dieser Gruppe liegt zwischen 70 und 150 Prozent des Medians. Dazu zählen zum Beispiel Alleinlebende mit einem monatlichen Bruttoeinkommen zwischen 3947 und 8457 Franken oder Paare mit zwei Kindern unter 14 Jahren mit einem monatlichen Haushaltseinkommen von 8288 bis 17'760 Franken.

Zwar lassen sich die verbreiteten Klagen, der Mittelstand werde heute finanziell übermässig belastet, statistisch nicht erhärten. Die Umverteilung durch Steuern und Abgaben blieb zwischen 1998 und 2013 konstant. In dieser Gruppe nahm das Einkommen abzüglich der obligatorischen Abgaben mit 13 Prozent sogar am stärksten zu. Bei den untersten und obersten Einkommen betrug der Zuwachs nur je 9 Prozent.

Doch die BFS-Auswertung zeichnet ein differenziertes Bild des Mittelstands: Sie zeigt, dass die untere Mitte wesentlich stärker mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. So hat etwa jeder Vierte Probleme, innerhalb eines Monats eine unerwartete Rechnung von 2500 Franken zu begleichen. In der oberen Mitte ist es nur jeder Zehnte. Zum Vergleich: In der einkommensschwächsten Bevölkerungsgruppe trifft dies auf jeden Dritten zu.

In der Gesamtbevölkerung haben fast 12 Prozent grundsätzlich Mühe, bis zum Monatsende finanziell über die Runden zu kommen. In der mittleren Einkommensgruppe gibt es auch diesbezüglich ein «beachtliches Gefälle», wie es in der Studie heisst. In der unteren Mitte ist der Anteil mit rund 15 Prozent doppelt so hoch wie in der oberen Mitte (7 Prozent). Personen, die der ersten Kategorie angehören, sind entsprechend unzufriedener mit ihrer finanziellen Situation als jene der zweiten.

Infografik: Schwierigkeiten, unerwartete Rechnungen zu begleichen

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Untere Mitte lebt beengter

Auch die Wohnsituation unterscheidet sich innerhalb des Mittelstands. Fast 9 Prozent der unteren Mitte leben in überbelegten Wohnungen. Der Wert entspricht ungefähr jenem der Gruppe der Einkommensschwachen. In der oberen Mitte trifft eine zu geringe Zimmeranzahl in der Wohnung nur auf rund 4 Prozent zu. Das gleiche Muster zeigt sich bei der Wohnkostenbelastung. Für 8 Prozent der unteren Mitte betragen die Wohnkosten mehr als 40 Prozent des Budgets, während es bei der oberen Mitte nur 3 Prozent sind. Darum ist auch ein höherer Anteil der ersten Kategorie unzufriedener mit der Wohnsituation als der zweiten.

Mit dem Einkommen steigt auch das Bildungsniveau. Das verdeutlicht sich innerhalb des Mittelstands. In der oberen Mitte ist der Anteil der Personen mit Hochschulabschluss höher als in der unteren. Dort ist er sogar deutlich niedriger als in der Gesamtbevölkerung. Mehr als ein Fünftel der unteren Mitte verfügt nur über die obligatorische Schulbildung (Sekundarstufe I), in der oberen Mitte trifft dies nur auf einen Zehntel zu.

Kumulierte Benachteiligung

Deutliche Differenzen bestehen zudem bei der Wahrnehmung der eigenen Sicherheit. In der unteren Mitte fühlen sich über 19 Prozent der Personen unsicher, wenn sie nach dem Eindunkeln alleine zu Fuss in ihrer Wohngegend unterwegs sind. In der oberen Mitte sind es nur knapp 14 Prozent. Gleiches gilt für das Vertrauen in die Politik und das Rechtssystem, das in der unteren Mitte signifikant tiefer ist. Diese Befunde haben politische Implikationen: «Wenn sich die Lebensbedingungen verschlechtern und subjektiv auch so wahrgenommen werden, birgt das Potenzial für Protest und politische Radikalisierung», sagt BFS-Studienautorin Caterina Modetta. Vor allem die kumulierte Benachteiligung in mehreren Lebensbereichen wie Finanzen, Arbeit, Wohnen und Gesundheit beeinträchtige das Wohlbefinden. «Der unteren Mitte muss deshalb sozialpolitisch entsprechend Aufmerksamkeit geschenkt werden.»

Die Parteien gehen mit dieser Problematik unterschiedlich um. Zwar schreiben sich alle eine Politik für den Mittelstand auf die Fahne. Aber Bürgerliche verstünden sie vorab als Interessenpolitik für den «alten» Mittelstand – für das Gewerbe oder die Landwirtschaft, sagt der Politologe Claude Longchamp vom Forschungsinstitut GFS Bern. Linke hätten dagegen eher statistische Vorstellungen der neuen Mittelschichten; entscheidend dabei sei das Haushaltseinkommen.

Drei politische Szenarien

Aus den Benachteiligungen der unteren Mitte ergeben sich gemäss Longchamp drei politische Szenarien, die bereits vorhandene Tendenzen verstärken: Das Systemmisstrauen könnte sich verschärfen und erstens zum weiteren Verlust von Parteibindungen führen. Das gelte vor allem für die liberal-bürgerlichen Parteien, die bisher als Garanten für das Fortkommen der Mittelschichten gegolten hätten. Dieser Effekt zeigt sich zum Beispiel seit geraumer Zeit bei der FDP.

Zudem ergibt sich zweitens ein Protestpotenzial für rechtspopulistische Parteien, die zwar nicht wirtschaftliche Verbesserung versprechen, aber die kulturelle Entfremdung bekämpfen und den Schweizer auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt bevorzugen wollen. Die Formel lautet: Die Ausländer verursachen den Abstieg der Schweizer. Der Wählerzulauf zur SVP ist bereits Ausdruck dieser Entwicklung.

Drittens schafft diese Ausgangslage neues Wählerpotenzial für die Linke – wenn sie die materielle Sicherung via Familienförderung, Krankenkassenprämien oder Steuererleichterungen sichtbar machen kann. Diese Tendenz zeigt sich in der unveränderten Stärke der SP, während die breite Mitte an die SVP verliert. Für Longchamp ist denn auch eine Mischung der drei Szenarien am wahrscheinlichsten.

Allerdings könnten sich künftig nicht nur die Unterschiede innerhalb des Mittelstands, sondern auch zwischen allen Gesellschaftsschichten weiter akzentuieren: Die in der Studie untersuchte mittlere Einkommensgruppe ist seit 1998 konstant etwa gleich gross. Seit 2009 geht ihr Anteil an der Gesamtgesellschaft jedoch tendenziell zurück – und die Schere zwischen Vermögenden und Armutsgefährdeten entsprechend auseinander.

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