Der neue GLP-Präsident sieht sich als «Teamchef»

Die zwei Top-Kandidatinnen haben abgesagt und so den Weg frei gemacht für den Berner Oberländer Jürg Grossen.

Elektroplaner Jürg Grossen liebt Sport und erneuerbare Energien. Foto: Keystone

Elektroplaner Jürg Grossen liebt Sport und erneuerbare Energien. Foto: Keystone

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Eines schien sicher, als Martin Bäumle im Mai seinen Rücktritt als Präsident der Grünliberalen ankündigte: Nach ihm kommt eine Frau. Die Nationalrätinnen Tiana Moser (ZH) und Kathrin Bertschy (BE) hatten sich mit Fleissarbeit und telegenen Auftritten Bekanntheit und Ansehen erworben. Beide sind in den Dreissigern, strotzen vor Tatendrang und widmen ihr Leben der Politik.

Doch sie wollen nicht an die Spitze der Partei. Präsident wird Jürg Grossen, Nationalrat aus Frutigen, einer 7000-Einwohner-Gemeinde im Kanton Bern. Dies gaben Grossen, Moser und Bertschy gestern in Bern vor den Medien bekannt. Grossen muss noch von den Delegierten gewählt werden, die sich Ende August in Zürich versammeln. Die Wahl gilt als Formsache.

Warum er? Am Ende haben zwei Personen kandidiert, Grossen und der Zürcher Nationalrat Thomas Weibel, ein Grünliberaler der ersten Stunde. Weibel hatte 2004 mit Verena Diener und Martin Bäumle in Zürich die erste Kantonalpartei mitgegründet und damit den Grundstein für die spätere nationale Partei gelegt. Trotzdem befand der Vorstand, dass Grossen der richtige Mann sei – mit 47 noch vergleichsweise jung (Weibel erreicht bald das Pensionsalter) und beruflich so weit etabliert, dass er die operative Leitung seiner Unternehmen loslassen kann. Grossen kommt vom Land und ist trotzdem fortschrittlich genug für eine Partei, die sich geradezu futuristisch gibt.

Zu jung, zu viel beschäftigt

Tiana Moser hatte wegen der Mehrfachbelastung als Mutter dreier kleiner Kinder und Politikerin abgesagt. Zudem will sie das einflussreiche Amt der Fraktionschefin behalten. Bertschy hat sich nach anfänglicher Interessensbekundung ebenfalls zurückgezogen. Sie hätte das Co-Präsidium von Alliance F abgeben müssen, dies wollte sie aber nicht. Ausserdem sei sie noch dabei, ihr Beratungsunternehmen weiter aufzubauen.

Doch Moser und Bertschy betonten, dass sie neben dem Präsidenten eine wichtige Rolle spielen werden in der Parteileitung. Dass man bei der GLP ohnehin einen partizipativen Führungsstil pflegen wolle und keine veralteten hierarchischen Strukturen. Trotzdem: Es gibt einen Präsidenten. So klar war das nicht von Anfang an. Im Vorstand wurde diskutiert, anstelle des Präsidenten eine Art Teamleiter zu installieren und die Hierarchie innerhalb des Vorstands aufzulösen. Er habe dies geprüft, sagt Nationalrat Beat Flach, der die Neubesetzung des Präsidiums koordinierte. Die Vision war: Nicht einer allein geht in die Elefantenrunde des Fernsehens, gibt grosse Interviews und kommentiert jedes Geschäft. Sondern mehrere Personen eines Führungsgremiums machen das abwechslungsweise.

Grossen kommt vom Land und ist trotzdem fortschrittlich genug für eine Partei, die sich futuristisch gibt.

Doch das Projekt erwies sich als zu komplex und zu aufwendig. Die faktische Abschaffung des Präsidenten hätte einer umfassenden Statutenrevision bedurft. Und für gewisse administrative Vorgänge braucht es eine zeichnungsberechtigte Person. So fahren nun auch die Grünliberalen, die sich als «die progressive Kraft der Schweizer Politik» bezeichnen, vorerst traditionell weiter. Aber mit dem Ziel, nicht mehr als Ein-mannpartei wahrgenommen zu werden, sondern als progressive Kraft mit einem Primus inter Pares.

Jürg Grossen machte gestern nicht den Eindruck, als würde er mehr Macht begehren. Ihm liege die Partei sehr am Herzen, sagte er auf die Frage, warum er Präsident werden wolle. Die grünliberale Idee hege er seit langem und nicht erst seit der Gründung der Partei. Seine Frau politisiert ebenfalls für die Grünliberalen, im Gemeinderat von Frutigen.

Engagement im Energiedossier

Grossen ist Elektroplaner, quasi Architekt für das Elektrische, und beschäftigt heute in seinen beiden Unternehmen rund 40 Mitarbeiter. Als er 2011 während des Booms der neuen Mitteparteien BDP und GLP überraschend Nationalrat wurde, reduzierte er sein berufliches Pensum auf 50 Prozent. Nun wird er es weiter reduzieren. Sehr wichtig sei ihm die sportliche Betätigung, während die Kinder nicht mehr so stark auf ihn angewiesen seien. Der Jüngste ist 12-jährig, der Älteste hat eben die Lehre als Automatiker abgeschlossen.

Als Nationalrat beackert Grossen, so wie viele Technikbegeisterte in der GLP, mit Engagement das Energiedossier. Erneuerbare Energien, Effizienz, selber produzierter Strom, kluge Systeme für Produktion und Verwertung – darin ist er Meister. Seinen ersten Elektromotor baute er als Schüler im Unterricht bei seinem Vater, der an der Sekundarschule Physik unterrichtete. Der Einsitz in der begehrten Energiekommission war Grossen von Anfang an verwehrt, Martin Bäumle besetzt den Platz, und er behält ihn auch. Doch Grossen ist Mitglied der Fernmeldekommission und hat sich dort als Meinungsführer in Medienthemen positioniert. In Zeiten, in denen die Medienpolitik neu geordnet wird, ist das nicht unattraktiv.

Potenzial, sagen Beobachter, habe Jürg Grossen beim politischen Instinkt. Beim Verständnis dafür, dass ein Parlamentarier 247 Leute von einer Sache überzeugen muss – und nicht bloss die Geschäftsleitung. Ausbaufähig sind zudem Grossens Französischkenntnisse, wie sich an der gestrigen Medienkonferenz zeigte. Er werde einen Französischkurs absolvieren und in einem Jahr das erste Interview auf Französisch geben, sagte er. Und auf die Frage, was er besser könne als Bäumle: «Französisch können wir etwa gleich schlecht. Aber ich spiele besser Fussball.»

Erstellt: 30.06.2017, 22:03 Uhr

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