Der oberste Lehrer geht

Beat W. Zemp tritt nach fast 30 Jahren als Lehrer der Nation ab. Er war überall präsent – was mitunter für Kritik sorgte.

«Ich habe schon zwei Leben aufgegeben: Eines als Lehrer und eines als Musiker», sagt Beat W. Zemp. <nobr>Foto: Susanne Keller</nobr>

«Ich habe schon zwei Leben aufgegeben: Eines als Lehrer und eines als Musiker», sagt Beat W. Zemp. Foto: Susanne Keller

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Der prägnante Schnauz. Der akkurate Haarschnitt. Die imposante Körper­grösse. Und ja, auch das sorgfältig eingesteckte Pochettli. Beat W. Zemp ist eine auffällige Erscheinung – jener Typ Mensch, der in jedem Raum unweigerlich die Blicke auf sich zieht, ohne sie zu suchen. Auch jetzt, da er auf die Minute pünktlich die Bar des Berner Hotels Schweizerhof betritt und zielsicher auf den für den Gesprächstermin reservierten Tisch zusteuert.

Zemps Auftritt wirkt freilich auch etwas aus der Zeit gefallen. Aus einer Zeit, als der Lehrer neben dem Arzt noch als höchste Autorität im Dorf galt. Wie damals, als der Baselbieter nach dem Studium mit Bestnoten seine erste Stelle als Mathematik- und Geografielehrer antrat. Das war 1986 am Gymnasium Liestal, und manche Schüler sprachen ihn anfangs noch mit «Herr Lehrer» an.

Nur vier Jahre später stieg Zemp bereits zum obersten Lehrer der Nation auf: Er wurde Präsident des Dachverbands der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) – und ist es bis heute geblieben. Nun tritt er nach 29 Jahren auf Ende Juli zurück.

«Vieles ist doch besser geworden!»Beat W. Zemp über die vergangenen 30 Jahre

In seiner Amtszeit haben sich die Machtverhältnisse im Klassenzimmer jedoch fundamental verändert: Die Lehrer sind heute für viele Eltern Lerncoachs, den Respekt der Schüler müssen sie sich täglich hart erarbeiten, ihre Leistung wird von Schulleitern bewertet.

Doch Zemp, dieser vermeintliche Lehrer alter Schule, mag den früheren Zeiten nicht nachtrauern. «Lehrer dürfen zwar nicht zu Lerncoachs degradiert werden; der Unterricht bleibt eine Zwangsveranstaltung», sagt der 64-Jährige, vor ihm ein geöffnetes Notizbuch, eine Gedankenstütze, er braucht sie nicht. «Aber vieles ist doch besser geworden in den letzten 30 Jahren! Lehrer dürfen zum Beispiel ihre Schüler nicht mehr ohrfeigen – das ist seit einem Bundesgerichtsentscheid 1991 verboten.»

Eine Antwort auf jede Frage

Es ist eine typische Zemp-Antwort: ein knappes, aber knackiges Statement, eloquent vorgetragen, gespickt mit Detailwissen, geprägt von den grossen bildungspolitischen Linien. Die Medien ­mögen Zemp für diese schnörkellose Kommunikation. Sie gewähren ihm bald mehr Präsenz als manchen Bundesräten.

Ob Mathe-Tests, Mobbing, Handyverbot, Lehrermangel, Schullager, Integration, Sprachaustausch oder Digitalisierung: In der Schule, diesem Mikrokosmos der Gesellschaft, kommen alle grossen Fragen im Kleinen zusammen – und Zemp hält zu jeder eine rasch verwertbare Antwort bereit. «‹20 Minuten› ruft jeden Tag an», sagt er, und in seinem Blick mischt sich Belustigung mit Stolz.

Beat W. Zemp, 2009 am Gymnasium in Liestal. Foto: Siggi Bucher (Keystone)

Keine Frage: Der Baselbieter weiss um seine kommunikative Stärke. Sie ist schliesslich der Grund, warum der Lehrerverband zur schlagkräftigsten Organisation im Bildungsbereich geworden ist: Als Sprachrohr der Lehrerschaft hat Zemp sämtliche tiefgreifenden Reformen der vergangenen 30 Jahre begleitet – und in deren Sinne geprägt. Es gibt heute neue Fächer, überarbeitete Lehrpläne, harmonisierte Schulzyklen, integrativ geschulte Kinder, pädagogische Hochschulen, gemanagte Schulhäuser.

Dass die 130'000 Lehrerinnen und Lehrer im Land bei all den folgenreichen Umbrüchen stets mit dieser einen Stimme sprachen, dass auch die Behörden stets diese eine Ansprechperson hatten: Das ist Zemps jahrzehntelanger Konstanz geschuldet.

Positive Erinnerungen seiner Verhandlungspartner

Diese Konstanz – Kritiker nennen es Dominanz – wurde ihm allerdings zuweilen auch vorgehalten. Gerade wegen seiner langen Amtsdauer stehe er den Behörden allzu nahe, Reformentscheide der kantonalen Erziehungsdirektoren trage er gehorsam mit, hiess es in manchen Lehrerkreisen hinter vorgehaltener Hand.

Von Bildungspolitikern ist denn auch nur Lob zu hören: «Beat Zemp hat in der breiten Bevölkerung das Bewusstsein geschärft, dass Unterrichten einer der Berufe ist, die am meisten vom gesellschaftlichen Wandel betroffen sind», sagt Christoph Eymann, ehemaliger Basler Erziehungsdirektor. Der LDP-Nationalrat weiss, dass sein Lob heikel ist, «weil es Zemp dem Verdacht aussetzt, als Gewerkschafter nicht hart genug aufgetreten zu sein». Aber wenn es in der Summe nichts zu kritisieren gebe, wenn er ihn über die Jahre hinweg als fairen Verhandlungspartner erlebt habe, dann sei das eben so.

Auch Silvia Steiner (CVP), Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz, zieht eine positive Bilanz: «Beat Zemp hat die Bildungslandschaft nachhaltig geprägt.» Sie verweist etwa auf die massgebliche Unterstützung des Lehrerverbands für die interkantonal harmonisierten Schulzyklen oder für den Sprachenkompromiss, wonach ab der dritten Klasse die erste und ab der fünften Klasse die zweite Fremdsprache unterrichtet wird.

Kritik an Personenkult

Nicht nur Zemps Rolle bei der Aushandlung von Reformen sorgte für Gesprächsstoff. Auch sein langjähriges Kleinstpensum am Gymnasium Liestal war umstritten: Er kenne die Sorgen von Klassenlehrern nur noch vom Hören­sagen, monierten Kritiker aus der Lehrerschaft. Als er seine Lehrtätigkeit vor sechs Jahren ganz aufgab, sahen sie sich bestätigt: Fortan würde er sie nur noch aus theoretischer Perspektive vertreten. Und weil er als Person viel Raum beanspruche, stünden andere Vorstandsmitglieder in seinem Schatten, kolportierten die Medien verschiedentlich anonyme Stimmen. Die Zentrierung auf Zemp: Sie grenze an Personenkult.

Doch mehrheitlich sah sich gerade auch die jüngere Generation, jene Lehrer, die gerne im Kapuzenpulli unterrichten oder mit ihren Schülern eine Spotify-Playlist austauschen, gut von Zemp vertreten. So schätzt etwa Philippe Wampfler, 41-jähriger Gymnasiallehrer in Zürich, dessen hervorragende Öffentlichkeitsarbeit – auch wenn sich der bekannte Experte für digitale Bildung teils pointiertere Auftritte und noch mehr Reformfreude von Zemp gewünscht hätte. «Wir leben in einer Kultur der Digitalität, und Kinder lernen in der Primarschule immer noch jahrelang, mit Bleistift in Hefte zu schreiben. Die Alltagserfahrungen und schulisches Lernen klaffen heute weit auseinander», sagt Wampfler. Der Lehrerverband müsse diesen Wandel aktiver vorantreiben.

Das Thema habe für den LCH Priorität, kontert Zemp mit Verweis auf die «Basler Erklärung zu digitalen Technologien an Schulen», die er jüngst mit den Vorsitzenden der Lehrerverbände aus Deutschland und Österreich unterschrieben hat. Darin fordern sie bessere Rahmenbedingungen, um die Schüler auf die digitale Welt vorzubereiten.

Die diffuse Angst der Basis

Mit den Vorwürfen mag sich jedoch in der Basis niemand mehr befassen. Jedenfalls nicht im Hotel Murten, wo sich der Lehrerverband zu seiner jährlichen Delegiertenversammlung trifft. Es ist ein sonniger Juni-Samstag, Lehrer aus der ganzen Schweiz sind in die Freiburger Seegemeinde gereist, um Beat Zemp offiziell zu verabschieden.

«Er ist mit seiner raschen Auffassungsgabe eine der intelligentesten Personen, die ich kenne», sagt etwa Pino Mangiarratti vom Berner Lehrerverband. «Eine beeindruckende, charismatische Persönlichkeit» nennen ihn die Vertreter aus St. Gallen unisono. Und die Luzerner loben seine «herausragende Leistung als bestens vernetzter Gewerkschafter».

Im allgemeinen Lob, es ist von der Ost- bis in die Westschweiz spürbar, schwingt aber auch eine Angst mit: Was, wenn mit Zemps Abgang die Bedeutung des Verbands schwindet? Wenn die Medienpräsenz abnimmt? Wenn also die Deutungsmacht des LCH doch zu stark an diese eine Person geknüpft war?

Wie ein Abschiedskonzert

Als wollte Zemp die diffusen Befürchtungen zerstreuen, widmet er seine ­allerletzte Delegiertenversammlung der Verbandskommunikation. Auf dem Podium spricht er von Gratwanderungen («Wir müssen Missstände anprangern, dürfen aber nicht permanent ­jammern»), Gelegenheiten («Überall, wo ein Mikrofon steht, reden wir einfach rein») – und dem Ende einer Ära. Seiner Ära. «Wenn es sein muss, schneide ich den Schnauz am 31. Juli ab, dann ist die Marke weg», sagt er lachend.

Zemp mit dem Schriftsteller und Kabarettisten Franz Hohler, 1994. Foto: Keystone

29 Jahre am Puls des Bildungssystems: Anfragen bis in die Nachtstunden beantworten, Strategiepläne entwickeln, an Podien teilnehmen, Bildungspolitiker beeinflussen – immer gefragt sein. Und dann die plötzliche Bedeutungslosigkeit in der Pension. Wird das die schwierigste Herausforderung? «Keineswegs! Ich freue mich: auf Konzerte, Kunst, Kulinarik und Körper-Wellness», sagt Zemp. Mit Veränderung habe er, der Konstante, ausreichend Erfahrung: «Ich habe schon zwei Leben aufgegeben: eines als Lehrer und eines als Musiker.»

Und wäre Zemp nun der Profimusiker, der er als Jugendlicher werden wollte, dann wäre dies sein Abschiedskonzert. Wie er mit grosser Geste von der Bühne in den Saal des Hotels Murten spricht. Wie ihm dabei das Licht effektvoll seitlich ins Gesicht fällt. Wie er routiniert das Publikum einschwört. In diesen letzten Momenten an der Verbandsspitze spielt Zemp eine Ballade. Etwas Wehmut, ein eingängiger Refrain. Sie handelt vom Loslassen.

Erstellt: 16.07.2019, 06:45 Uhr

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Das sagen andere über ihn

«Beat Zemp hat die Bildungslandschaft nachhaltig geprägt.»

Silvia Steiner, Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz

«Er hinterlässt einen Verband mit einer starken Marke. Das will ich wahren.»

Dagmar Rösler, Primarlehrerin und designierte Präsidentin des Lehrerverbands (LCH)

«Er ist eine der intelligentesten Personen, die ich kenne.»

Pino Mangiarratti, Präsident Bildung Bern

«Ich hätte mir von Beat Zemp noch mehr Reformfreude gewünscht.»

Philippe Wampfler, Experte für digitale Bildung

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