Der SVP-Werber und die AfD

Über seine Kampagnen für die SVP redete Alexander Segert stets gern. Jetzt aber schweigt er. Welche Rolle spielt er in der AfD-Spendenaffäre?

Betreut «Privatpersonen»: Werber Alexander Segert. Foto: Heike Grasser (Ex-Press)

Betreut «Privatpersonen»: Werber Alexander Segert. Foto: Heike Grasser (Ex-Press)

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Neben einem Klingelknopf steht «Privat». Neben dem anderen: «Geschäft». Alexander Segert scheint nicht gerade erpicht, den Namen seiner Werbeagentur zu verraten. Erst wenn sich das schwarze Tor zum Hof des Einfamilienhauses in Andelfingen öffnet, sieht man an einer Seitentür ein Schild: «Goal AG».

Seit 40 Jahren macht diese Firma Werbung für die SVP, von ihr stammen die berüchtigten Sujets für die Ausschaffungsinitiative (weisse und schwarze Schafe) oder das Minarettverbot. Seit einigen Jahren ist Goal auch im Ausland tätig, unter anderem im Umfeld der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD).

Bis zu 400'000 Euro Strafe

Für diese Tätigkeit interessieren sich nicht nur die Medien, sondern auch die Verwaltung des Deutschen Bundestags und Staatsanwaltschaften. Denn über die Goal AG laufen Verbindungen von geheimnisvollen Spendern zum AfD-Umfeld. Segert ist eine Schlüsselfigur in der AfD-Spendenaffäre.

Das könnte auch der Grund sein, warum der früher gesprächige Segert heute schweigt. Er sei auswärts, bei Kursen, teilt eine Mitarbeiterin der Goal AG mit. Segert beantwortet aber auch keine Mails, wenn sie von Medien kommen.

Offensichtlich will der 56-jährige ­gebürtige Hamburger nicht auf seine Aktivitäten für die AfD angesprochen werden. Die scheinen zwar aus Schweizer Sicht völlig legal, in Deutschland aber drohen hohe Strafzahlungen. Deutsche Medien berichten, dass die Bundestagsverwaltung die Sachspenden als illegale Parteienfinanzierung bewerten und von der AfD bis zu 400'000 Euro verlangen könnte.

Mit Segert befreundet: AfD-Co-Vorsitzender Jörg Meuthen. Foto: Lennart Preiss (Getty)

Seit mindestens drei Jahren ist die Goal AG für Politiker der AfD tätig. Für den AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen betreute das Unternehmen im Wahlkampf in Baden-Württemberg eine Homepage und liess Plakate sowie ­Flugblätter drucken, im Wert von 89'900 Euro. Meuthen sagte in einem Interview, er sei mit Segert befreundet.

Danach kam der AfD-Kandidat in Nordrhein-Westfalen, Guido Reil, in den Genuss einer Goal-Kampagne, mit Plakaten für 44'500 Euro. Als Segert noch mit Medien sprach, erklärte er der «Frankfurter Allgemeinen Sonntags­zeitung», er habe «von einer Gruppe von Privatpersonen» den Auftrag erhalten, Reils Kandidatur zu unterstützen. Der deutschen Bundestagsverwaltung reichte diese Erklärung nicht. Denn es geht in der AfD-Spendenaffäre um Aufklärung, wer über Zuwendungen an eine Partei Einfluss auf die deutsche Politik nehmen will. Und warum die Spender den Umweg über Firmen in der Schweiz wählten.

Falsche Namen auf der Liste

Segert geriet unter Druck. Staatliche Organe verlangten Transparenz, die Spender aber wollten im Dunklen bleiben. Also versuchte es der Werber mit einem Trick, der sich im Nachhinein als wenig klug herausstellte. Die Goal AG schickte Listen mit Spendernamen an die Bundestagsverwaltung. Doch die meisten Personen auf diesen Listen stellten sich als Strohmänner heraus. Ihre Namen hatten sie zum Teil als Gefallen hergegeben, zum Teil gegen Geld.

Die Strohmänner bringen Segert und Goal in Verbindung mit einer weiteren Spende aus der Schweiz an die AfD: mit jenen 150'000 Franken, die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel im Sommer 2017 von der Zürcher Firma PWS Pharma­wholesale erhielt. Die PWS meldete zum Teil dieselben Spendernamen wie Segert an die Bundestagsverwaltung. Doch die Namensliste war falsch. Dies gab der Anwalt des Pharmaunternehmens im Gespräch mit dem Rechercheverbund von NDR, WDR, «Süddeutscher ­Zeitung» und Tamedia zu.

Tatsächlich kam die Wahlkampfunterstützung für Weidel von Henning Conle senior, einem deutschen Immobilienmogul, der mit seiner Familie am Zürichberg lebt. Stammen die Spenden, die über Segerts Goal AG flossen, ebenfalls von Conle? Der Milliardär beantwortete die Fragen von Tamedia nicht.

Es geht in der Affäre auch um Aufklärung, wer Einfluss auf die deutsche Politik nehmen will.

Eine andere Spur führt zu einem weiteren deutschstämmigen Milliardär in der Schweiz. Der «Spiegel» und die WOZ fanden Belege dafür, dass auch August von Finck beim Aufbau der AfD kräftig mithalf. Der Familie Finck gehörte die Mövenpick-Gruppe, sie ist an vielen Schweizer Firmen beteiligt und besitzt ein Schloss in Weinfelden.

Fincks engster Vertrauter soll 2017 beim Aufbau der rechten Wochenzeitung «Deutschland-Kurier» geholfen haben, die im Wesentlichen das Programm der AfD vertritt. Das Design der Zeitung stammt von der Goal AG, die Website wurde von der Andelfinger ­Firma angemeldet. Auch in diesem Fall bewegen sich die Beteiligten auf heiklem Terrain: Können direkte Verbindungen zwischen dem den «Deutschland-Kurier» herausgebenden Verein und der AfD nachgewiesen werden, könnten die Kampagnen als illegale Parteienfinanzierung gewertet werden.

Der Vereinsvorsitzende und Chef­redaktor des «Deutschland-Kuriers», der Deutsche David Bendels, schreibt zu den Kontakten mit Segert und der Goal AG, dass er «diesen Themenkomplex nicht kommentiere». Die AfD musste sich im Sommer 2018 vom Verein distanzieren. Laut «Spiegel» erhielt auch die Goal AG von der AfD eine Unterlassungsaufforderung. Die Agentur darf demnach das Logo und andere Erkennungszeichen der Partei nicht mehr verwenden.

In der Schweiz ist es ruhiger geworden um den längst eingebürgerten ­Segert. Früher machte seine Agentur regelmässig von sich reden, mit aggressiven und provokativen Kampagnen für die SVP. Rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppen in Europa übernahmen zwar die Werbesujets, Segert – ­Lebenspartner einer Schweizer Bundesrichterin – behauptete aber, das geschehe ohne seine Einwilligung. Vor etwa zehn Jahren heuerte die Freiheitliche Partei Österreichs Segert für Kampagnen und Seminare in Vorarlberg und in der Steiermark an. Im steirischen Wahlkampf 2010 stellte die FPÖ eine österreichische Version von Segerts «Minarett-Attack»-Spiel online. Bei «Moschee Baba» konnte man Muezzins auf dem Bildschirm abschiessen. Segert und der FPÖ-Landeschef wurden wegen Verhetzung angeklagt, jedoch freigesprochen.

Zuständig für «Plakatierung»

Segert, der Vizepräsident der SVP Andelfingen (zuständig für «Werbung und Kommunikation» und «Plakatierung»), hat weniger Berührungsängste gegenüber ausländischen Rechtsparteien als höherrangige Exponenten der SVP. Die Goal AG gab 2016 sogar Geld für eine Konferenz in Düsseldorf, bei der FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache auf die damaligen AfD-Spitzenpolitiker Frauke Petry und Marcus Pretzell traf. «Wir beschnuppern uns heute erstmals – und es riecht gut», fand Strache.

Seine Agentur habe lediglich «im Auftrag eines Kunden einen Beitrag an die Miete geleistet», erklärte Segert der NZZ. Damals zeigte er sich noch selbstbewusst: «Es gibt wohl keinen Werber, der den Medien so offen für Diskussionen zur Verfügung steht wie ich.» Mittlerweile ist er verstummt, was die AfD ­betrifft. Auf der Goal-Website ist der aktuellste Eintrag vom Sommer 2018: Darin ­bezeichnet Segert die Meldungen über seine Arbeit für die AfD als «falsch und wohl dem Sommerloch zu verdanken». Seither haben seine deutschen Kampagnen viel Aufmerksamkeit erregt, auch bei der deutschen Justiz.

Erstellt: 12.04.2019, 19:01 Uhr

Segert, die Goal AG und die AfD

Herbst 2015:
Alexander Segert bietet dem AfD-­Politiker Jörg Meuthen die Betreuung seiner Website an.

Februar 2016:
Eine Konferenz mit den Spitzen von FPÖ und AfD in Düsseldorf wird ­teilweise von Segerts Goal finanziert.

Frühjahr 2016:
Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Goal lässt ein ­«Extrablatt» für AfD-Spitzenkandidat Jörg Meuthen drucken.

Herbst 2016:
Der «Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten» wirbt mit von Goal bezahlten Plakaten und Flugblättern für die AfD.

Frühjahr 2017:
Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Plakate für AfD-Kandidat ­Guido Reil werden von Goal bezahlt.

Sommer 2017:
AfD-Politikerin Alice Weidel erhält von der Zürcher Firma PWS 150'000 Franken. Auf einer Liste der Spender stehen Personen, die angeblich auch über Goal an Meuthen und Reil spendeten.

April 2019:
Der Immobilienmogul Henning Conle wird als Weidels Spender enttarnt. Der oder die Spender von Meuthen und Reil sind weiter unbekannt.

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