Als Berset mit Merkel zechte

Sein Präsidialjahr führte Alain Berset zu Sumoringern, auf ein Trottoir in Manhattan und in eine Hotelbar mit Angela Merkel.

Im Oktober nach dem Asem-Meeting in Brüssel feiern Angela Merkel, der luxemburgische Premier Xavier Bettel, Alain Berset und weitere Staatschefs in einer Hotelbar bis weit nach Mitternacht.

Im Oktober nach dem Asem-Meeting in Brüssel feiern Angela Merkel, der luxemburgische Premier Xavier Bettel, Alain Berset und weitere Staatschefs in einer Hotelbar bis weit nach Mitternacht. Bild: Keystone

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Da steht er, als Aushilfsprofessor an einer der ältesten Universitäten der Welt. Vor sich hundert Studenten aus sechzig Ländern, alle handverlesen, um an ­Oxfords «School of Government» das Regieren zu lernen. An diesem ­Morgen tauchen sie ein in «das faszinierende, einzigartige, politische Modell der Schweiz», wie die Rektorin überschwänglich ankündigt. Ein Crashkurs in direkter Demokratie für die künftige Weltelite – erteilt vom Bundespräsidenten persönlich.

Doch statt mit einem Hohelied auf die direkte Demokratie beginnt Alain Berset mit einer Ode an die Langsamkeit. Er zitiert Albert Einstein: «Im Falle eines Weltunterganges wäre ich am liebsten in der Schweiz. Denn dort geschieht alles fünf Jahre später.» Er erinnert an Oscar Wildes Ausspruch, wonach in der Schweiz selbst die Kühe mehr Charakter hätten als ihre Einwohner. Für Schweizer, sagt Berset, klinge das wie Lobgesang: «Wir arbeiten wirklich hart dafür, langweilig zu sein.»

Dieses Bild sorgte für Aufsehen: Alain Berset auf den Strassen Manhattans während der UNO-Generalversammlung. Fotos: Peter Klaunzer (Keystone)

Ausser man heisst Alain Berset und ist zufällig Bundespräsident. Sein Präsidialjahr mag vieles gewesen sein, ausser langweilig. Im Januar beginnt es mit einem Paukenschlag: In Davos trifft Berset als erster Bundesrat seit 18 Jahren einen amtierenden US-Präsidenten. Es folgen Gipfeltreffen mit dem Who’s who der Weltpolitik, gekrönt durch zwei Tête-à-Tête mit dem Papst. 21 Auslandreisen wird Berset bis Ende Jahr absolviert haben, so viele wie kaum ein Bundespräsident vor ihm.

Bei all diesen Reisen, Auftritten und Gipfeltreffen habe er ein Ziel gehabt, erzählt Berset, als er nach seiner Oxford-Rede im Flugzeug zurück nach Payerne sitzt. «Ich habe versucht, die Schweizer Fahne in der ganzen Welt so hoch zu tragen wie möglich.»

Alain Berset und Papst Franziskus bei einer Privataudienz im Vatikan im November 2018. Fotos: Peter Klaunzer (Keystone)

Bersets ganzes Präsidialjahr ist ein Statement gegen den politischen Zeitgeist, der durch Donald Trump ver­körpert wird. Das würde Berset selber so nie sagen. Was er aber sagt, ist: «Die Welt wird derzeit durchgeschüttelt.» Darum müsse die Schweiz auf der ­internationalen Bühne ihre Grund­werte betonen.

Der Präsident als Projektor

Wo Trump «America First» sagt, redet Berset in seinem Präsidialjahr von internationaler Solidarität. Wo der US-Präsident und seine Jünger unilaterale Lösungen suchen, betont Berset die Kraft des Multilateralismus. Im September tut er es öffentlichkeitswirksam vor der UNO. Er tut es aber auch im Stillen, wenn er auf allen Reisen internationale Organisationen besucht. Als Donald Trump den iranischen Präsidenten Hassan Rohani zu isolieren versucht, empfängt Berset ihn zum Dialog. Und während Politiker vieler Länder Flüchtlinge politisch instrumentalisieren, besucht Berset sie in ihren elenden Lagern in Bangladesh, im Libanon, in Kenia.

Im Rohingya-Flüchtlingslager Kutupalong, Bangladesh, setzte sich der Bundespräsident mitten in die Kinderschar. Fotos: Peter Klaunzer (Keystone)

Am 10. Juli setzt Bersets Jet auf einer Holperpiste im Norden Kenias auf. Er besucht Kakuma, eines der ältesten Flüchtlingslager der Welt. 180'000 Flüchtlinge stecken hier fest, von der Welt längst vergessen. Berset ist der erste hochrangige ausländische Besucher seit Jahren. Hunderte Kinder empfangen ihn begeistert.

An solchen Orten könne ein Bundespräsident als «Projektor» dienen, erinnert sich Berset drei Monate später auf dem Rückflug nach Payerne. Die Kraft seiner Funktion könne mithelfen, vergessene Konflikte zurück in die Erinnerung der internationalen Gemeinschaft und der Medien zu rufen.

Mit Afrika verbindet Berset seit diesem Jahr sowieso eine spezielle Beziehung. Im September drückt der Schweizer Fotograf Peter Klaunzer in New York ab, als Berset am Rande der UNO-Generalversammlung auf einem Randstein sitzt und mit dem Leuchtmarker ein Manuskript bearbeitet. Das Bild wird in den sozialen Medien Afrikas zur Ikone der Bescheidenheit: Seht her, «the Swiss President» sitzt am Boden! Und er arbeitet! Und was tun unsere afrikanischen Politiker? Sie fahren in Autokonvois herum und tun nichts.

Langweilig, aber stabil

Im Konferenzsaal in Oxford ist all das weit weg. Sein Publikum hat Berset inzwischen im Sack. Zeit, um zur Sache zu kommen. Die direkte Demokratie, doziert Berset, zwinge die Schweizer Politik zur «ständigen Debatte». Jedes Gesetz müsse so lange ausdiskutiert werden, bis es im Volk mehrheitsfähig sei. Das sei zwar langsam und bisweilen langweilig, sagt Berset. «Aber es bringt Stabilität.»

Sein Auftritt in Oxford gliedert sich für Berset in das Gesamtbild seines Präsidialjahres ein. «Ich vertrete eine solide, solidarische und selbstsichere Schweiz, die allen anderen auf Augenhöhe begegnet.» Selbstsicher in einem Tempel der Wissenschaft wie Oxford. Auf Augen­höhe mit Trump, Merkel, ­Macron & Co. Dafür ist Berset 2018 Tag und Nacht im Einsatz.

Wer ihn kennt, zweifelt nicht daran, dass er seine Auftritte auf der Weltbühne geniesst. In Bern wird erzählt, Berset hätte seinem präsidialen Fotoalbum gern einen Handschlag mit Putin hinzugefügt, doch der kam nicht zustande.

Vom Rosengarten aus zeigt Berset dem moçambiquanischen Präsidenten Filipe Jacinto Nyusi die Stadt Bern. Fotos: Peter Klaunzer (Keystone)

Im Gespräch zeigt sich Berset überzeugt, dass all diese Treffen dem Land dienen. Der Erfolg der Schweiz sei – neben dem Fleiss ihrer Bürger – auch ihrem guten Ruf, ihrer internationalen Vernetzung und ihrem Zugang zu den Weltmärkten zu verdanken. «Unsere Rolle auf dem internationalen Parkett unterstützt den guten Ruf unseres Landes», sagt Berset. Und dies wiederum schaffe der Schweiz Zugang zu den Regierungen wichtiger Länder.

In Oxford fragt die Rektorin, welchen Ratschlag Berset den angehenden Politikern in seinem Publikum mitgebe. Seine Antwort: «Am Ende zählt auch in der Politik stets der zwischenmenschliche Kontakt.» Was er nicht verrät: Auch auf präsidialer Ebene hilft dabei manchmal ein Bier, oder auch zwei.

Im Oktober vertritt Berset die Schweiz in Brüssel am Asien-Europa-Gipfel. Als der offizielle Teil überstanden ist, finden ein paar Regierungschefs, es sei noch zu früh, um ins Bett zu gehen. Nach einem Fussmarsch durch einen nächtlichen Brüsseler Park versammeln sie sich in einer Hotelbar. Hier feiern Angela Merkel, Emmanuel Macron, die Premiers Belgiens, Luxemburgs und Italiens Afterparty bis weit nach Mitternacht. Mittendrin: Alain Berset.

In Tokio lässt es sich der 46-jährige Freiburger nicht nehmen, ein Selfie mit vier Sumo-Ringern zu machen. Fotos: Peter Klaunzer (Keystone)

In Oxford ist die Fragerunde inzwischen beendet. Die Studenten stürmen nach vorn. Und wie überall, wo Berset auftritt, posiert er auch hier für Selfies. Eine Schweizer Studentin, die auch in Oxford studiert, sagt mit kaum verhehltem Stolz: «In welchem Land kommt man seinem Präsidenten so nahe?»

Nicht an einem Foto interessiert ist Asmaa Shaboun. Die 31-jährige Ärztin aus Ägypten bildet sich in Oxford weiter mit dem Ziel, später in ihrem Land die politischen Verhältnisse zu ver­bessern. Sie wolle auch so eine Demokratie wie in der Schweiz, sagt sie und bettelt Berset beinahe an: «Mister President, kann das Schweizer System nicht exportiert werden?»

Video – Alain Berset zu Besuch im Vatikan

Der Bundespräsident traf in Rom Papst Franziskus zu Gesprächen über humanitäre Fragen. (Video: SDA)

Erstellt: 30.11.2018, 06:53 Uhr

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