Der Linke, der die Post umkrempelte

Der in Burkina Faso getötete Jean-Noël Rey wurde für seine Leistung als Post-Chef selbst von Bürgerlichen gelobt. Doch sein Abgang war unrühmlich.

Mit Alt-Bundesrat Otto Stich verband ihn eine tiefe Loyalität: Der ehemalige Post-Chef Jean-Noël Rey. Foto: Keystone

Mit Alt-Bundesrat Otto Stich verband ihn eine tiefe Loyalität: Der ehemalige Post-Chef Jean-Noël Rey. Foto: Keystone

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«Ich fiel als Säugling wie Obelix in den grossen Kessel voll Zaubertrank», verriet Jean-Noël Rey einst dem «SonntagsBlick» mit einem Schmunzeln. Er glaubte, wie der Comic-Gallier über geheime Kräfte zu verfügen, die ihn zeitlebens für politische Schlachten gestählt haben. Jean-Noël Rey, Walliser «animal politique», Sozialdemokrat, einstiger persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Otto Stich, ehemaliger Direktor der Post, Alt-Nationalrat, war in den Augen von Pierre Kohler aber vor allem eines: ein Humanist.

«Was er gemacht hat, hat er für andere getan», sagt der ehemalige jurassische Regierungsrat über Rey, der 66-jährig zusammen mit dem ehemaligen Walliser Grossrat Georgie Lamon bei einem Terroranschlag in Burkina Faso ums Leben kam. Zuvor hatten die beiden die Kantine einer Schule eingeweiht.

Ein umsichtiger Reformer

Das Geheimnis um seine Zauberkräfte lüftete Rey nach seiner Wahl in den Nationalrat 2003. Es war ein erstaunliches Comeback, eine Revanche à la Rey: Fünf Jahre zuvor kam der Walliser seinem Rauswurf als Post-Chef nur durch seine eigene Kündigung zuvor. Bundesrat Moritz Leuenberger hatte ihn nach Filzvorwürfen fallengelassen. Die Affäre Haymoz markierte das Ende der Ära Rey bei der Post: Dieser hatte seinen Parteifreund Urs Haymoz zum stellvertretenden Generaldirektor gemacht. Später kam aus, dass gegen Haymoz in Deutschland ermittelt wurde. Dieser trat seinen Posten «im Interesse der Post» nie an, liess sich seinen «Verzicht» aber mit 277'000 Franken vergolden.

Vergessen war zu diesem Zeitpunkt, dass Rey seit seinem Amtsantritt als Generaldirektor 1990 die Post umsichtig reformiert hatte. Als er antrat, gab es noch die PTT. Unter Rey wandelte sich die Post von einer hoch defizitären Verwaltungseinheit zum profitablen Privatbetrieb. Er modernisierte den Funktionärs­apparat, hob die kurfürstlichen Kreispostdirektionen auf, pushte innovative Arbeitszeitmodelle und machte die Post zunehmend zur Konkurrenz für Banken. Die Zahl der Mitarbeiter sank während Reys Zeit um 4000 – ohne Entlassungen. Selbst bürgerliche Politiker waren von seiner Leistung angetan, mehr als die Parteikollegen.

Der ehemalige FDP-Präsident Franz Steinegger sass im PTT-Verwaltungsrat. Er sagt: «Rey war mutig und hat die Post vorwärtsgebracht.» Er habe den Konflikt mit den Gewerkschaften nie gescheut, doch auch gut gespürt, was an Reformen möglich sei. Kohler hat Rey in den 90er-Jahren kennen gelernt, als es darum ging, Poststellen zu schliessen. Gemeinsam suchten sie nach Wegen, den Schaden möglichst klein zu halten. Rey kannte die Sorgen der Pöstler. «Natürlich war er ein König, aber im positiven Sinne: Er hat für seine Angestellten und den Service public gekämpft», sagt der CVP-Mann über seinen Freund. Die beiden trafen sich später im Nationalrat wieder. Zwischen 2003 und 2007 waren sie Sitznachbarn.

Mit Otto Stich am Prozess

Tiefpunkt in Reys Karriere war nicht sein Abgang als Postchef, sondern dass er sich auch noch wegen «ungetreuer Geschäftsführung» vor Gericht verantworten musste. Er wurde freigesprochen, rehabilitiert. Zum Prozess hatte ihn Alt-Bundesrat Otto Stich begleitet, der seinem Protegé überhaupt zum Chefposten verholfen hatte. Die beiden verband eine tiefe Loyalität. Denn es war Rey, der Stich nach dessen Wahl in den Bundesrat – welche wegen der Nichtwahl von Lilian Uchtenhagen für die SP eine Katastrophe war – aus dem Tief herausgeholt hatte.

Der Walliser war damals politischer Sekretär der SP-Fraktion und bot sich Stich als Berater an. Während sechs Jahren war er sein engster Mitarbeiter und stellte wichtige Weichen. So war Rey massgeblich verantwortlich dafür, dass unter Stich mit Elisabeth Baumann erstmals eine Frau Chefin eines Bundesamtes wurde. Dieser politische Schachzug korrigierte Stichs Ruf als «Ladykiller» und entspannte das Verhältnis zu den SP-Frauen etwas. Auch bei der Ernennung des Gewerk­schafters Waldemar Jucker zum Chef der gewichtigen Finanzverwaltung spielte Rey eine wichtige Rolle, wie ein Weggefährte erzählt.

Jean-Noël Reys Verhältnis zur SP war nicht immer einfach. Doch er bewahrte sich auch als Postdirektor den gewerkschaftlichen Stallgeruch. Niemand hatte ihn so geprägt wie sein Vater Alfred, ein markiger Gewerkschaftssekretär und Walliser Kantonsparlamentarier. Von ihm hatte er sein pragmatisches Verständnis der Sozialdemokratie übernommen: den Alltag durch konkrete, kleine Schritte verändern. Die Überwindung des Kapitalismus war nicht seines. Sondern Wohlstand schaffen, um ihn gerecht zu verteilen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2016, 21:57 Uhr

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