Der Gegenspieler von Bischof Huonder

Martin Kopp wohnt in einer WG mit Flüchtlingen und trägt am liebsten Kapuzenpullis: Wer ist der Mann, der dem Bistum Chur seit Jahren Widerstand leistet?

Generalvikar Martin Kopp trägt im Alltag schlichte Kleidung. Hinter ihm sein Flüchtlingsheim. Foto: Andrea Zahler

Generalvikar Martin Kopp trägt im Alltag schlichte Kleidung. Hinter ihm sein Flüchtlingsheim. Foto: Andrea Zahler

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Martin Kopp geht gebückt. Der Rücken. Haas. So nennt Kopp seinen Buckel. Haas wie der ehemalige Bischof von Chur, Kopps früherer Chef und Gegner – es war sein erster grosser Kampf. Tag und Nacht hat der heutige Generalvikar der Urschweiz damals in den 90er-Jahren gegen Wolfgang Haas gearbeitet, meist am Schreibtisch, am Ende war der Bischof weg, es blieb ein von Streit und Arbeit geknickter Rücken.

In diesen Tagen soll Kopps zweiter grosser Kampf enden. Doch so klar ist das nicht. Wieder geht es um das Wohl des Bistums. Wieder ist der Gegner ein Bischof aus Chur. Monsignore Vitus ­Huonder. Doch dieses Mal ist es nicht der Bauch oder Rücken, der schmerzt. Bei Huonder ist es anders. «Mir kommt vor, als hätte Bischof Huonder mich ausgelaugt», sagt der 72-Jährige. Der Papst hat zwar am Montag Huonders Amtsverzicht angenommen, der 77-Jährige verliess sein Schloss in Chur und wechselte nach Wangs zu den Piusbrüdern in den Ruhestand. Doch der Ersatz Peter Bürcher gilt als Verbündeter Huonders, als Zeichen, dass dieser über seine Amtszeit hinaus in Chur mitreden wird.

Bürcher kommt für ein paar Monate und soll im zerstrittenen Bistum vermitteln. Der 73-Jährige hält wie Huonder die Demokratie für unvereinbar mit der römischen Kirche und ist kein Modernisierer. Kopp sagt dazu: «Wir brauchen noch viel Schnauf.» Er will endlich ein geeintes Bistum. Eines, in dem Denunziation nicht zum Alltag gehört. Eines auch, in dem weltoffene Pfarrer nicht in aller Öffentlichkeit desavouiert werden. Doch dafür muss er Huonders verbliebenen Einfluss schmälern. Wie Huonder selber seine künftige Rolle sieht, bleibt unbeantwortet. Auf eineAnfrage dieser Zeitung liess er einen Sprecher ausrichten, dass er sich nicht öffentlich äussern möchte. Auch das Bistum wollte keine Auskunft geben.

Unbeliebt versus geschätzt

Huonder und Kopp sind Priester, beide theologisch sehr bewandert, intelligent – und doch völlig unterschiedlich. Huonder ist erzkonservativ und unbeliebt. Kopp progressiv und geschätzt. Huonder will die Messe in ihrer ursprünglichen Weise feiern und all jene von der Kommunion ausschliessen, deren Lebensart nicht dem «wahren Glauben» entspricht: Homosexuelle, Wiederverheiratete, Verhütende. Kopp sah das stets lockerer und sprach es auch aus. Er war der grösste Rebell im Bistum, das Epizentrum des Widerstands. «Der Unwille gegen Chur ist hier massiv», sagt Kopp. Er hat notfalls auch einmal nach Chur angerufen und mitgeteilt, dass der Bischof für eine Beerdigung nicht in die Urschweiz reisen müsse – weil es der Verstorbene vor seinem Tod so wünschte. Kopps Unerschrockenheit gefällt den Menschen in der Zentralschweiz. Eine Region, die der Generalvikar als «allergisch auf hochfahrende weltfremdeAutoritäten» beschreibt.

Kopp war einst Priesterschüler voller Hoffnung und wurde zum Rebellen aus enttäuschter Erwartung. Die Wahl von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1978 bremste den Aufbruch zu einer zeitgemässen Kirche. Als der Papst 1987 den ultrakonservativen Wolfgang Haas zum Churer Weihbischof berief, sammelte Kopp im Geheimen Unterschriften bei den Pfarrern im Bistum: Weit mehr als die Hälfte wollte Haas’ Rücktritt, was Kopp in Rom deponierte. Es blieb ohne direkte Folgen, der Widerstand aber versiegte nie. Dass Haas 1997 ins neu geschaffene Erzbistum Vaduz abgeschoben wurde, ist auch Kopp zu verdanken.

Vitus Huonder ist seit dieser Woche nicht mehr Bischof von Chur. Foto: Heinz Diener

Es folgte der kürzlich verstorbenen Amédée Grab und mit ihm etwas Ruhe – jedoch nur bis 2007: Bischof Huonder trat sein Amt an, und Kopps Kampf für Frieden im Bistum begann aufs Neue. 2017 hätte Huonder bereits altershalber abtreten müssen, doch Papst Franziskus verlängerte seine Amtszeit um zwei Jahre. Die Gläubigen begehrten auf. Doch jedes Jahr weniger laut. Huonder laugt aus.

Als Generalvikar gehört Kopp zum Bischofsrat, der den Bischof alle drei Wochen im bischöflichen Schloss in Chur berät. Da habe er für seine Kritik schon etliche Male aufs Dach bekommen, erzählt er. Gestern war wieder ein solcher Termin. Kopp fährt mit seinem Fiat die Kurven des Oberalppasses Richtung Chur hinunter, atmet tief durch, bevor er in die Welt eintaucht, die ihm auch nach 16 Jahren als Generalvikar fremd geblieben ist. Kopp lebt in einem improvisierten Flüchtlingsheim mit vier Afghanen, zwei Eritreern und einem Somalier zusammen. Auch Bischof Huonder führte eine Männerwohngemeinschaft, seine Mitbewohner sind der streitlustige Chefstratege Martin Grichting, Christoph Casetti, der Chef-Exorzist des Bistums und Botschafter natürlicher Empfängnisverhütung, sowie der Bündner Generalvikar Andreas Fuchs, der der geistlichen Familie «Servi della Sofferenza» frönt – übersetzt: die Diener des Leidens.

Kalender versus Kronleuchter

Kopp empfängt seine Besucher in Erstfeld in einem schlichten Raum, das prunkvollste Einrichtungsstück ist ein Jahreskalender des Bistums Chur. Im Bischofsschloss wird der Besucher in den Rittersaal geführt und sieht Wandmalereien und Kronleuchter. Im Saal nebenan fand gestern auch die Bischofsratssitzung statt. Kopp sitzt auf einem eigens für ihn gefertigten und erhöhtem Stuhl (der Rücken) und diskutiert mit seinen Kollegen über die künftige Zusammenarbeit. Huonders Nachfolge: kein Thema.

Als Papst Franziskus bei seinem Amtsantritt 2013 darüber philosophierte, wie er sich die Bischöfe in seiner Kirche wünsche, sagte er: volksnah, offen, und auf keinen Fall klerikal infiziert. Es sind Wünsche, die Huonder nie erfüllte. Er mag es, sich in Gewändern mit bis zu sieben Meter langen Schleppen zu präsentieren. Ihm fehlt die Gabe, die Menschen bei seinen Predigten zu begeistern. Im Gegensatz zu Kopp, dieser trägt am liebsten Kapuzenpulli. Kinder grüssen ihn auf der Strasse, Mütter sprechen ihn an («Herr Kopp, erinnern Sie sich, sie haben meinen Sohn gefirmt»), selbst Autofahrer stoppen, kurbeln die Scheiben runter und rufen Hallo. Kopp geht an die Ränder der Gesellschaft, mit denen Huonder nie etwas zu tun haben wollte. Als kürzlich auf der Website des Bistums Chur ein «Weltwoche»-Interview mit Viktor Orban über dessen Migrationsbewältigung aufgeschaltet war, wurde es Kopp übel. «Das ist doch pervers.» Kopp sagt, was er denkt – und war wohl darum auch nie ein Kandidat für das Bischofsamt.

Die Wahl des neuen Bischofs ist nun Sache Roms. Kardinal Marc Ouellet muss Chur drei Kandidaten vorschlagen. Doch Ouellet ist einerseits konservativ, und andererseits soll er den Anliegen der Basis wenig Gewicht geben. Zudem hat ihn Huonder regelmässig im Vatikan umgarnt.

Die Glaubwürdigkeit leidet wegen mangelhafter Aufklärung von Missbrauchsfällen.

Am 8. Juni wird Ouellet 75 und könnte durch einen Reformer abgelöst werden. Kopp weiss nicht so recht, was er von dieser Möglichkeit halten soll und rät den Wahlberechtigten, die Wahl auszusetzen, sollte kein annehmbarer Kandidat auf der Liste stehen. Denn falls noch einmal ein Konservativer ins Amt komme «dann ist es das gewesen mit dem Bistum». Er meint, dass es dann zu Abspaltungen komme. Der neue Bischof müsse daher unbedingt Brücken bauen und als Vermittler wirken: «Dann kann es im Bistum gar einen kleinen Franziskus-Effekt geben», eine Phase des Aufbruchs also, beschwingt und voller Zuversicht. Etwas, das die Kirche brauchen kann, denn Probleme gibt es zuhauf. Es fehlen Priester. Die Glaubwürdigkeit leidet wegen mangelhafter Aufklärung von Missbrauchsfällen.

Eine direkte Folge der Kämpfe mit Haas und Huonder ist zudem das verloren gegangene Vertrauen der Gläubigen in Chur. Selbst Martin Kopp spürt das. Als es um das Gegenlesen der Zitate dieses Artikels geht, bittet er, man möge doch die Textstellen auf eine bistumsfremde E-Mail-Adresse senden. Er vermute, dass seine E-Mails von den Chefs in Chur mitgelesen würden.

Erstellt: 24.05.2019, 19:47 Uhr

Huonder und die Piusbrüder

Vitus Huonder ist bereits ins Wangser Knabeninstitut der Piusbrüder gezogen. Er sympathisiert schon lange mit den Traditionalisten, die wesentliche Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnen, allen voran die Religionsfreiheit, die Öffnung der Kirche zur Ökumene und zum Dialog mit den anderen Religionen. Papst Franziskus möchte die Piusbrüder ganz in die Kirche zurückholen und sieht in Huonder offenbar einen Mittelsmann. Gerade hat der abtrünnige Pius-Bischof Richard Williamson Auszüge aus einem Protokoll über ein Treffen von Piusbrüdern mit Huonder veröffentlicht. Danach wolle dieser die Piusbrüder nur deshalb in Kirche zurückholen, damit sie die innerkirchliche Phalanx gegen alle Reformen verstärken. Ist der Papst also auf Huonder hereingefallen? Oder hat Williamson, ein überführter Holocaustleugner, das Protokoll gefälscht? (mm)

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