«Der Reitschule gebührt grosser Respekt»

Die Berner Krawalle seien Ausdruck festgefahrener Feindbilder auf beiden Seiten, sagt der Soziologe Ueli Mäder. Warum er für mehr Freiraum in der ganzen Schweiz plädiert.

Stellt sich gegen Regeln und die Polizei: die Berner Reitschule.

Stellt sich gegen Regeln und die Polizei: die Berner Reitschule. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Bei der Reitschule gibt es immer wieder Krawalle. Sind sie dieses Mal gravierender?
Nach solchen Situationen hört man immer wieder von offizieller Seite, dass nun eine neue Stufe erreicht sei. Ich habe zwar auch das Gefühl, dass sich die Lage dieses Mal zugespitzt hat, doch das ist keine Einmaligkeit.

Am Wochenende wurden elf Polizisten verletzt. Woher kommt diese Gewaltbereitschaft?
Zunächst: Mir tun alle Opfer von Gewalt leid. Zum Verstehen: Die unmittelbare Dynamik spielt gewiss eine wichtige Rolle. Es kann mit einer Kontrolle anfangen, dann gibt es Widerstand und Übergriffe. Da folgt dann das eine auf das andere, bis es eskaliert. Zudem hat der Konflikt zwischen der Reitschule und den Berner Behörden eine lange Tradition. Auf beiden Seiten dominieren festgefahrene Feindbilder. Alle Beteiligten halten den eigenen Opfermythos aufrecht. Sie müssen ihre Muster und ihre Streitkultur unbedingt hinterfragen.

Der Berner Gemeinderat hat angekündigt, der Reitschule zur Strafe kein Geld mehr zur Verfügung zu stellen. Wird diese Sanktion wirken?
Der Gemeinderat muss machen, was er für richtig hält. Er darf sich von keiner Seite nötigen lassen. Aber vermutlich verschärft die Sanktion die Situation. Die Fronten dürften sich noch stärker verhärten. Das ist schade, denn die Reitschule macht eine wichtige Arbeit und besitzt in ihren Reihen viele engagierte Leute, die sich um die Infrastruktur kümmern und vielfältige Aktivitäten organisieren. Sie ist ein wichtiges Auffangbecken. Auch für sozial Benachteiligte. Man muss das auch einmal sagen: Der Reitschule gebührt grosser Respekt. Der Konflikt mit den Behörden kann ihrer Arbeit auch schaden. Wenn man so viel Energie verwenden muss, um zu sichern, dass es die Reitschule noch gibt, nimmt das Kraft für die wichtige soziale Arbeit der Institution.

Die Berner SVP möchte die Reitschule schon lange loswerden. Bekommt dieses Anliegen durch die Krawalle nun Rückenwind?
Es gab ja schon mehrere Abstimmungen dazu. Diese sind eigentlich immer zu Gunsten der Reitschule ausgegangen. Es gibt einen bemerkenswert starken Rückhalt in der Bevölkerung. Doch man muss auch ernst nehmen, dass es einen gewissen Missmut gibt und populistische Kräfte die Krawalle jetzt nutzen, um politisch zu punkten. Das heizt die Situation zusätzlich an.

Die gewalttätigen Krawalle erinnern an die Opernhaus-Krawalle in Zürich Anfang der Achtzigerjahre. Inwiefern kann man diese zwei Fälle vergleichen?
Solche Vergleiche sind heikel. Es sind jedes Mal spezifische Bedingungen, die einen Konflikt prägen. Ähnlich ist, dass sich die Leute damals wie auch heute dafür einsetzen, mehr Freiraum zu bekommen. Dafür gehen sie auf die Strasse. Allerdings ist beispielsweise die Rote Fabrik in Zürich schon etwas kommerzialisierter und näher an einem konventionellen Kulturbetrieb als die Reitschule. Das ist anders.

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Sie sagen, die Leute protestieren für mehr Freiraum. Ist die Reitschule nicht genug?
Selbst organisierte Orte sind rar. Da fragt sich. Wie ernst genommen fühlt sich die Jugend? Welche Möglichkeiten hat sie? Da erscheint mir die Reitschule noch sehr klein. An einem Wochenende sieht man auf dem Vorplatz zwischen 2000 und 3000 Leute. Die Reitschule ist auch Zentrum für alle, die sonst kaum Platz finden. Der Konflikt zeigt so auch einen Verteidigungsaspekt. Viele jungen Leute wollen ihr Territorium möglichst selber gestalten.

Wird die Krawallbewegung der Reitschule von einer bestimmten Person angeführt?
Die Eskalation zeigt auch, wie fragmentiert die Szene ist. Viele finden es nicht lustig, wenn es bei der Reitschule kracht. Sie befürchten, dass die Krawalle die Reitschule in die Ecke stellen, statt sie mehr zu öffnen. Der massive Protest kam bislang von einer kleinen Gruppe namens 031. Jetzt beruft sich eine Gruppierung auf den polnischen Anarchisten Leon Czolgosz, der 1901 den amerikanischen Präsidenten William McKinley ermordete. In der Erklärung der Gruppe finden sich neben eher entmenschlichenden Aussagen zu «Bullen» ansatzweise auch selbstkritische Gedanken. Beispielsweise sagen sie: «Wir wollen uns jedoch nicht in der Konfrontation verlieren». Es geht ihnen also auch um Politik. Sie wollen ihr Territorium selber gestalten und gegen kleinliche Bussen und Regeln protestieren.

Gibt es in der Schweiz genügend Platz für Jugendbewegungen?
Nein, es gibt zu wenig öffentliche Plätze. Und das nicht nur für die autonome Szene, sondern für alle Jugendlichen und Kinder. Viel Fläche wurde privatisiert und automobilisiert. Früher konnte man in Hinterhöfen und sogar vor der Haustür Fussball oder sonst etwas spielen. Heute hat sich unser Leben verengt. Mir tun vor allem die Kinder leid. Sie brauchen mehr Gras statt Beton.

Warum ist es so wichtig, dass es mehr Freiraum für junge Leute gibt?
In unserer Gesellschaft werden auch fast alle kulturellen und sozialen Fragen immer zuerst unter dem Aspekt des Geldes diskutiert. Es freut mich, wenn Jugendliche auch noch andere Räume wünschen, wo sie vielleicht einmal ein Feuer machen können, ohne dass sie gleich kontrolliert und sanktioniert werden. Es ist sehr wichtig, dass Jugendliche den öffentlichen Raum mitgestalten können und für ihn Verantwortung übernehmen. So können sie sich einfacher zu sozialen, mündigen und emanzipierten Menschen entwickeln.

Erstellt: 12.03.2016, 21:13 Uhr

Ueli Mäder ist Soziologe an der Universität Basel. Er beschäftigt sich schon länger mit dem Thema Reitschule und hat eine Studie über den Konflikt verfasst. (Bild: Keystone Lukas Lehmann)

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