Der Schweizer Spion war kein 007

Daniel M., der für den Schweizer Geheimdienst spionierte, liess sich mehrfach austricksen. Bern distanziert sich. Es herrscht die Meinung vor, dass er sich am Ende selbst ins Abseits manövrierte.

Vertrauliches Treffen, heimlich aufgezeichnet: Daniel M. in Frankfurt. Foto: Reto Oeschger

Vertrauliches Treffen, heimlich aufgezeichnet: Daniel M. in Frankfurt. Foto: Reto Oeschger

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Daniel M. fährt per Limousine in die Geschichte, die ihn Ruf, Karriere und Freiheit kosten wird. Im Herbst 2014 reist der selbständige Ex-Polizist und Ex-UBS-Sicherheitsverantwortliche immer wieder nach Frankfurt, um über vertrauliche Bankdaten zu sprechen, die er an einen Abnehmer liefern soll. M. sagt, er habe Zugriff auf solche Daten, über einen Kontakt an einer Stelle, an der sich Zahlungsflüsse kreuzen. Zu einigen der Treffen in Frankfurt lässt sich der nobel gekleidete Schweizer von einem Chauffeur fahren.

Was M. nicht weiss: Sein Gegenüber, Wilhelm Dietl, Journalist und Ex-Agent des deutschen Geheimdienstes, zeichnet die Gespräche auf. Und hinter Dietl steht Werner Mauss, ein legendärer und undurchschaubarer deutscher Privatagent.

Die Protokolle werden später zu Beweisstücken für die Schweizer Justiz. Nun liegen sie Tagesanzeiger.ch/Newsnet vor, zusammen mit weiteren Dokumenten. Mithilfe des Dossiers lässt sich die Geschichte eines Mannes nachzeichnen, der immer tiefer ins Schlamassel gerät, bis er am Ende gar in Deutschland im Gefängnis landet. Der Vorwurf: Spionage für die Schweiz.

Einer bricht das Bankgeheimnis

Zu Beginn der Frankfurter Treffen, die sich über mehrere Monate hinziehen, macht M. einen entspannten Eindruck. Er smalltalkt mit Dietl stundenlang über alle möglichen Themen, von Vietnamreisen («gewaltig, was da abgeht») über Steuersünder Uli Hoeness («völlig verfehlt, dass man ihn einsperrt») zu US-Politiker Rudy Giuliani («ein guter Mann, absolut ein guter Mann, ja»). Nebenbei macht er seinem Gegenüber klar, dass er für den Nachrichtendienst des Bundes (NDB) aktiv ist: «Wissen Sie, dem Schweizer Nachrichtendienst, dem hat man alle Zähne gezogen. Das ist ein lahmer Tiger, das ist eine Ministrantengruppe. Eben darum muss ich jetzt für den Staat hinausgehen.» Im Übrigen sei er auch in Asien in «Regierungsauftrag» unterwegs gewesen. Es sei da um die «Problematik Islamismus, Extremismus» gegangen.

Nach einigen Treffen liefert M. die gewünschten Bankdaten tatsächlich. Ein israelischer Kontakt hat sie ihm beschafft. Später wird sich aber herausstellen, dass die Auszüge gefälscht sind, ziemlich plump sogar. Aber das ist nicht M.s grösstes Problem: Dietl und Mauss reichen die heimlich aufgezeichneten Gespräche an die UBS weiter. Mit dem Hinweis: Da bricht einer das Bankgeheimnis.

Die UBS informiert die Schweizer Bundesanwaltschaft und erstattet Strafanzeige, nachdem sie die Verhandlungen zwischen M. und Dietl/Mauss eine Zeit lang weiterlaufen liess. M., inzwischen von Streitereien um Bezahlung und Echtheit der Daten zermürbt, willigt nochmals in ein Treffen ein – in Zürich, im Hotel Savoy am Paradeplatz. Als er das Fünfsternhaus am 2. Februar 2015 verlässt, nehmen ihn die Schweizer Fahnder fest.

Und dann tut M. etwas, das sich im Nachhinein als schwerer Fehler entpuppt. Bei Verhören in Bern spricht er offen über seine Rolle als Nachrichtendienstler. Er sei eingesetzt worden, um deutsche Steuerfahnder auszuforschen, erzählt er, und gibt Namen von mehreren Verbindungspersonen preis, darunter der Vizechef des NDB. Zur Kontaktaufnahme habe er ein Coop-Prepaid-Handy erhalten. Einer seiner Aufträge habe gelautet, in der Finanzverwaltung von Nordrhein-Westfalen einen Spitzel zu platzieren. Das deutsche Bundesland war damals führend beim Ankauf von Steuer-CDs. Mithilfe dieser Bankdaten machten deutsche Fahnder Jagd auf Steuerhinterzieher – und übten Druck auf die «Steueroase Schweiz» aus.

M. sagt, zusammen mit einem deutschen Partner habe er für den Spitzel-Auftrag vom NDB 90'000 Euro zugesichert bekommen, wovon 60'000 Euro bereits geflossen seien. Was M. nicht wusste: Seine Aussagen blieben nicht in Bern. Sie gelangten in die Hände der deutschen Justiz. Und diese stellte am 1. Dezember 2016 einen Haftbefehl aus.

«Hanebüchener Blödsinn»

In Zürcher Sicherheitskreisen ist Daniel M. gut vernetzt. Er gilt als erfolgreicher Ermittler, aber auch als Quasselstrippe, die gerne Geschichten erzählt. Er sei ein gewinnender Typ gewesen, sagt einer, der ihn aus Polizeizeiten kennt: «Er kann die Leute von sich überzeugen». M. arbeitete nach einer KV-Lehre 16 Jahre lang bei der Zürcher Stadtpolizei, zuletzt im Bereich der organisierten Kriminalität. Danach ging er zur UBS in den Sicherheitsdienst. Bei seinen Frankfurter Treffen brüstet er sich damit, dass er direkt an CEO Oswald Grübel rapportiert habe, den er im Übrigen sehr gut kenne.

Es ist ein Muster, das sich wiederholt: M. agiert als sein eigener PR-Agent, betont seinen Einfluss, seine Connections. Er sei beim NDB «gross geworden», sagt er etwa zu Wilhelm Dietl in Frankfurt. Gut informierte Personen widersprechen, gemäss Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wirkte er erst von 2010/11 bis Anfang 2014 im Auftrag des NDB.

Der deutsche Partner von M., Privatermittler Klaus-Dieter Matschke, wirft dem Schweizer vor, den NDB getäuscht zu haben. Er wisse nichts von einem gemeinsamen Auftrag, einen Spitzel in die Finanzverwaltung einzuschleusen: «Das ist hanebüchener Blödsinn.» Auch habe er nie Geld für einen solchen Auftrag erhalten. «All das klingt für mich so: Da ist jemand angestellt worden beim NDB, nun muss er Erfolge nachweisen. Er behauptet, alles Mögliche veranlasst zu haben. Und er weiss, dass der NDB niemals bei mir nachfragen würde.»

Nach seiner Freilassung verliert sich die Spur von M. Frühere Bekannte treffen ihn nicht mehr, die Diamantenhandelsfirma, bei der er mal als Co-Direktor eingetragen war, ist seit Jahren bankrott.

Am 28. April 2017 holen ihn die Aussagen ein, die er in Berner Haft gemacht hat. Deutsche Fahnder verhaften ihn im Frankfurter Designhotel Roomers.

Das Schweigegelübde gebrochen

Weil er so freimütig über seine tatsächlichen und angeblichen Schweizer Aufträge redete, hat er die Loyalität seines Ex-Auftraggebers längst verloren. Der NDB ist auch nicht bereit, sich an den deutschen Anwaltskosten zu beteiligen, wie er in einem scharfen Fax an den Schweizer Verteidiger schreibt. Hintergrund der undiplomatischen Absage ist die in Bern verbreitete Meinung, dass M. nicht nur das geheimdienstliche Schweigegelübde gebrochen, sondern auch die Schweizer Behörden in ein äussert schlechtes Licht gerückt hat – und letztlich sich selbst in die Bredouille brachte.

M. selbst sitzt in U-Haft. Er habe bislang geschwiegen, werde aber Aussagen machen, sagt sein deutscher Anwalt. Und: «Mein Klient war sicherlich nicht vergleichbar mit einem 007.»

Erstellt: 05.05.2017, 22:37 Uhr

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