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Der schwule CVPler und sein Wunschbaby

Ein Zürcher Stadtratskandidat macht eine heikle Wertefrage zum Wahlkampfthema.

So hat sich das CVP-Präsident Gerhard Pfister nicht vorgestellt, als er seine Wertedebatte lancierte. Einer seiner Zürcher Parteikollegen bringt sich als Stadtratskandidat mit einem Thema ins Gespräch, das traditionellen CVP-Werten widerspricht. Markus Hungerbühler ist schwul, und er ist seit ein paar Wochen Papi, ein glücklicher noch dazu. Eine Leihmutter hat das Baby seines Partners ausgetragen und geboren. Seither diskutieren Zürich und die Schweiz über die Leihmutterschaft. Und Hungerbühler wurde über Nacht vom mässig bekannten Lokalpolitiker zum landesweit gefragten Interviewpartner.

Selbst wenn die Leihmutterschaft in der Schweiz verboten ist: Wessen Windeln Hungerbühler wechselt, ist seine Privatsache. Aber eben eine von politischer Brisanz – zumal sich der CVP-Politiker durch seine Auftritte nun zum Promoter der Leihmutter-Legalisierung gemacht hat. Wobei er betont, dass «man in diesen heiklen Fragen nichts überstürzen sollte».

Der Fall Hungerbühler ist beispielhaft für immer mehr Paare, die trotz biologischer Barrieren Kinder bekommen wollen. Beim Bundesamt für Justiz sind momentan 30 Fälle von Leihmutterschaft bekannt. 2013 waren es nur gerade 10. Eine darauf spezialisierte Juristin schätzt die Zahl deutlich höher: auf 500 bis 1000 Fälle. Bei den meisten dürfte es sich um heterosexuelle Paare handeln, die sich so ihren Kinderwunsch erfüllen wollen. Aber auch bei schwulen Paaren nimmt das Bedürfnis zu.

Kosten von über 100'000 Franken

Markus Hungerbühler und sein Partner wandten sich für ihren Kinderwunsch an Dienstleister in den USA. Dort ist die Leihmutterschaft erlaubt. Mit dem Sperma von Hungerbühlers Partner befruchtete ein Labor eine gespendete Eizelle. Diese wurde dann der Leihmutter eingepflanzt und von ihr ausgetragen. Hungerbühlers Partner ist damit der leibliche Vater des Kindes. Dieses hat neben der Eizellenspenderin als leiblicher Mutter auch noch eine Leihmutter.

Hungerbühler selbst verrät nicht, wie viel Geld die Prozedur kostet. Aber von ähnlichen Fällen ist bekannt, dass eine Leihmutterschaft in den USA zwischen 90'000 und 150'000 Franken zu stehen kommt. Während sein Partner auch rechtlich als Vater des Kindes gilt, ist Hungerbühler selber «juristisch noch inexistent». Er hofft auf eine Revision des Adoptionsrechts, die nächstes Jahr in Kraft tritt. Sie macht es Homosexuellen in eingetragenen Partnerschaften möglich, das Kind des Partners zu adoptieren.

Leihmutterschaft ist eine Realität

Eine Lobby, welche die Interessen ungewollt kinderloser Paare vertritt, fordert, dass die Leihmutterschaft gesetzlich zugelassen wird, für Hetero- und Homosexuelle. Ihr Kernargument: In einer liberalen Gesellschaft gebe es keinen Grund, sich der Fortpflanzungsmedizin zu verschliessen. Ihren Mitgliedern müsse es erlaubt sein, sich einen innigen Kinderwunsch zu erfüllen. Die «Naturwidrigkeit» des Kinderwunsches gleichgeschlechtlicher Paare sei ein soziales Konstrukt. Leihmutterschaft sei eine Realität, ihr mit Verboten zu begegnen, bringe nichts.

Ablehnende Stimmen dagegen scheinen auf dem Rückzug zu sein: Sie warnen vor der Industrialisierung und Kommerzialisierung der Fortpflanzung. Das könne zu Ausbeutung führen. Sie sehen einen Widerspruch zu Menschenwürde und Selbstbestimmung. Die Leihmütter würden instrumentalisiert und gesundheitlich gefährdet. Das Kind werde zur Bestellware.In der öffentlichen Meinung hat die Leihmutterschaft anscheinend eine zustimmende Mehrheit. In einer Umfrage sprachen sich 42 Prozent der befragten Schweizer für eine Zulassung aus. Nur 39 Prozent wollen das Verbot beibehalten. Der Rest ist unentschlossen.

Der Weg zur Zulassung der Leihmutterschaft scheint also vorgespurt. Die Haltung, dass ein Kind einzig durch den «natürlichen Sexualakt» gezeugt werden dürfe, schwindet im Zeitalter des medizinisch-technisch unbegrenzt Machbaren zu einem Randphänomen. Das zeigen die überwiegend positiven Reaktionen auf Markus Hungerbühlers Babyglück.

Dennoch bleibt der Ausgang offen. Der Weg vom gesellschaftlichen Tabu zum allgemein akzeptierten Wert ist holprig. Und lang. Und vor allem: Er ist nicht unbedingt eine Einbahnstrasse. Dass sich jetzt überraschenderweise ein CVP-Politiker an die Spitze einer solchen Entwicklung gesetzt hat, ändert daran nichts.

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