Der Spektakel-Kanton

Verschwörungstheorien, Skandale, böse Sprüche: Das Wallis macht in diesen Tagen alles, um seinen zweifelhaften Ruf zu behalten.

Nicht nur die Kühe kämpfen im Wallis. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Nicht nur die Kühe kämpfen im Wallis. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Das Baselbiet gibt sich alle Mühe, wirklich. Verlocht Millionen in giganteske Dorfumfahrungen, macht sich als Möchtegern-Universitätskanton lächerlich, versucht sich in Vetterliwirtschaft und macht Spesen, wo keine Spesen zu machen sind. Doch bei aller Liebe zur alten Heimat: Gegen die Walliser kommen die Baselbieter einfach nicht an. Das Wallis bleibt das Wallis der Schweiz, jener Kanton, der sich so unschweizerisch gibt, dass es jedem aufrechten Zwinglianer in Zürich übel wird.

Das Wallis ist eine ewige Selffulfilling Prophecy. Was man auch von den Wallisern denkt und hält und annimmt: Es wird wahr werden. Das beginnt beim ­Alkoholkonsum (nirgends wird so viel gesoffen wie im Wallis. Und so früh!) und endet bei all jenen Skandalen, die in der Restschweiz schulterzuckend und immer mit dem gleichen Spruch hin­genommen werden: Typisch Wallis. Man schaue sich nur die aktuellen Staatsratswahlen an, um ein Gefühl für den Wahnsinn zu erhalten, der im Wallis offensichtlich als normal empfunden wird.

  • Der ehemalige Chef einer grossen (christlichen!) Volkspartei stimmt die Bekanntgabe seines unehelichen Kindes mit dem grössten Boulevard-Verlag der Schweiz ab. Die Geschichte soll über die Bühne, bevor der eigentliche Regierungsratswahlkampf Fahrt aufnimmt.
  • Im Wahlkampf spielen die Gegner von Christophe Darbellay nicht nur indirekt auf seinen Lebenswandel an, sondern streuen auch Gerüchte über ein zweites ausserplanmässiges Kind (der Chef der «Schweizer Illustrierten» sucht es noch heute).
  • Oskar Freysinger, schon während seiner Zeit als Bildungsdirektor eine, sagen wir mal, eher ungewöhnliche Figur, will vom Wallis aus das Abendland vor dem Islam retten. Bei den Staatsratswahlen stehe das «mehrtausendjährige Vermächtnis der griechisch-christlichen Wertetradition, die jüdisch-christliche Grundlage unserer Zivilisation» auf dem Spiel. Er meint das ernst.
  • Peter Bodenmann, ehemaliger Präsident der SP und ebenfalls eine ziemliche Nummer, bezeichnet die Walliser Regierung als eine Ansammlung von «vier Halbtoten und einem Clown».
  • Als der Mist geführt und Oskar Freysinger tatsächlich abgewählt ist, raunen die gleichen Kreise, die Darbellay bereits verschiedene Kinder angedichtet hatten, vom «Komplott», das zur Abwahl von Freysinger geführt habe. Der angebliche Mastermind hinter der dunklen Verschwörung: Alt-Bundesrat Pascal Couchepin (FDP).
  • Die Schweiz fragt sich noch, wie das nun genau mit dem Komplott von Couchepin gelaufen sein könnte, da melden Brig, Visp und Naters: Wahlbetrug! In über fünfzig Fällen sollen Wahlcouverts direkt aus dem Briefkasten gestohlen worden sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, das Parlament muss über eine Wiederholung der Staatsratswahlen entscheiden. Die SVP Unterwallis überlegt, die Vereidigung der neuen Regierungsräte zu verschieben.
  • Jetzt ist es die Gegenseite, die an eine grosse Verschwörung glaubt. In der «SonntagsZeitung» lässt sich Darbellay so zitieren: «Die Tatsache, dass mit Brig und Naters zwei der drei betroffenen Gemeinden von der SVP präsidiert werden, wirft natürlich Fragen auf.» Mit den «Fragen» meint Darbellay: Das kann nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Und unterstellt den SVP-Politikern in Brig und Naters indirekt, die Wahl­fälschung inszeniert zu haben (man stelle sich das einmal vor!).

Uneheliche Kinder, Verschwörungstheorien auf einem gehobenen Niveau, und über Joseph Blatter haben wir jetzt noch gar nichts gesagt. Nicht zum ersten Mal erscheinen uns die Walliser in diesen Tagen wie eine farbige Kopie der Österreicher. Schrullig, oft leicht ­angetrunken, idiomatisch problematisch, sehr katholisch und etwas un­beholfen, wenn es um den sauberen ­Ablauf von demokratischen Wahlen geht. Und genauso, wie wir uns ­manchmal einen Hauch des öster­reichischen Charmes für unsere eigene pedantische Unbeholfenheit und Steifheit wünschen, so sehnen wir uns in der Ausserschweiz oft danach, die Welt ähnlich entspannt zu sehen, wie das unsere Walliser Freunde machen. À votre santé!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2017, 23:26 Uhr

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