Der SP-Nationalrat, der für Banken arbeitet

Der Ökonom Samuel Bendahan berät Konzerne und Banken. Seit kurzem ist der SP-Politiker auch Nationalrat. Einen Widerspruch zwischen Arbeit und Politik sieht er nicht.

Lautstark: Samuel Bendahan ergreift bei einer Kundgebung gegen die Spekulation auf Rohstoffe das Wort.

Lautstark: Samuel Bendahan ergreift bei einer Kundgebung gegen die Spekulation auf Rohstoffe das Wort. Bild: Salvatore di Nolfi/Keystone

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Samuel Bendahans Partei jubelte am Sonntagnachmittag hemmungslos. Die Waadtländer SP hatte die Attacke der bürgerlichen Parteien pariert, Cesla Amarelle in die Regierung gebracht und gemeinsam mit den Grünen die linke Mehrheit im Staatsrat verteidigt. Das hat auch für Samuel Bendahan Folgen. Der 36-Jährige wird Cesla Amarelle im Nationalrat ersetzen. Doch grosse, unkontrollierte Jubelgesten passen nicht in die emotionale Welt des Waadtländers. Er freute sich am Sonntag still, mit einem Strahlen im Gesicht, am äussersten Rande der Jubeltraube.

Bendahan, Sohn eines marokkanischen Juden und einer Aargauer Protestantin, ist Ökonom. Der Wirtschaftswissenschaftler unterrichtet an der Universität und der ETH Lausanne. Sein Spezialgebiet: die Verhaltensökonomie, in der Fachsprache «behavioral economics» genannt. Der 36-Jährige befasst sich mit der Entwicklung der menschlichen Zusammenarbeit, dem gegenseitigen sozialen Austausch, dem Phänomen der Fairness und der menschlichen Rationalität. Als Unternehmer und Berater bietet er seine Dienste überall an. Regelmässig hat er Mandate von Banken und Konzernen, aber auch KMU. Er ist Strategieberater, bildet Kader in Leadership aus und leitet Konferenzen zu diversesten Themen. Bei der Neuenburger Kantonalbank ist er sogar festes Mitglied des Verwaltungsrats.

Für welche Konzerne er genau arbeitet, will Bendahan nicht sagen. Das sei Geschäftsgeheimnis, bedeutet er. Er sei seinen Kunden und seinem eigenen Unternehmen gegenüber, das er mit drei Partnern führt, zu Diskretion verpflichtet.

Für Banken und Genossenschaften

Bendahans Fähigkeiten als Ökonom sind in der Waadtländer Politik unbestritten. Zu seinen Stärken gehört, selbst komplexe Zusammenhänge auf einfache Art zu erklären. «Für mich ist wichtig, das Akademische im Alltag begreifbar zu machen», sagt er. Doch unumstritten ist Bendahan nicht. In seiner Partei wundert man sich, warum er sich Konzernen andient, wo er dessen Geschäftsgebaren doch als Politiker kritisiert und, wie im Februar im Abstimmungskampf zur Initiative gegen Nahrungsmittelspekulationen, einzuschränken versucht. Er mitte sich zu sehr ein und verabschiede sich damit von den Werten der Sozialdemokratie, heisst es in seiner Partei.

Bendahan aber versichert: «Ich habe nie für ein Unternehmen gearbeitet, das Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln macht. Generell prüfe ich vor Annahme jedes Mandats, ob es einen Interessenkonflikt mit meinen politischen Werten gibt.» Auf dem Feld Verhaltensökonomie sei diese Gefahr aber nicht ausgeprägt. Und er betont: Das Honorar, das er bei Banken und Konzernen einstreiche, erlaube ihm, für karitative Institutionen oder Gewerkschaften kostenlos zu arbeiten. Er präsidiert den Verband Lire et Écrire (Lesen und Schreiben), der Menschen mit Lese- und Schreibschwächen Kurse anbietet und die Öffentlichkeit für den Illetrismus sensibilisiert. Und er ist Kassenwart der Lausanner Wohnbaugenossenschaft Le Bled, die nach Grundstücken für Wohnbauprojekte sucht. Bendahan leistet damit Pionierarbeit, denn anders als in der Deutschschweiz haben Wohnbaugenossenschaften in der Romandie keine Tradition.

Den Staat nicht beklauen

Obwohl er für Banken und Konzerne arbeitet, hat der 36-Jährige keine Probleme, sich gegen deren Interessen zu engagieren. Im Abstimmungskampf zur nationalen Unternehmenssteuerreform III hat er sich gegen die Vorlage gestellt. Das Steuerpaket sei viel zu unausgeglichen gewesen und hätte den öffentlichen Finanzhaushalt stark belastet, sagt Bendahan. Zwar ist er nicht grundlegend gegen staatliche Hilfe und Steuererleichterungen für die Wirtschaft, aber er plädiert stets dafür, dass der Staat Gegenleistungen und Garantien einfordert. Wie im Fall der kantonalen USR III, welcher das Waadtländer Stimmvolk im März 2016 mit 87 Prozent zustimmte.

Wenig überraschend gehört das Thema Steuergerechtigkeit zu Bendahans Lieblingssujets. Insbesondere zu Steueramnestien hat er eine prononcierte Meinung. Amnestien lehnt er grundweg ab. «Eine Steueramnestie verleiht den Eindruck, dass es nicht weiter schlimm ist, wenn man den Fiskus um Milliarden bestiehlt», so der Lausanner.

Für das Amt als Nationalrat scheint der 36 Jahre junge Politiker, der sein Mandat als Kantonsrat nun aufgibt, bestens gerüstet zu sein. Bei Themen wie Finanzen, Wirtschaft, Umwelt, Informationstechnologie und Bildung könne er sich einbringen, sagt der Waadtländer. Doch in der ersten Wochen will er nun vor allem beobachten, wie die politische Arbeit im Bundeshaus funktioniert. Dann will er entscheiden, worauf er fokussiert, und muss schauen, welche Dossiers seine Fraktion ihm anvertraut. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2017, 21:31 Uhr

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