Der Sprachenstreit beginnt schon beim Lehrmittel

Der Widerstand gegen den Fremdsprachenunterricht in der Primarschule wächst. Und dort, wo Frühfranzösisch unbestritten ist, regen sich Lehrer und Eltern über die Schulbücher auf.

Wann und wie sollen sie lernen? Schüler beim Französischunterricht in der Zürcher Schule Bungertwies. (Archiv)

Wann und wie sollen sie lernen? Schüler beim Französischunterricht in der Zürcher Schule Bungertwies. (Archiv) Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Kaum jemand wird je wissen müssen, dass der «Schiffshalterfisch» auf Französisch «rémora» heisst. Und wer «Iltis» nicht als «putois» übersetzen kann, wird auch gut durchs Leben kommen. Das sind zwei Worte, die Drittklässler lernen, die mit dem Französischlehrmittel «Mille feuilles» arbeiten. Dafür können sie keine Verben konjugieren.

«Mille feuilles» ist ein Lehrmittel des interkantonalen Spracherwerbskonzepts «Passepartout». Zum Einsatz kommt es in den Kantonen Basel-Stadt, Baselland, Bern, Freiburg, Solothurn und Wallis. Diese sechs Kantone bilden eine Achse durch die Schweiz, westlich davon wird Französisch gesprochen, östlich davon wächst der Widerstand gegen die Drohung von Innenminister Alain Berset (SP), alle Kantone zum Frühfranzösisch zu verpflichten. Im Kanton Thurgau soll das Frühfranzösisch auf das Schuljahr 2017/18 abgeschafft werden, in acht weiteren Kantonen bröckelt die Unterstützung für den Fremdsprachenunterricht.

«Schö» ist so gut wie «je»

In den sechs Passepartout-Kantonen ist die Stimmungslage anders: Das Frühfranzösisch ist unbestritten. Es herrscht ein Konsens darüber, dass Kinder möglichst früh Französisch lernen sollen. Heute tun sie es ab der 3. Klasse – ab der 5. kommt Englisch dazu. So, wie es der Sprachenkompromiss der EDK vorsieht. Bersets Warnschuss vom Mittwoch geht dort deshalb ins Leere. Trotzdem wird in den Passepartout-Kantonen genauso heftig über Bildung gestritten.

Grund für den Streit ist «Mille ­feuilles». Das Lehrmittel stellt laut einer Selbstdeklaration «Handeln und Kommunizieren» in den Vordergrund, nicht Grammatik und Vokabelnpauken. Den Kindern werden Sachtexte vorgesetzt, die sie vielleicht nie restlos verstehen werden, aber interessant finden. Sinnbildlich dafür ist der «Percnoptère» geworden – Französisch für «Schmutzgeier» – ein Wort, das auch auf Deutsch kaum jemand kennt. Fehler machen ist Teil des Konzepts. So übersetzen die Kinder «ich» anfangs mit «schö» – und kein Lehrer interveniert.

Am heftigsten ist die Opposition im Baselbiet. Das reformkritische Komitee «Starke Schule» lancierte eine Initiative zum Ausstieg aus dem Passepartout-Konkordat. Eine zweite Initiative fordert, dass in der Primarschule nur eine Fremdsprache unterrichtet werde – Französisch, womit sie ebenfalls einen Grundsatz des Passepartout-Konzepts infrage stellt. Vorstandsmitglied Jürg Wiedemann sagt: «Manche Kinder können nach drei Jahren Französisch praktisch keinen französischen Satz sagen.» Das sei für viele frustrierend. Die Kritik wurde so laut, dass der Verlag bereits Korrekturen angekündigt hat. Doch Wiedemann sagt, er werde sich nur damit arrangieren, wenn «‹Mille feuilles› wirklich grundlegend geändert wird».

Die Fremdsprachendidaktikerin Barbara Grossenbacher, Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz, hat das Lehrmittel mitkonzipiert. «Mille feuilles» verfolge eine Didaktik, die vielen Eltern fremd sei. «Sie sehen deshalb nicht, dass ihre Kinder sehr wohl etwas lernen. Sie entwickeln zum Beispiel Strategien, um komplexere Texte zu verstehen, ohne jedes Wort zu kennen. Sie entwickeln so den Mut, spontan auf eine Fremdsprache zuzugehen.» Dass die Neuerungen im Sprachunterricht Lehrer und Eltern verunsichert, verstehe sie. Man sollte jetzt aber auf wissenschaftliche Ergebnisse warten, die die Wirksamkeit dieser Didaktik nachweisen, sagt Grossenbacher. Dann werde auch eine weniger emotional geführte Diskussion möglich sein.

Der Leiter Pädagogik des Schweizer Lehrerverbands, Jürg Brühlmann, sagt, die Kritik an «Mille feuilles» sei im Grundsatz bereits 40 Jahre alt. Praktisch jedes Lehrmittel mit dem Fokus auf Kommunikation sei bei seiner Einführung stark kritisiert worden. Und zwar namentlich dort, wo Noten etwa für den Übertritt ins Gymnasium wichtig seien. «Dort wächst automatisch die Forderung nach Grammatikkompetenzen, denn diese lassen sich besser prüfen.»

Vier Landesteile, vier Sprachen

Bei einer strikt auf Grammatik ausgerichteten Didaktik kommt dem Präsidenten des Lehrerverbands, Beat W. Zemp, ein Aspekt zu kurz: «Ein wichtiges Ziel der heutigen Sprachdidaktik ist, dass Kinder verstehen, dass es vier Landesteile und vier Sprachen gibt und dass sie alle zur Schweiz gehören.» Dass ein Konsens in diesen Fragen immer schwieriger werde, ist laut Zemp kein Zufall: «Die SVP hat die Bildung vor einigen Jahren zu einem ihrer Oppositionsgebiete erklärt. Zwei Fremdsprachen in der Primarschule, Lehrplan 21 oder neue Lehrmittel: Egal, worauf sich die Kantone einigen, die SVP ist dagegen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2016, 22:50 Uhr

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