Der SRG-Chef bricht sein Versprechen

Der Aufbau einer multimedialen Recherche-Redaktion in Bern ist gestoppt. Das Projekt hätte kritische Politiker besänftigen sollen.

Stein des Anstosses für viele Politiker: Das Radiostudio Bern, das hätte nach Zürich ziehen sollen. Foto: Adrian Moser

Stein des Anstosses für viele Politiker: Das Radiostudio Bern, das hätte nach Zürich ziehen sollen. Foto: Adrian Moser

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Angekündigt wurde ein grosser Wurf. «Wir möchten in Bern eine neue, mehrsprachige Recherche-Redaktion gründen», sagte SRG-Generaldirektor Gilles Marchand im September 2018 dem «SonntagsBlick». Der Romand dachte dabei an eine trimediale, viersprachige Redaktion, die das Fernsehen, Radio und die Onlineredaktionen in allen Landesteilen mit Recherchebeiträgen beliefert. Klar war: So viel journalistische Power kann kein anderes Medienhaus aufbringen.

Doch das Vorhaben hatte noch einen anderen Zweck. Die SRG-Spitze war unter Druck. Zwar hatte das Volk die No-Billag-Initiative abgelehnt, doch danach wollte die SRG das Radiostudio von Bern nach Zürich verlegen und brüskierte damit reihum Politiker. Bundesparlamentarier drohten gar damit, den Wegzug nötigenfalls auf dem Gesetzesweg zu verhindern. Der Aufbau einer «überregionalen Themenredaktion» in Bern, wie das Pilotprojekt intern genannt wurde, war eine Gegenmassnahme, um die Politiker zu besänftigen.

Der Redaktionsleiter hat gekündigt

Doch die Redaktion wird es nicht geben. Der SRG-Generaldirektor musste sein Versprechen brechen. Die SRG-Spitze hat das Projekt gestoppt, obschon die neun Chefredaktoren und Gilles Marchand bereits einen Redaktionsleiter ernannt hatten, ein genehmigtes Redaktionskonzept vorlag und der Zusammenzug der Rechercheure aus allen Landesteilen hätte beginnen sollen.

Der SRG-Direktor Gilles Marchand. Foto: Pierre-Antoine Grisoni

Der designierte Redaktionsleiter Marc Meschenmoser hat inzwischen gekündigt. Der ehemalige «10vor10»-Journalist und aktuelle SRF-Westschweiz-Korrespondent wollte zum gestoppten Projekt nicht Stellung nehmen. Via Twitter informierte er jüngst, er werde Leiter der neugeschaffenen Rechercheredaktion für die Magazine «K-Tipp», «Saldo» und «K-Geld» des Zürcher Verlags Konsumenteninfo. Von «grosser Vorfreude, die investigative Recherche für 1,2 Millionen Leser weiter zu stärken», schrieb Meschenmoser auf Twitter.

Die Sparmassnahmen waren bereits früher geplant worden

Auch bei der SRG hätte Meschenmoser eine spannende Aufgabe erwartet. Das zeigt der SRG-interne Projektbeschrieb, der dieser Redaktion vorliegt. Er sah vor, dass 15 Rechercheure «Eigenleistungen und Vertiefungen –‹food for thought›– zu den wichtigen Fragen unseres Landesliefern». Die Personalrekrutierung für das Projekt mit drei bis fünf Jahren Laufzeit begann im Januar 2019, die Redaktion sollte Ende 2019 operationell sein.

Warum also der Abbruch? «Die Finanzierung für den vorgesehenen Testbetrieb von drei Jahren konnte nicht sichergestellt werden», sagt SRG-Sprecher Edi Estermann. Der geplante Zusammenzug von rund einem Dutzend Journalisten aus den Unternehmenseinheiten sei darum gestoppt worden. Generaldirektor Marchand habe an einer Informationsveranstaltung für Mitarbeiter allerdings betont, dass «das Projekt pendent bleibt», so Estermann.

Das Argument, es habe an Geld gefehlt, erstaunt. Das Gros der Sparmassnahmen war längst beschlossen, als man 2019 den Aufbau der Recherche-Redaktion an die Hand nahm.

«Für mehrere Kollegen kommt die Nachricht abrupt und nimmt das Ende ihrer Laufbahn vorweg.»Pascal Crittin, RTS-Direktor

Dass die SRG sparen muss, ist bekannt. Seit 2018 setzt sie ein Sparprogramm in der Höhe von 100 Millionen Franken um, das Ende 2020 abgeschlossen sein wird. Weil die Werbeeinnahmen weiter zurückgingen, wurde aber ein zusätzliches Sparpaket in der Höhe von 50 Millionen Franken beschlossen. Das hat auch personelle Konsequenzen.

Beim Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) bekamen vor wenigen Tagen 15 Journalisten eine Einladung für ein Gespräch im Personalbüro. Unter den Betroffenen ist Nicolas Burgy, 61 Jahre alt und seit 30 Jahren bei RTS. Man wolle ihn und andere frühzeitig in Pension schicken, wurde mitgeteilt. Betroffene hätten 40 Tage Zeit, das Angebot anzunehmen oder abzulehnen, sagt Burgy. Ihn stört, dass RTS auch langjährige Teilzeitmitarbeiter frühzeitig in Rente schicken will, obschon das für die Betroffenen finanziell kaum verkraftbar sei.Zudem gäbe es Angestellte im selben Alter, die freiwillig in Frühpension gehen würden, aber nie kontaktiert wurden, sagt Burgy.

Bis zu 47 Stellen weniger

RTS-Direktor Pascal Crittin hat sich inzwischen in einer E-Mail erklärt. Crittin schreibt: «Für mehrere der betroffenen Kollegen ist dies eine abrupte Nachricht, die das Ende ihrer beruflichen Laufbahn vorwegnimmt.» Das Personal mache 50 Prozent des RTS-Budgets aus. «Wären die Einsparungen von 2019 und 2020 von insgesamt 27 Millionen Franken anteilig vorgenommen worden, hätten wir mehr als 110 Stellen abgebaut», verteidigt Crittin die Massnahme.

Auch beimDeutschschweizer Radio und Fernsehen werden Stellen abgebaut, schleichend und ohne dass SRF darüber informiert, heisst es dazu auf dem Zentralsekretariat des Syndikats Schweizer Medienschaffender (SSM). «Der voraussichtliche Stellenabbau bei SRF wird sich insgesamt auf ungefähr 47 Stellen belaufen», sagt SRG-Sprecher Estermann. Es handle sich um einen laufenden Prozess, und auch bei SRF versuche man, dieses Ziel mit natürlichen Abgängen zu erreichen, um Kündigungen möglichst zu vermeiden.

Erstellt: 12.02.2020, 16:35 Uhr

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