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Der Tod und die Steuern

Verena, 80 Jahre alt, macht sich Gedanken zur Erbschaftssteuer.

Verena: Es gibt gewisse Dinge, und die sind gewiss. Es ist gewiss, dass jeder eine Mutter und einen Vater hat, es ist gewiss, dass jeder Nahrung, Schlaf und Liebe braucht. Es ist gewiss, dass ein jeder sterben wird, und es ist gewiss, dass die Steuern bezahlt werden müssen.

Und dann gibt es sehr, sehr viele Dinge, die sind ungewiss. Es ist nun mal ungewiss, ob die Mutter und der Vater einem Mutter und Vater sind, es ist ungewiss, welche Menge Nahrung, Schlaf und Liebe man bekommt, wann und wie der Tod eintrifft und wie viel von diesen Steuern zu zahlen sind. Aber wenn in meinem Alter der gewisse Tod gewissermassen näher rückt, dann müsse man sich um die ungewissen Steuern, die man hinterlässt, kümmern, hat mein Steuerberater gesagt.

Ob ich denn schon ein Testament aufnotiert hätte? Ich müsse mir nämlich ganz genau überlegen, wie und wann ich das Erbe auf meine drei Kinder aufteile, um meine Kinder steuerlich nicht zu belasten. Es gebe nämlich Schlupflöcher mit vorzeitigen Schenkungen und so weiter, insbesondere wenn die Initiative «Millionen-Erbschaften besteuern für unsere AHV» diese Woche angenommen werden sollte.

Er fragte, ob ich mir denn schon etwas überlegt hätte? Und ich fragte nur, ob er denn schon mal auf mein Konto geschaut hätte? Ich habe nämlich überhaupt keine Millionen. Oh stimmt, hat er dann nur gesagt. Und da wusste ich eines für gewiss, nämlich dass ich das viele Geld, das ich meinem dummen Steuerberater zahle, sehr viel lieber dem Staat zahlen würde. Aber Formulare und Dokumente waren noch nie mein Ding. Oh je.

Und dass es trotzdem so weit ist, dass ich jetzt vor dem Computer sitze, um mein Testament zu schreiben, erschreckt mich schon ein wenig. So sehr ist mir noch nicht nach sterben. Aber man stirbt ja nicht von heut auf morgen. Sterben braucht Zeit. Ich hab meine Kinder ja auch nicht von heut auf morgen geboren, die gestern beim Familien­znacht so gar nicht über mein Testament haben sprechen wollen. Nur meine Älteste hat beim Verabschieden gesagt, ihr würde das Goldkettchen so gefallen, das ich anhabe. Und da hab ich sie so erschrocken angeschaut, als würde sie das Kettchen, also meinen Tod schon jetzt haben wollen. Und sie schaute ebenso erschreckt zurück, vermutlich um zu signalisieren, dass sie das Kettchen und meinen Tod schon gar nicht haben wolle. Aber was auch immer wir beide gedacht haben, seit gestern Abend denke ich immer an meinen Sarg, wenn ich das Goldkettchen sehe, und mag das Kettchen schon gar nicht mehr tragen.

Und noch eines weiss ich für gewiss: Wenn schon so ein Kettchen und ein Blick dafür ausreichen, einem die Laune zu verderben, wie soll es dann erst mit einem Millionenerbe sein, wenn die Blicke und die Gedanken immer länger werden, bis man sich gar nicht mehr anschaut. Furchtbar. Allein schon deswegen stimme ich Ja bei der Erbschaftssteuer-Initiative. Im Gegensatz zu meinen Kindern, die auch über die Initiative gestern nicht haben reden wollen und dann auf die Wirtschaft und die Unternehmen zu sprechen kamen, anstatt auf den Tod und das Gewisse und Ungewisse.

Vielleicht denken meine Kinder, dass ihnen mit der Erbschaftssteuer trotz Freibetrag meine Wohnung, das Auto, die Möbel und das Kettchen genommen würden. Oder sie denken, dass, wo das Leben doch so ungewiss ist, sie vielleicht trotzdem mal einen Millionär heiraten könnten? Oder denken sie wie mein Steuerberater tatsächlich, dass ich zwei Millionen besitze, und sie haben Angst, dass ihnen mit der Erbschaftssteuer die gewisse Mutter, der Vater, das Essen, der Schlaf und die Liebe ihrer Kindheit genommen würden?

Ach, was die eigenen Kinder denken, weiss eine Mutter sowieso nie für gewiss. Ich weiss nur, dass mir nach dem Tod nichts mehr genommen werden kann, ausser die Liebe meiner Kinder, sollten sie sich um das Erbe streiten.

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