Der Überbrücker

Ingenieur Christian Menn hat die Schweiz mit gut 100 riesigen Strassenbrücken geprägt. Am Montag ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

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Der bedeutende Schweizer Brückenbauer Christian Menn ist tot. Der Ingenieur gehörte zur Weltklasse der Brückenbauer und setzte eine lange Tradition hervorragender Schweizer Brückenbaukunst fort. Am vergangenen Montag ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

Unser ehemaliger Autor hatte Menn im März 2017 besucht und mit ihm über sein Lebenswerk gesprochen. Zum Tod des Brückenbauers publizieren wir den Text erneut.

Am Horizont sinkt die Sonne nieder. Christian Menn, Brückenbauer der Nation, sagt: «Schöner kann man nicht wohnen.» Das Haus, in dem er mit seiner Frau Hedi lebt, steht im Churer Lürlibad-Quartier; erhaben der Blick auf die Stadt, das Tal des Rheins und die Berge rundum.

Nun widmet sich Menn wieder dem Bildband auf dem Salontisch, der seine Brücken dokumentiert. «Mein Holzbrüggli fehlt», sagt er etwas wehmütig. Es hätte auch hineingemusst. Es sei «der Abschluss» seines Werks.

Spektakuläres Lebenswerk: Christian Menn zu Hause im Churer Lürlibad-Quartier. Foto: Nicola Pitaro

Menn feiert heute seinen 90. Geburtstag, so richtig zwäg ist er nicht. Dass er das Brüggli wohl nie im Gelände sehen wird, wurmt ihn. Um einen Fussgängersteg im Onsernonetal handelt es sich, der Loco und Intragna verbindet. An der Einweihung letzten April konnte Menn nicht teilnehmen.

Auf den Fotos, die er vorlegt, sieht die Konstruktion elegant aus, die sich da über das Tobel schwingt. Mit Holz hat Menn nur dies eine Mal gearbeitet, seine Strassenbrücken sind aus Beton. An die 100 hat er projektiert und gebaut, bevor er 1971 Professor an der ETH Zürich wurde; auch danach blieb er aktiv. Die Leonard P. Zakim Bunker Hill Memorial Bridge in Boston mit markanten Spann­kabeln: Er hat sie als technischer Berater ersonnen.

Der Menn-Highway

Die San-Bernardino-Route darf man getrost «Menn-Highway» nennen angesichts von gut zehn Menn-Brücken. Ästhetenaugen werden spätestens in Mesocco feucht: Die Naninbrücke und die Cascellabrücke sind Zwillinge, feine Bogenkompositionen, die parallelgeschaltet im Hang stehen; dazwischen vollzieht die Strasse eine Schleife.

Wo man auch hinschaut in der Schweiz: Ingenieur Menn ist mit einer Brücke präsent, wobei er in manchen Fällen mit anderen Büros zusammenspannte. Vier markante Beispiele:

  • Erstens der Felsenau-Viadukt bei Bern über die Aare, mehr als einen Kilometer lang und eine Schlüsselpassage des hiesigen Autobahnnetzes.
  • Zweitens die Ganterbrücke nah Brig im Wallis auf der Simplonstrasse.
  • Drittens der Biaschina-Viadukt der Autobahn bei Giornico TI, den man besonders schön vom Zug aus sieht.
  • Und viertens die Limmatbrücke in Würenlos AG. Wer auf der A 1 zwischen Zürich und Bern verkehrt, kennt sie.

Christian Menn ging 1950 als Bauingenieur von der ETH Zürich ab, sammelte Erfahrungen und gründete 1957 ein eigenes Büro. Alsbald begann zeitgleich zur Entfaltung des Nationalstrassennetzes sein Aufstieg zum führenden Brückenbauer der Schweiz. Die erwähnte San-Bernardino-Route illustriert, wie sehr die neuen Schnellstrassen das Land veränderten. Früher durchfuhr man auf dem Weg von Chur nach Bellinzona etliche Kantone. Dank Menns Brücken wurde die Direttissima von Chur bis Roveredo vor Bellinzona ein innerbündnerisches Spektakel mit Schockern wie der verschummerten Viamala-Schlucht.

Menns Liebling unter den eigenen Brücken ist die Sunnibergbrücke.

Menn ist Ingenieur mit Leib und Seele. Etwas, das ihn heute stört: Dass der Ingenieur nicht mehr so wichtig sei. Dass mancher Stararchitekt den Schönheitszampano gebe. «Vom Ingenieur redet man nur noch, wenn etwas schiefgeht.»

Er zitiert den Theoretiker Vitruv aus dem alten Rom. Nach dessen Formel braucht ein Bauwerk drei Dinge: Firmitas, Festigkeit. Utilitas, Nützlichkeit. Und Venustas, Schönheit. Die drei sollen sich ergänzen, nicht bedrängen, sagt Vitruv. Was Menn gar nicht mag: Wenn eine Brücke toll aussieht, doch unpraktisch angelegt ist.

Sein Liebling unter den eigenen Brücken ist die Sunnibergbrücke, die gewiss Vitruvs Eigenschaften harmonisch eint. Als Teil der Umfahrung Klosters beseitigt sie die Vereina-Verstopfung. 2005 bei der Eröffnung sprach Bundesrat Moritz Leuenberger: «Diese Brücke ist Kultur, sie ist ein Kunstwerk.» Prinz Charles war damals auch zugegen, man habe zusammen «parliert», erinnert sich Menn.

«Das sieht einfach nicht gut aus»

Lieber als über den Prinzen redet Menn über die technischen Eigenschaften der gekrümmten Brücke mit ihren Schrägkabeln, die aus ihr eine Harfe machen; er benennt Details, zeigt, wie einzelne Kabel zu anderen parallel laufen.

Ein Verklärer seiner eigenen Werke ist er deswegen nicht. Mit dem Pont de Chandoline in Sion etwa hat er Mühe: Die Pfeiler im Fluss seien rund, die in die Luft ragenden Pylone als Fortsetzung eckig. «Das sieht einfach nicht gut aus!», sagt Menn. «So ist der Mensch, er macht dumme Sachen.»

Jedenfalls ist Menn der wirkungsmächtigste Baumeister der Schweiz. Ein Landschaftspräger. Und sicher ist eine Brücke kein beliebiges Bauwerk. Sie zähmt Schluchten und macht aus Wildnis Zivilisation; sie ist verdichtete Kultur. Sie ist nüchterne Technik, die magisch anmutet.

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Frage 1 von 9:

An welcher Strasse liegt die Naninbrücke?

Hauptstrase bei Mesocco

San-Bernardino-Nationalstrasse

Gotthard-Autobahn

 

Menn bringt den «Pontifex» ins Spiel. Der Titel ging zu Ende der Antike von Roms Kaisern auf die Päpste über. Pontifex, das ist übersetzt der Brückenbauer. Dem Obersten der Truppe, dem Pontifex Maximus, oblag die Durchführung religiöser Staatszeremonien. Gleichzeitig soll er auch die Wartung der Tiberbrücken beaufsichtigt haben. Er war also sowohl Ritualaufseher als auch Brückenbeauftragter. Ein Mann für das Jen- und Diesseits.

«Viel Freizeit hatte ich nie», sagt Menn. Ein Familienmoment, der ihm bleibt: 1959 wurde seine älteste Tochter Claudia geboren. Jener Juli war auch der Monat, als seine erste Brücke betoniert wurde: die Crestawaldbrücke der A 13 nah dem Sufnersee auf 44 Meter Höhe. Die Entfernung des Lehr­gerüstes habe ihm Seelenstress bereitet, erinnert sich Menn. Was, wenn die Brücke einstürzt? «Ich hatte natürlich schon ein bisschen Angst.»

Sein Leben, das ist seine Arbeit

Sich selber findet Christian Menn – der Familienname ist urbündnerisch – kein sonderlich interessantes Thema, er lenkt immer wieder auf seine Brücken. Ganz wichtig sei ihm stets gewesen, zuerst die Umgebung zu studieren. Erst wenn man den Raum erkannt habe samt seinen Dimensionen, könne man die Brücke einpassen. Auch die regionale Historie sei wichtig. Immer wieder verstiessen Fachleute gegen diese Prinzipien: «Da vergreift sich einer im Massstab, dort übergeht ein anderer einfach die Brückenbautradition einer Stadt.»

Ein gutes Beispiel für dezente Einfügung ins Gelände: die Rheinbrücke bei Tamins. Die Bogenkonstruktion übt Bescheidenheit an einem Punkt, an dem anderes wichtiger ist: das Schloss Reichenau. Die Kirchennadel von Tamins auf ihrem Hügel. Die majestätische Vereinigung von Vorder- und Hinterrhein. Nicht nur da hat Ingenieur Menn Schönheit geschaffen, ohne in einen Egotrip zu stürzen.

«Ich habe es einfach furchtbar gern, das Brüggli.»Menn über seinen Fussgängersteg im Onsernonetal

Zum Schluss geht es noch einmal um das Tessiner Holzbrücklein. Menn hofft, dass man es wahrnehme als Teil seiner Arbeit. Auch wenn es klein sei und aus Holz, auch wenn nur Fussgänger es querten und Kühe. «Ich habe es einfach furchtbar gern, das Brüggli.»

Fazit nach dem Treffen: Christian Menn hat im Gespräch wenig Privates preisgegeben. Und das ist in Ordnung. Wie es seinem Alter entspricht, hat er sich auf das konzentriert, was ihm wesentlich ist – und wesentlich bleiben soll: auf sein Werk. Sein Leben, das sind seine Brücken.

Erstellt: 19.07.2018, 20:09 Uhr

Buch

Brücken/Bridges. Christian Menn und Caspar Schärer, Fotos Ralpf Feiner. Scheidegger & Spiess, 2015. 350 S., 99 Fr.

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