«Wer Hass verbreitet, sind Sie»

Jetzt spricht Abu Ramadan mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet zum Vorwurf, ein Hassprediger zu sein und 600'000 Franken Sozialhilfe bezogen zu haben.

Abu Ramadan sagt, er sei in keinem einzigen muslimischen Land sicher. Foto: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

Abu Ramadan sagt, er sei in keinem einzigen muslimischen Land sicher. Foto: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wieso haben Sie in einer Predigt in Biel kürzlich Allah gebeten, die Juden, Christen, Hindus, Russen und Schiiten zu zerstören?
Ich habe das nie gesagt. Der Übersetzer ist ein Lügner. Ich werde deswegen vor Gericht gehen, sobald sich mein Leben wieder etwas beruhigt hat.

Der Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat Ihr arabisches Zitat, das Hass schüren kann, mehrfach übersetzen und prüfen lassen.
Es ist trotzdem falsch. Mein Bittgebet ist auch keine Anstachelung von Menschen, sondern ein Aufruf an Allah: Er solle die Feinde der Religionen, die von Abraham abstammen – Judentum, Christentum und Islam –, «übernehmen». Man muss das Ganze im Kontext der Kriege wie in Afghanistan oder im Irak sehen. Dort hat die US-Regierung Menschen vernichtet. Das verabscheue ich. Ich rufe aber niemanden zu einer Tat auf. Ich will das nicht. Das wäre strafbar. Ich bitte nur Allah um Gerechtigkeit.

Aber weshalb haben Sie nicht differenziert? Weshalb hetzen Sie gegen Juden, Christen, Hindus und andere? Und benennen nicht die israelische Armee oder US-Truppen?
Ich habe sehr wohl Einschränkungen gemacht. Ich beziehe mich ausschliesslich auf die Feinde der genannten Religionen.

Nach allen Übersetzungen bitten Sie Allah, Glaubensgemeinschaften und Völker zu zerstören.
Nein. Meine Bitte bezieht sich nur auf jene, die uns schaden. Arabische Zuhörer verstehen das schon richtig.

Wieso haben Sie zur Zerstörung von Menschen aufgerufen und nicht zu Frieden und Vergebung?
Ich rede über Leute wie Rumsfeld, Bush, Blair. Sie töteten über 1,5 Millionen Menschen. Nun sagt Blair einfach, das sei ein Fehler gewesen. Niemand bestraft ihn. Für solche Leute will ich kein Pardon.

«Wir haben unsere Leute unter Kontrolle. Hörten Sie je etwas Negatives»

Muslimische, christliche und jüdische Prediger beten nicht für Zerstörung, sondern für Frieden.
Das mache ich auch. Aber nicht nur das: Ich war der Erste in der Schweiz, der vor dem IS warnte. Deshalb bin ich bedroht worden. In unserer Moschee haben wir 35 Nationen oder mehr. Wir haben unsere Leute unter Kontrolle. Hörten Sie je etwas Negatives? Viele in Biel kennen mich. Sie grüssen mich. Salut, As-Salaam-Alaikum, hallo, hallo.

Personen aus Ihrer Moschee schlossen sich Terrorgruppen an.
Den Bieler Gymnasiasten, der erst nach Somalia und dann nach Syrien ging, hatten wir lange vor der Abreise ausgeschlossen und der Polizei gemeldet. Ein Student, der vor Jahren in den Irak ging, kam nicht regelmässig zu uns, und er hatte in seinem Leben viele Probleme.

Und die beiden jungen Frauen, die aus Biel nach Syrien gingen?
Von der einen habe ich gehört, aber sie nicht gekannt. Sie war Schweizerin und kam mit dem Velo im Hidschab zu uns. Bei der anderen kenne ich die Eltern. Sie kam nicht mehr zu uns, womöglich weil wir ihr nicht radikal genug waren.

Hat Israel ein Existenzrecht?
Für uns gehört Palästina den Palästinensern. Aber heute müssen Israelis und Palästinenser in zwei Staaten nachbarlich zusammenleben. Das ist die einzige Lösung. Sonst hört das Schlachten nie auf.

Was ist mit Osama Bin Laden?
Er ist plötzlich aufgetaucht, und jeder hat in ihm einen Helden gesehen. Früher war es für mich kaum möglich, mich von ihm abzugrenzen. In der Schweiz kann ich das tun. Aber an anderen Orten wäre ich deswegen bedroht gewesen.

In der Schweiz Asyl beantragt haben Sie als Muslimbruder.
Nein. Ich bin kein Anhänger der Muslimbrüder, aber ich kannte sie in Libyen alle, weil das Land klein ist. Ich bin völlig unabhängig. Trotzdem bin ich dort mit dem Tod bedroht – bis heute. Aber ich habe immer Glück gehabt. Ich bin übrigens auch weder Imam noch Scheich, wie die Medien behaupteten.

Der Islamische Zentralrat preist Sie als Scheich. Ebenso das Reisebüro, mit dem Sie auf Pilgerreisen gehen.
Ich weiss. Das hat sich über die Jahre so ergeben. Wenn in Moscheen kein Imam anwesend ist, bete ich vor. Die Leute sagen mir deshalb Scheich.

In welcher Funktion reisten Sie an Pilgerorte wie Mekka?
Ich nahm gegen zehn Mal an Pilgerreisen teil. Ich begleitete Gläubige als Reiseführer und instruierte sie beim Gebet. Einen Lohn erhielt ich dafür nie. Für Flüge und Hotel kam das Reisebüro auf.

Video - Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalist Kurt Pelda zum Fall Abu Ramadan

«Dieser Imam ist sehr schlau»: Der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalist im Interview. (Video: Lea Koch und Simon Knopf)

Sie reisten auch oft nach Libyen, obwohl Ihnen das als Flüchtling nicht gestattet ist. Wie viele Male?
Vermutlich zehn bis zwölf Mal seit dem Sturz des Ghadhafi-Regimes. Die Gefahr, festgenommen zu werden, war eine Zeit lang gebannt. 2013 bekam ich von der libyschen Botschaft in Bern einen neuen Pass. Ich wollte meine Mutter sehen und sie mich. Sie ist heute 93 Jahre alt und wird wohl nicht mehr lange leben.

Nun wurde Ihnen wegen Ihrer Reisen der Asylstatus entzogen.
Ich wusste nicht, dass ich das nicht darf. Das Gesetz kannte ich nicht. Gegen den Entscheid läuft aber eine Beschwerde.

Könnten Sie sich vorstellen, ganz nach Libyen zurückzukehren?
Eine Weile schien mir eine Rückkehr möglich, aber die politische Lage verschlechterte sich. Ich bin wieder bedroht worden. Ich konnte nicht mehr in meine Heimatstadt reisen, sondern nur noch in die Hauptstadt Tripolis.

Fühlen Sie sich in der Schweiz integriert?
Ja. Ja! Ich bin gut integriert.

Woran zeigt sich das?
Seit 18 Jahren wohne ich in Nidau. Ich kenne meine Nachbarn, sie kennen mich. Auf der Gemeinde kennt man mich, auf dem Markt, bei der Polizei. Wir grüssen einander. Und ich engagiere mich im Fussballverein.

Wir führen dieses Interview auf Englisch. Den Arabisch-Deutsch-Übersetzer brauchen wir kaum. Warum sprechen Sie Englisch, aber keine Schweizer Landessprache?
Das ist eine gute Frage. Englisch lernte ich in Libyen. An der Universität, wo ich Agronomie studierte, sprachen wir viel Englisch. In der Schweiz besuchte ich eine Weile lange einen Französischkurs. Leider fand er nur einmal pro Woche statt, und die Lehrer wechselten immer wieder. Auch wurde mir – anders als bei anderen Flüchtlingen – die Finanzierung eines Studiums an der Uni Freiburg verwehrt. Darum lernte ich nicht viel.

Möchten Sie es noch lernen?
Ich bin 64 Jahre alt!

Ja, und?
Eine neue Sprache lernen? Das geht nicht mehr. Aber meine vier Kinder können Deutsch und Französisch. Sie sind allesamt gut integriert in der Schweiz. Mein älterer Sohn ist hier verheiratet und arbeitet in einer Firma mit Autos. Er war noch nie auf dem Sozialamt, und er spricht Deutsch, Fran­zösisch, Italienisch. Und meine ältere Tochter hat ihr Studium abgeschlossen und war dann in der Uhrenmacherei tätig. Auch sie hat sich nie beim Sozialamt gemeldet. Meine Kinder sind hier verwurzelt.

Gemäss unseren Informationen ist eines Ihrer Kinder mehrfach vorbestraft. Andere bezogen staatliche Unterstützung, IV oder Sozialhilfe.
Das stimmt nicht! Hören Sie auf, davon zu reden.

Sie haben Ihre Töchter früher zeitweise nicht zur Schule geschickt.
Als wir hierherkamen, war meine ältere Tochter fünf. Ich wollte sie in eine arabische Schule schicken. Die Gemeinde war einverstanden. So ging sie erst nach zwei Jahren in die öffentliche Schule.

Sie schildern es harmonischer, als es war: Sie wurden mehrfach mit Strafbefehlen verurteilt. Zweimal geschah dies, weil Sie Ihre Töchter vom Schulunterricht fernhielten.
Das ist 15 Jahre her. Wieso ist das wichtig? Ich erinnere mich nicht mehr genau. Ich habe mich bereit erklärt, mit Ihnen zu reden, um Dinge richtigzustellen.

Video: Der Bieler Stadtpräsident nimmt Stellung

«Man kann diese Aussagen nur aufs Schärfste verurteilen.»: Bieler Stadtpräsident nimmt in der SRF-Sendung «Rundschau» Stellung zum Hassprediger. (Video: Tamedia/SRF)

Nur zu!?
Ich habe wenig Geld, aber ich habe mich nie beklagt. Ihre Zeitung schrieb, ich hätte 600'000 Franken Sozialhilfe be­zogen. In 20 Jahren handelt es sich um 2500 Franken pro Monat. Ich zahle 1715 Franken Miete pro Monat, dazu kommen Strom und Versicherungen. Am Ende eines Monats bleiben mir normalerweise 500 bis 600 Franken für Essen und anderes Lebensnotwendiges.

Die 600'000 Franken der Gemeinde Nidau bekamen Sie innert 13 Jahren, pro Monat über 3800 Franken. Viele, die arbeiten, haben weniger.
Die Zahlen sind falsch.

Was wäre denn richtig?
Ich gehe davon aus, dass die Behörden genau kalkulierten und wussten, wie viel mir zustand. Die Informationen sind zudem privat.

Wie können Sie es sich leisten, oft nach Libyen zu fliegen?? Mein Bruder, ein Geschäftsmann, kam für die Flugtickets auf.

Warum haben Sie in der Schweiz nie längere Zeit gearbeitet?
Ich hätte gerne gearbeitet. Ich bin gesund, mir geht es gut. Ich probierte immer wieder, Arbeit zu finden. Aber niemand wollte mich anstellen. Als Agronom hatte ich in Libyen als Projektmanager in der Landwirtschaft gearbeitet. Doch leider klappte es in der Schweiz nie mit einer Stelle in diesem Bereich.

«Ich probierte immer wieder, Arbeit zu finden. Aber niemand wollte mich anstellen.»

Sie hätten etwa im Gastgewerbe anfangen können. Andere Flüchtlinge mit akademischer Ausbildung tun dies auch.
Das stimmt. Ich arbeitete auch mal im Wald, aber es war nur eine befristete Stelle. Es wollte mich einfach niemand.

Worauf führen Sie das zurück?
Ich weiss es nicht. Vielleicht, weil ich Muslim bin? Einen Bart trage?

2008 schickte das Sozialamt Nidau Detektive vorbei, um zu überprüfen, ob Sie zu Recht Sozialhilfe beziehen. Wieso liessen Sie sie nicht rein?
Warum kamen Sie zu mir? Was würden Sie tun, wenn wildfremde Leute an Ihrer Haustür klingeln und Zutritt verlangen? Ohne Durchsuchungsbefehl?

Wir haben nichts zu verbergen.
Sie würden diese Leute ins Haus lassen? Das stimmt doch nicht! Bitte!

Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Steuerzahler Sie als Prediger und Reisebegleiter berappen.
Ich habe in der Schweiz offiziell ein Asylgesuch gestellt, und es wurde gutgeheissen. Auch die Sozialhilfe habe ich rechtens beantragt und erhalten. Ich habe nie gegen das Gesetz verstossen.

Seit Sie hierherkamen, lebten Sie zumeist vom Staat, und Sie sind schlecht integriert. Wieso gehen Sie nicht in ein islamisches Land und führen dort ein ruhiges Leben?
Nennen Sie mir ein solches Land, das sicher ist. Ich würde dorthin gehen. Diese Frage macht mich traurig. Es ist schlecht von Ihnen, so etwas zu fragen. Sie werfen mir vor, ich sei ein Hassprediger. Doch wer Hass verbreitet, sind Sie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2017, 22:00 Uhr

Übersetzungsstreit

«Zerstören»-Zitat angezweifelt

Tagesanzeiger.ch/Newsnet machte publik, dass Abu Ramadan predigte: «Oh, Allah, ich bitte dich, die Feinde unserer Religion zu vernichten, vernichte Juden, Christen und Hindus und Russen und Schiiten.» Der Islamische Zentralrat behauptet, das arabische Zitat sei falsch übersetzt. Korrekt sei: «(...) Feinde der Religionsgemeinschaft und des Glaubenssystems, wie die Juden und Christen und die hasserfüllten Kreuzzügler. Oh Allah, nimm Dich den Hindus an und nehme Dich den Russen an und nimm dich der ablehnenden Schi’a an, oh Herr der Welten. Oh Allah, nimm dich ihnen allen an. Oh Allah, bewahre uns vor ihrem Übel und schütze uns vor ihrem Schaden und lass ihre selbst geschmiedeten Plänen ihre
eigene Zerstörung sein und lass das Unglück auf sie kommen und sende ihnen Schaden von Dir, der von den verbrecherischen Leuten nicht abzuwenden ist.» (tok)

Artikel zum Thema

600'000 Franken Sozialhilfe für einen Hassprediger

Der Bieler Imam Abu Ramadan betet in seinen Predigten für die Vernichtung aller Feinde des Islam. Trotzdem lebt er seit fast 20 Jahren von Schweizer Sozialhilfe. Mehr...

Gemeinde wollte Hassprediger schon vor Jahren loswerden

Der Kanton Bern ging auf den Einwand von Nidau gar nicht ein – und lehnte den Antrag ab. Mehr...

Interview: «Wir klären ab, ob er das Geld zurückerstatten muss»

Interview Vom Hassprediger Abu Ramadan hat seine Wohngemeinde nichts gewusst. Der zuständige SVP-Sozialvorsteher fordert nun Geld für Detektive und kritisiert den Bund. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wandelnder Busch: Ein Model zeigt die Frühling Sommer Kollektion 2018 des chinesischen Designers Viviano Sue an der Fashionweek in Tokio. (19. Oktober 2017)
(Bild: EPA/FRANCK ROBICHON) Mehr...