Die Jihad-Karte der Schweiz

Ein Recherche-Team von Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat aufgeschlüsselt, wo die Gotteskrieger wohnen, wie sie leben und wie alt sie sind.

Die Behörden machen ein grosses Geheimnis daraus, wer die Schweizer Jihadisten sind und aus welchen Städten und Dörfern sie nach Syrien oder in den Irak gereist sind. Selbst simple Fakten hält der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) zurück, zum Beispiel das Durchschnittsalter der Ausgereisten oder die Anzahl Frauen darunter. Dabei würden vertiefte Kenntnisse helfen, die Phänomene Radikalisierung und Jihadismus besser zu verstehen.

In Recherchen, die mehr als zwei Jahre dauerten, hat Tagesanzeiger.ch/Newsnet versucht, möglichst viel über Schweizer Jihad-Reisende herauszufinden, insbesondere Namen, Herkunftsorte und biogra­fische Angaben. Mittlerweile haben 72 Personen in unserer Liste Eingang ­gefunden. 64 davon sind mutmasslich ausgereist, während 8 nur beabsichtigten, sich ins syrisch-irakische Kriegsgebiet zu begeben.

Grafik: Michael Rüegg

Nur ein Bruchteil

89 Prozent der Ausgereisten haben einen Migrationshintergrund. Diese Erkenntnis kann nicht erstaunen, gab es doch vor 50 Jahren noch kaum Muslime in der Schweiz. Die Zuwanderung, vor allem vom Balkan, erklärt, dass ihr Bevölkerungsanteil heute in der Nähe von 5 Prozent liegt. Davon ist nur ein Bruchteil in den Jihad gezogen, ein kleiner Bruchteil. Es sind 0,2 Promille der 350'000 in der Schweiz lebenden jugendlichen und erwachsenen Muslime. Anders ausgedrückt: Jede 5000. Person, die sich in der Schweiz zum Islam bekennt, ist ein Jihad-Reisender.

Sind das viele oder wenige? Zum ­Vergleich: In Belgien sind es mehr als dreimal so viel, nämlich 0,64 Promille. In Kosovo, Serbien und Mazedonien, den wichtigen Herkunftsländern der in der Schweiz lebenden Balkan-Muslime, liegen die Werte zwischen 0,19 und 0,21 Promille. Albanien und Bosnien kommen dagegen auf deutlich tiefere Werte als die Schweiz, nämlich auf 0,09 beziehungsweise 0,14 Promille.

Winterthur liegt weit vorne

Die Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Statistik der Jihad-Reisenden zeigt regionale Brennpunkte. Am schlechtesten schneidet im Vergleich der Schweizer Städte Winterthur ab. Dort liegt der Anteil der Jihad-Reisenden an der muslimischen Bevölkerung mit 1,47 Promille am höchsten. Die Hälfte der 12 Winterthurer, die nach Syrien und in den Irak zogen, hat Wurzeln auf dem Balkan.

Danach folgt im Vergleich der Regionen der Bezirk Arbon im Thurgau mit 1,29 Promille. Ostschweizer und Winterthurer Islamisten sind eng verknüpft. So war der heute in der Türkei inhaftierte mutmassliche Terrorist Alperen A. aus Arbon unter anderem auch in Winterthur für die Koranverteilaktion «Lies!» unterwegs, und er hatte auch beste Kontakte zur sogenannten Jugendgruppe der berüchtigten Winterthurer An’Nur-Moschee. Umgekehrt waren und sind Winterthurer Koranverteiler auch in der Bodenseeregion aktiv. Bei 11 der insgesamt 72 Jihadisten liess sich feststellen, dass sie vor ihrer Abreise bei «Lies!» mitgemacht hatten.

An dritter Stelle folgt die Stadt Lausanne mit 1,06 Promille. Hier fällt auf, dass es sich hauptsächlich um Leute mit bosnischem Migrationshintergrund handelt. Biel kommt mit 0,87 Promille auf den vierten Rang, gefolgt von der Stadt Genf mit 0,53 Promille. Der bevölkerungsreiche Kanton Zürich liegt trotz des Brennpunkts Winterthur mit 0,24 Promille nur leicht über dem gesamtschweizerischen Durchschnitt.

Solche lokalen «Hotspots» legen die Erkenntnis nahe, dass die Radikalisierung nicht in erster Linie im Internet erfolgt – sondern dass sie mit charismatischen Extremisten zusammenhängt, die an einen Ort gebunden sind. Das können radikale Imame sein, aber auch Führerpersönlichkeiten in Jugend- oder Kampfsportgruppen. Eine wichtige Rolle spielen zudem einzelne Moscheen, zum Beispiel in Winterthur, Biel, Genf oder Lugano. Menschen radikalisieren sich selten allein vor dem Computer, dagegen fast immer unter Gleichgesinnten. In Winterthur hat zum Beispiel eine Gruppe von Mentoren im Umfeld der An’Nur-Moschee viel zur Radikalisierung beigetragen.

Mit der Sozialhilfe bezahlt

Behörden und Terrorismusexperten betonen, es gebe kein klares jihadistisches Profil, jeder Fall sei anders. Unsere Auswertung zeigt jedoch trotz Ausnahmen und einer gewissen Vielfalt deutliche Muster auf – nicht nur beim Migrationshintergrund oder den Herkunftsregionen, sondern auch beim Geschlecht oder bei der Schul- und Berufsbildung. Jihadismus ist grossmehrheitlich ein männliches Phänomen. Von den 72 Jihad-Reisenden sind nur 12 Frauen.

Angaben zum Bildungsstand gibt es nur vereinzelt. Auffällig ist aber, dass sich unter den Jihad-Reisenden und in der salafistischen Szene viele Personen mit geringem Bildungsstand und groben biografischen Brüchen befinden. Abgebrochene Schulen oder Lehren, psychische Probleme, Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von der Sozialhilfe kommen gehäuft vor. Die Familie eines Bieler Jihadisten war ganz stolz darauf, dass ihr Sohn die Reise ins Kriegsgebiet mit dem Geld vom Sozialamt finanziert hat. Akademiker sind überaus selten.

Konvertiten sind mit etwas mehr als 19 Prozent vertreten. Das ist viel im Vergleich mit ihrem Anteil an der gesamten muslimischen Wohnbevölkerung. Dass «neue» Muslime ihren Glauben besonders unter Beweis stellen wollen, ist allerdings nichts Besonderes. Ähnliches beobachtet man auch mit «Bekehrten» in anderen Religionen.

Beim Alter gibt es hingegen eine Spannweite von 33 Jahren. Die Winterthurerin Adea (Name geändert) zog mit 15 Jahren nach Syrien, aber auch drei Fälle von 48-jährigen Männern sind Tagesanzeiger.ch/Newsnet bekannt. Der Mittelwert liegt bei Männern und Frauen gleichermassen leicht über 26 Jahren. Angezogen vom IS und von Al-Qaida-Ablegern werden generell eher junge Leute.

Von den 72 Jihad-Reisenden besitzen 25 einen Schweizer Pass. Nur 8 von ihnen haben aber keinen Migrationshintergrund. Bei den Herkunftsgegenden liegt der Balkan mit grossem Vorsprung an erster Stelle, gefolgt von Arabern aus Nordafrika – vor allem Tunesiern – und dem Nahen Osten. Beim Rest handelt es sich vor allem um Kurden, Türken, Italiener und Somalier.

Bosnische «Emirate»

Bei den Ausgereisten mit Wurzeln auf dem Balkan liegen die Bosnier ganz vorn. Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass im Bosnienkrieg – erstmals auf europäischem Boden – auch ausländische Jihadisten, vor allem Araber, kämpften. Nach dem Ende des Bürgerkriegs gründeten Salafisten dann ihre eigenen Dörfer und Enklaven. Diese kleinen bosnischen «Emirate» fielen später als Brennpunkte der Radikalisierung und Jihad-Rekrutierung auf, mit Ausstrahlung bis in die Schweiz.

Zu den Ersten, die nach Ausbruch der syrischen Revolution 2011 ins Konflikt­gebiet reisten, gehörte deshalb auch eine ganze Reihe Bosnier mit Verbindungen zu bosnischen Extremisten im Ausland. Unter ihnen befand sich ein inzwischen getöteter junger Mann aus der Region Luzern, der klare Verbindungen zu einer dieser salafistischen Enklaven in seinem Herkunftsland hatte. Seine Ehefrau reiste ihm später nach Syrien nach. Sie war mit dem Islamischen Zentralrat Schweiz (IZRS) verbandelt und setzte sich eine Zeit lang erfolglos für einen islamischen Kindergarten in der Moschee von Volketswil ZH ein.

Mit den Kindern ausgereist

Es ist nicht immer so, dass die Familien die Jihad-Reisenden von ihren Plänen abzuhalten versuchen. Vor allem in der Westschweiz gibt es – neben den erwähnten Fällen in Biel und in der Region Luzern – Familien, die ihre Söhne und Töchter tatkräftig unterstützen, auch mit Geldüberweisungen nach Syrien und in den Irak. Ein junger Lausanner wird zum Beispiel verdächtigt, einem Verwandten, der beim IS in Syrien kämpfte, einen grösseren Betrag in bar überbracht zu haben. Nicht immer erfolgen solche Unterstützungshandlungen freiwillig. So wurde ein Zürcher Konvertit in Syrien angeblich schwer verwundet. Der IS forderte daraufhin einen fünfstelligen Eurobetrag von dessen ­Eltern – für die Behandlung in einem ­türkischen Spital. Es ist nicht bekannt, ob das Geld jemals geflossen ist.

Manchmal werden auch Buben und Mädchen Opfer des Jihad-Wahns ihrer Eltern. So hat in Genf eine französisch-schweizerische Doppelbürgerin ihre beiden Kinder nach Syrien entführt. Einen ähnlichen Fall im Kanton Bern konnten die Behörden schon vor Jahren verhindern. Damals wurde ein bosnisch-schweizerischer Vater am Flughafen ­Zürich festgehalten, als er mit seinen beiden Kindern ausreisen wollte. Nachdem er längere Zeit in Deutschland im Gefängnis gewesen ist, sitzt der Mann nun im Kanton Bern in Untersuchungshaft und muss sich unter anderem wegen Entführung Minderjähriger und anderer Vorwürfe verantworten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2017, 11:09 Uhr

So entstand die Jihad-Karte

Woher kommen die Daten für diese Schweizer Jihad-Karte? Basis bilden aufwendige Recherchen des TA. Zurückgegriffen wurde dabei auf eine Vielzahl von menschlichen, elektronischen und schriftlichen Quellen: Zum Beispiel wurden Familienmitglieder oder Freunde von Jihadisten kontaktiert. Es wurden Profile in den sozialen Medien beobachtet. Dort luden Personen Bilder von sich aus dem syrischen Kampfgebiet hoch. Auch wurden Gerichtsurteile und Verfahrensakten ausgewertet.

Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) hat bis im Mai 74 Personen mit Bezug zur Schweiz gezählt, die nach Syrien beziehungsweise in den Irak gereist sind. Die Namenliste des NDB ist geheim. Öffentlich geworden sind bislang nur Einzelfälle und vereinzelt regionale schweizerische Netzwerke. Dem «Tages-Anzeiger» blieb deshalb nichts anderes übrig, als sich seine eigene Liste zusammenzustellen. Bis heute konnten von uns 72 Jihad-Reisende mit Schweiz-Bezug eruiert werden, unter ihnen 12 Frauen. 49 Namen konnten bestätigt werden, beim Rest handelt es sich um ungesicherte Fälle. Bei diesen Fällen fehlt ein Beweis, aber es gibt deutliche Indizien für Jihad-Reisen.

In die Liste wurden nur jene Personen aufgenommen, die einen klaren Bezug zur Schweiz haben. Die meisten Aufgeführten haben länger in der Schweiz gewohnt. Ausserdem musste ihr Name bekannt sein. Personen, von denen uns kein Name oder nur ein Pseudonym bekannt ist, wurden nicht verzeichnet.

Gewisse blinde Flecken sind geblieben. Mit weiteren Recherchen könnte insbesondere die Zahl der mutmasslichen Jihadisten aus der Region Basel und aus dem Tessin weiter ansteigen.

Bei der Erhebung des TA gab es methodische Schwierigkeiten. So bestreiten viele mutmasslichen Rückkehrer in der Strafverfolgung vehement, dass sie jemals beim IS oder bei al-Qaida waren oder dorthin reisen wollten. Recherchen vor Ort, in Syrien und im Irak, sind schwierig. Es gilt in jedem Fall, sofern keine Verurteilung vorliegt, die Unschuldsvermutung.

Wenn man die Jihadisten-Fälle ins Verhältnis zur Zahl der in einer Region lebenden Muslime setzt, kommt es ebenfalls zu Ungenauigkeiten. Ein Problem: Nicht alle Städte haben eine genaue Vorstellung davon, wie gross ihre muslimische Wohnbevölkerung ist. Dies trifft zum Beispiel auf Arbon zu. Im Thurgau wird die Zahl der Muslime nur für den ganzen Kanton ausgewiesen. Wir haben uns deshalb daran orientiert. (K. P.)

Artikel zum Thema

So will der Bundesrat gegen Jihadisten vorgehen

Justiz und Polizei sollen künftig eine verbesserte Anti-Terror-Strategie fahren. Dazu schlägt der Bundesrat drei Massnahmen vor. Mehr...

Schweiz bestraft Terroristen milder als das Ausland

Der Bundesrat will die Terrorgesetze verschärfen – jedoch nur moderat. Kritiker warnen, so werde die Schweiz zu einem «sicheren Hafen» für Terroristen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Eingewickelt in Bananenblätter: Ein «Schlammmensch» nimmt auf den Philippinen am Taong Putik Festival teil. (24. Juni 2019)
(Bild: Ezra Acayan) Mehr...