Winzer vergiften Bäche – die Behörde schaut weg

Im Wallis nehmen es die Weinbauern mit dem Einsatz von Pestiziden nicht so genau. Damit wird der Gewässerschutz torpediert.

Chemiedusche: Ein Helikopter besprüht oberhalb von Siders VS die Reben gegen Ungeziefer und Pilzbefall. (3.August 2016)

Chemiedusche: Ein Helikopter besprüht oberhalb von Siders VS die Reben gegen Ungeziefer und Pilzbefall. (3.August 2016) Bild: Alessandro della Valle/Keystone

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Ein Bericht der Denkwerkstatt Vision Landwirtschaft legt offen, dass der Einsatz von Chemieduschen von speziellen Helikoptern in den Rebbergen zwar effizient, aber ungenau ist. Die Pestizide würden nicht nur auf den Reben verteilt werden, sondern auch auf Strassen, an Waldrändern und in Bächen. Der Mindestabstand von 20 Metern würde systematisch missachtet werden, heisst es im Bericht.

Der «Kassensturz» von gestern hat sich dieses Themas angenommen. Der Reporter der SRF-Sendung begab sich ins Wallis und fand beim Bach Tsatonire in Savièse Spuren von illegalen Gifteinsätzen. Abgestorbene Pflanzen wiesen unmittelbar beim Gewässer darauf hin, wobei die Reben direkt am Bach standen. Dabei müsste ein drei Meter breiter Grünstreifen frei von Pestiziden sein.

«Das ist überhaupt nicht gut»

«Dass hier übermässig Pestizide eingesetzt werden, bestätigt auch ein Bericht des eidgenössischen Wasserforschungsinstituts Eawag», berichtete der «Kassensturz». Das Institut habe die Tsatonire ein halbes Jahr lang untersucht und 64 unterschiedliche Pestizide gefunden. Einige in Konzentrationen, die sogar über dem gesetzlich zugelassenen Höchstwert liegen würden.

Ein Weinbauer wurde auf die Pestizideinsätze angesprochen. Dass diese in den Bach gelangen würden, fände er «nicht gut, überhaupt nicht gut; aber es ist halt so». Eine Alternative zum Chemieeinsatz sähe er nicht. Entweder müsse er die Reben entlang des Baches ausreissen oder auf die Chemie verzichten.

Kontrollen genügen nicht

Vision Landwirtschaft kritisiert diese Gesetzesverstösse seit vier Jahren, geändert hat sich kaum etwas. In der TV-Sendung räumte Stéphane Emery von der Dienststelle für Landwirtschaft des Kantons Wallis ein, dass auf verschiedenen Parzellen in Rebbergen die Schutzstreifen zu Bächen fehlten und Pestizide illegal angewandt würden. Er sagte zudem, dass die Kontrollen nicht genügen würden. «Zurzeit werden die Kontrollen von einer externen Stelle ausgeführt. Wir müssen leider feststellen, dass diese Kontrollen nicht reichen, um auf diese illegalen Praktiken aufmerksam zu machen.»

Emery versprach Verbesserung: Man wolle die Parzellen entlang der Bäche besonders genau kontrollieren. Im Falle eines Verstosses sollen Sanktionen ergriffen werden. Diese würden in diesem Jahr oder spätestens 2018 durchgeführt.

Nicht nur im Wallis ein Problem

Das Problem mit dem Gifteinsatz betrifft aber nicht nur das Wallis. So hält ein Bericht der Eawag fest, dass im Eschelisbach bei Güttingen TG am Bodensee 89 verschiedene Pestizide gefunden wurden. Roman Wiget, Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Wasserwerke Bodensee-Rhein, sorgt sich um die Schweizer Gewässer: «Die Pestizidbelastung des Trinkwassers durch die Landwirtschaft gehört zurzeit zu den grössten Bedrohungen des Trinkwassers.»

Eine Karte des Bundesamtes für Umwelt fasst die kritischen Befunde zusammen. Rund 70 Prozent der Messstellen im landwirtschaftlich intensiv genutzten Mittelland hätten Rückstände von Pestizidabbauprodukten in Konzentrationen über dem Anforderungswert von Pestiziden, hiess es in der SRF-Sendung. «Die Situation ist darum auch aus unserer Sicht alarmierend und verlangt ein grundsätzliches Umdenken in der Landwirtschaft», erklärte Wiget.

Unerwünschte Stoffe

Zwar seien nach heutigem Stand die gemessenen Stoffe nicht gefährlich, meinte Kurt Seiler, Kantonschemiker des interkantonalen Labors Schaffhausen. «Aber sie kommen doch in recht hohen Konzentrationen vor, und sie sind sicher unerwünscht im Trinkwasser.»

Problematisch sei ausserdem die Tatsache, dass sich diese Abbauprodukte im Boden anreichern. Selbst wenn man jetzt auf diese Wirkstoffe verzichten würde, hätte man noch während Jahren und Jahrzehnten Auswaschungen ins Grundwasser, gab Seiler zu bedenken.

(fal)

Erstellt: 07.06.2017, 15:24 Uhr

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