Derwische, Eritreer und der «xenophobe Anfall»

Sylvia Flückiger gilt als Hinterbänklerin. Ab und zu aber lässt sich die SVP-Nationalrätin den Kopf verdrehen – und sorgt mit ihren Einwänden für heftige Reaktionen.

Fürchtet sich um die Schweizer Grundwerte: SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni.

Fürchtet sich um die Schweizer Grundwerte: SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni. Bild: Keystone

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Alle feierten vor einer Woche die Ingenieursleistung am Gotthard – nur die SVP nörgelte. Endlich wurde die Schweiz international wieder bewundert und gelobt – und doch konnte ausgerechnet die Partei der Patrioten den Moment des Triumphs nicht recht geniessen. Schuld an der verschnupften Stimmung war die künstlerische Inszenierung zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels. Für die SVP war das Spektakel nur eines: Steuergeldverschwendung.

Der Unmut gipfelte in einer Frage an die höchste politische Instanz. Vom Bundesrat wollte die Aargauer SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni wissen, ob er die Sorgen der Bevölkerung teile, dass mit den tanzenden Derwischen «unsere Grundwerte verraten werden». Denn diese bedeuteten gemäss der Enzyklopädie des Islam eine Form der Annäherung an Allah. Diese Darbietung sorgte bei Sylvia Flückiger für Unmut: Tanz am Gotthard-Fest.

Damit hatte die Partei doch noch die Nadel im Heuhaufen gefunden, anhand derer sie sich über die Eröffnungsshow beschweren konnte. Dass das Sprichwort in diesem Fall besonders passend ist, machte die nüchterne Antwort des Bundesrats klar: «Die künstlerische Inszenierung mit dem Leitbild Mythos Gotthard bedient sich ausschliesslich an Figuren und Sagen, die der Alpenkultur entstammen. Bei den angesprochenen Figuren handelte es sich nicht um Derwische, sondern um tanzende Heuhaufen.»

Sie war nicht vor Ort

Flückiger-Bänis Einwurf ist umso erstaunlicher, als sie selbst wegen ihres Geburtstags gar nicht an der Eröffnungsfeier war. Daher kann sie sich gegenüber der NZZ auch nicht mehr so genau erinnern, wie sie den Derwischen auf die Schliche gekommen ist. Doch es ist nicht das erste Mal, dass es die Aargauerin anstösst: Bereits vor einem Jahr sorgte sie mit der Aussage für Aufsehen, eritreische Flüchtlinge machten zu Tausenden Ferien in ihrem Heimatland. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) relativierte damals: Vorläufig Aufgenommene und Asylsuchende verwirkten ihr Bleiberecht, wenn sie in die Heimat reisten. Das SEM erhalte jährlich 20 Verdachtsmeldungen.

Aus Flückiger-Bänis Perspektive waren aber beide Interventionen erfolgreich: Ihre Eritreer-Aussage wurde letzten Sommer heiss diskutiert, das SEM geriet in Erklärungsnot, die Kantone stritten mit dem Bund über Auslandsreisen von Asylsuchenden – und der Verdacht, Eritrea sei gar nicht der schlimme Unrechtsstaat, als den die Flüchtlinge ihn darstellen, stand nun im Raum. Der Wahlkampf war eröffnet. Auch jetzt wieder: Sogar die ausländische Presse berichtet über die vermeintlichen Derwische am Gotthard. Die SVP kann damit die Angst vor einer islamischen Unterwanderung der Schweiz nähren. Und gleichzeitig die Kultursubventionen geisseln, die ihr ohnehin unnötig und zu hoch erscheinen. Zwei Fliegen auf einen Schlag.

Allein: Flückiger-Bäni hat sich bisher weder als Kultur- noch als Migrationspolitikerin hervorgetan. Aargauer Ratskollegen glauben deshalb, die unredigierte Handschrift der Parteileitung in ihren Verlautbarungen wiederzuerkennen. Es sei teilweise offensichtlich, dass sie auch ihre Voten im Rat nicht selbst verfasst habe, heisst es hinter vorgehaltener Hand. Nach achteinhalb Jahren im Parlament gilt die Holzunternehmerin denn auch eher als Hinterbänklerin. In ihren Vorstössen sorgt sie sich etwa darum, dass «uns Kriminaltouristen auf der Nase herumtanzen», um die «Psychiater-Schwemme» in der Schweiz oder um die «Bevormundung bei der Ernährung der Bevölkerung». Vor allem aber macht sich die Präsidentin des Verbands Holzwirtschaft Schweiz für ihre Branche stark.

Die Reaktion des Regisseurs

In der Zwischenzeit hat sich auch Regisseur Volker Hesse erstmals zur Kritik an seinem Stück geäussert: In einem Interview mit der NLZ und dem «St. Galler Tagblatt» bezeichnete er Flückiger-Bänis Reaktion als «armseliges Herumkeifen». Und erläuterte seine Absicht hinter den ekstatisch tanzenden Figuren: Er habe das Ausser-sich-Sein beschreiben wollen – «dazu dienen die Drehungen der Derwische und der Heuhaufenfiguren». Diese Tänze, die nun als fremde arabische Einflüsse dargestellt würden, seien elementar menschliche Ekstaseformen. «Jedes Kind weiss, dass man in einen anderen Zustand gerät, wenn man sich lange um sich selbst dreht.» Es sei völlig legitim, wenn seine Show arabische kulturelle Assoziationen enthalte. «Ich bin der festen Überzeugung, dass archaische Kulte sich in verschiedenen Kulturen berühren.» Er habe allerdings nicht damit gerechnet, «dass einige Zuschauer deswegen xenophobe Anfälle kriegen würden».

Derwische oder Heuhaufen? Bilden Sie sich selber ein Urteil – und vergleichen Sie die Tanzformen in den Videos:

Tanzende Derwische:

Tanzende Heuhaufen:

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.06.2016, 16:08 Uhr

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