Detective Harry Bosch wechselt die Seite

Krimi der Woche: In «Ehrensache» von Bestsellerautor Michael Connelly ermittelt der unfreiwillig in Rente gegangene Detective Harry Bosch in Los Angeles für einen Anwalt.

Zwei seiner Romane wurden fürs Kino verfilmt: Michael Connelly. (Bild: Droemer Knaur/©Philippe Matsas/Agence Opale)

Zwei seiner Romane wurden fürs Kino verfilmt: Michael Connelly. (Bild: Droemer Knaur/©Philippe Matsas/Agence Opale)

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Der erste Satz
Ellis und Long waren vier Wagenlängen hinter dem Motorrad auf dem Ventura Boulevard.

Das Buch
«Ehrensache» ist der 18. Roman der populären Reihe von Michael Connelly um den Ermittler Harry Bosch in Los Angeles, einer der bekanntesten Polizeiromanserien; der deutsche Verlag spricht vom «20. Fall für Harry Bosch», da der Detective auch in zwei Romanen der kleinen Reihe mit dem Anwalt Mickey Haller als Hauptfigur auftritt. Haller ist ein Halbbruder von Bosch, und er hat auch in «Ehrensache» eine gewichtige Rolle. Denn Bosch ist von der Polizei unfreiwillig in Rente geschickt worden und widmet sich nun der Restaurierung einer alten Harley Davidson. Keine echte Aufgabe für einen passionierten Ermittler wie Bosch. Weshalb er sich trotz schwerer Bedenken, gegenüber seinen alten Kollegen zum Verräter, zu «einer Jane Fonda», zu werden, von Haller dazu bewegen lässt, für ihn zu arbeiten.

Es geht um einen äusserst brutalen Mordfall in Los Angeles und den aufgrund von DNA-Spuren inhaftierten Verdächtigen. Haller ist überzeugt, dass der Mann unschuldig ist und ihm der Mord angehängt wurde. Bosch fallen bei der Durchsicht der Akten rasch gewisse Ungereimtheiten auf. Doch er will nicht in erster Linie den Verdächtigen entlasten, sondern vor allem den oder die wirklichen Täter überführen. Wer immer das auch ist.

Bosch ist ein Grübler und Zweifler. Und ein Moralist, immer auf der Suche nach Gerechtigkeit. Michael Connelly entwickelt die Geschichte gekonnt wie immer, zieht mit seinem sympathischen Helden die Leser geschickt, aber ohne faule Tricks, in die ebenso harte wie spannenden Geschichte hinein.

Manche Kriminalromanreihen bringen den Helden, den die Leser lieb gewonnen haben, immer wieder auf die gleiche Art zu Papier und lassen ihn einfach einen weiteren Fall lösen. In den besseren Serien erleben wir eine Entwicklung des Helden, die sich durch die Bände zieht, und der Protagonist sieht sich auch immer wieder nicht nur durch einen neuen Fall herausgefordert, sondern auch, sowohl beruflich wie privat, durch ganz neue Situationen. Die Bosch-Romane gehören zu Letzteren.

«Ehrensache» lässt sich gut einzeln lesen. Wer die Serie und vielleicht auch weitere Werke Connellys kennt, bekommt aber sozusagen als Bonus nicht nur die romanübergreifende Geschichte der Protagonisten dazu, sondern immer wieder auch die eine oder andere amüsante Anspielung. Zum Beispiel erregt der Auftritt des Anwalts Haller vor Gericht im Roman besondere Aufmerksamkeit, weil er bekannt sei, seit einer seiner Fälle verfilmt worden sei. Connelly spielt da auf die erfolgreiche Verfilmung seines ersten Haller-Romans «The Lincoln Lawyer» an.

Die Wertung

Der Autor
Michael Connelly, geboren 1956 in Philadelphia, entdeckte während seiner High-School-Zeit in Florida die Romane von Raymond Chandler und wollte daraufhin auch Autor werden. Er studierte Journalismus und kreatives Schreiben an der University of Florida in Gainesville und arbeitete dann als Reporter in Florida. 1986 publizierte er mit zwei Kollegen eine Serie über die Überlebenden eines Flugzeugsabsturzes in Florida, für welche die Autoren für den Pulitzer-Preis nominiert wurden. Als Folge davon wurde Connelly Polizeireporter bei der renommierten «Los Angeles Times». 1992 publizierte er den ersten Roman um den LAPD-Detective Hieronymus «Harry» Bosch, woraus eine höchst erfolgreiche Serie wurde, die inzwischen 20 Bände umfasst, wovon bisher 18 auf Deutsch erschienen sind; zudem tritt Bosch auch in zwei Romanen der fünfteiligen Serie um Rechtsanwalt Mickey Haller («The Lincoln Lawyer») auf. Mit «Der Poet» schuf Connelly 1996 einen herausragenden Serienkillerroman, bevor dieses Sujet populär wurde; die FBI-Ermittlerin Rachel Walling aus diesem Roman trat in der Folge als Nebenfigur auch in mehreren Bosch-Romanen auf. Connelly wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet. Zwei seiner Romane wurden fürs Kino verfilmt: «Blood Work» 2002 von Clint Eastwood und «The Lincoln Lawyer» 2011 mit Matthew McConaughey als Mickey Haller. Seit 2014 produziert Amazon die TV-Serie «Bosch», die auf Connellys Romanen basiert. Michael Connelly lebt mit seiner Familie in Kalifornien und Florida.

Michael Connelly: «Ehrensache» (Original: «The Crossing», Little, Brown and Company, New York, 2015). Aus dem Englischen von Sepp Leeb. Droemer, München, 2018. 410 S., ca. 30 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2018, 15:05 Uhr

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