«Die AHV erhält nur Brosamen»

Andreas Dummermuth, Präsident der kantonalen Ausgleichskassen, kritisiert, dass immer mehr Ärzte, Anwälte und Architekten Firmen gründen, um Sozialabgaben zu sparen.

«Es findet eine Flucht aus der Solidarität statt», sagt Andreas Dummermuth. Im Bild Spazierstöcke für Senioren. Foto: Urs Jaudas

«Es findet eine Flucht aus der Solidarität statt», sagt Andreas Dummermuth. Im Bild Spazierstöcke für Senioren. Foto: Urs Jaudas

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Das Umlageergebnis der AHV lag vergangenes Jahr mit minus 766 Millionen Franken im tiefroten Bereich. Sind Sie alarmiert?
Das Ergebnis entspricht unseren Erwartungen: Die AHV ist aus dem Gleichgewicht geraten, weil es mehr Rentenbezüger gibt, die zudem länger leben. Aber es gibt auch ein Problem auf der Einnahmenseite: Der Grund ist die zunehmende Verschiebung vom Lohnbezug zur Dividendenausschüttung. Dies ist auch eine Folge der Unternehmenssteuerreform (USR) II, die dafür einen steuerlichen Anreiz schuf und uns Ausgleichskassen grosse Sorgen beschert.

Vor einigen Jahren sagten Sie, dass die AHV deswegen ausbluten könnte. Ist das eingetroffen?
Es findet eine Flucht aus der Solidarität statt. Allein im kleinen Kanton Schwyz wurden von 2007 bis 2011 über 3,7 Milliarden Franken an Dividenden ausgeschüttet. Und darauf muss man kaum Sozialabgaben bezahlen. Bei Dividendenausschüttungen erhält die AHV nur Brosamen. So kann jemand gezielt in seiner eigenen Firma einen lächerlich tiefen Lohn beziehen und sich dafür eine umso höhere Dividende auszahlen.

 «Wir sind ein reiches Land, aber ein Teil des Reichtums wird überhaupt nicht mehr der AHV zur Verfügung gestellt.»

Aber Optimieren ist doch nicht verboten.
Das meine ich auch, aber dennoch muss die Ausgleichskasse jeden Monat den ­Eltern und Grosseltern eines «Optimierers» Renten auszahlen. Wenn unsere Gesellschaft erlaubt, dass man frei zwischen Lohn und Dividenden wählen kann, dann ist ja klar, was passieren wird: Wir sind ein reiches Land, aber ein Teil des Reichtums wird überhaupt nicht mehr der AHV zur Verfügung gestellt.

Aus Ihrer Sicht ist dies ein Systemfehler?
Ja. Seit 1948, als die AHV eingeführt wurde, gab es eine unbegrenzte Beitragspflicht auf Erwerbseinkommen. Dies sicherte lange Zeit eine ergiebige ­Finanzierung der AHV. Das Problem sind heute vor allem Ein-Mann- und Kleinst-AGs. Berufsgruppen wie Ärzte, Anwälte und Architekten machen sich einen Volkssport daraus, eine GmbH zu gründen, um mehr Dividenden und ­weniger Lohn beziehen zu können. Wir haben das teuerste Gesundheitssystem Europas, und dann entziehen sich sogar Ärzte der Solidarität. So wird ein System von innen ausgehöhlt.

«Der Staat weiss sehr wohl, wie viel an Dividenden ausbezahlt wird. Doch die Ausgleichskassen erhalten leider keinen Zugang zu diesen Zahlen.»

SGB-Chefökonom Daniel Lampart schätzt, dass der AHV so jährlich bis zu 250 Millionen Franken entgingen.
Schätzungen bleiben Schätzungen. Hier sind für mich die Wirtschaftsfakultäten der Schweiz gefordert. Es wäre ein wichtiges Forschungsthema, dass man anhand der Steuerdaten das Verschieben weg vom Lohn hin zur Dividende und die Auswirkungen auf die Finanzierung der sozialen Sicherheit aufarbeiten könnte. Für solche Forschung leistet sich unser Land ja derartige Fakultäten.

Im Kanton Schwyz ist die Höhe der Dividendenbeiträge bekannt. Warum ist es nicht möglich, diese Beiträge auch schweizweit zu eruieren?
Der Staat respektive die Steuerämter wissen sehr wohl, wie viel an Dividenden ausbezahlt werden. Doch die Ausgleichskassen erhalten leider keinen Zugang zu diesen Zahlen. Uns sind nur die sozialabgabepflichtigen Geldströme, also die Erwerbseinkommen, bekannt. Es ist ein Gebot der Stunde, dass auch bei den ­Dividenden endlich Transparenz geschaffen wird.

«Könnten wir den Abfluss vom Lohn hin zu den Dividenden stoppen, dann wären die Beitragsprobleme bei der AHV entschärft.»

Alleine die 30 grössten Schweizer Publikumsgesellschaften werden dieses Jahr 39 Milliarden Franken an Dividenden ausschütten. Liesse sich damit die AHV sanieren?
Das ist aus meiner Sicht sonnenklar. Könnten wir den Abfluss vom Lohn hin zu den Dividenden stoppen, dann wären die Beitragsprobleme bei der AHV entschärft. Nur zum Vergleich: Im Jahr 2015 betrug das AHV-Beitragssubstrat oder die gesamte in der Schweiz ausbezahlte Lohnsumme rund 350 Milliarden Franken. Damit wurden 30,4 Milliarden Franken AHV-Beiträge eingenommen. Ich verstehe nicht, warum wir nicht zuerst die sehr wenigen Privatpersonen, die überhöhte Dividenden bekommen, stärker belasten. Der Gesamtheit der Schweizer Bevölkerung und der Wirtschaft werden ja auch höhere Lohnbeiträge oder eine höhere Mehrwertsteuer zugemutet.

Wie soll das politisch umgesetzt werden?
Die Konferenz der kantonalen Ausgleichskassen hat wiederholt auf den unerwünschten Effekt der Unternehmenssteuerreform II hingewiesen. Und wir hoffen nun, dass die AHV bei der Neuauflage der kürzlich an der Urne abgelehnten Unternehmenssteuerreform III nicht vergessen wird.

Erstellt: 06.04.2017, 23:20 Uhr

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Andreas Dummermuth


Der Präsident der Konferenz der kantonalen Ausgleichskassen ist auch Geschäftsleiter der Schwyzer Ausgleichskasse.

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