Die Alpen als Ideologie

Die Verehrung der eisbedeckten Schweizer Berge gehört zum Pflichtprogramm konservativ-reaktionärer Patrioten. Trotzdem lässt sie der Gletscherschwund kalt.

Weisse Blachen auf dem Rhonegletscher sollen das Abschmelzen verlangsamen. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Weisse Blachen auf dem Rhonegletscher sollen das Abschmelzen verlangsamen. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Wie ist es möglich, dass gewisse Patrioten nur ein Auge haben für die Erhabenheit des Matterhorns und keines für die Schwindsucht des Aletschgletschers? Diese Frage stellte sich auf dem hoch über Brig gelegenen Foggenhorn. Im Süden hat der Wanderer den berühmtesten Berg und im Norden den bekanntesten Gletscher des Landes im Blick.

Im letzten Jahrhundert hat das «Horu» zusätzlich zur konkret touristischen Bedeutung eine symbolische bekommen. Es steht für die Schweizer Alpen und verkörpert die ganze Nation. In seiner im Chronos-Verlag erschienenen Dissertation «Bergbild und Geistige Landesverteidigung» hat Dominik Schnetzer insbesondere am Beispiel des Matterhorns und des Gotthards illustriert, wie sich das Alpenbild zwischen 1900 und 1940 als das Schweizbild durchgesetzt hat. Aus der Geografie allein lässt sich das nicht erklären. Die Schweiz ist nicht das einzige Alpenland, aber das einzige, in dem es zu einer identitätsstiftenden Verknüpfung von Berg und Nation gekommen ist.

Sakralisiertes «Schweizer Alpenland»

Um 1900 traf das gesellschaftliche Bedürfnis nach einer idyllischen Alternative zur urbanen Moderne auf die massenmediale Wende zum Bild. In der Schweiz war die Bergwelt von Anfang an das stärkste Motiv in den Filmen und in den Illustrierten. Mit der Schweizer Fahne im weissen Schnee, den Berggrenadieren in den Felsen und dem Kreuz auf dem Gipfel wurde sie zum «Schweizer Alpenland» sakralisiert.

Ihren Höhepunkt fand die Verbindung von Alpenmythos und Nationalismus in der Geistigen Landesverteidigung der 30er-Jahre. Deren konservativer Vordenker Philipp Etter wies dem Gotthard die Schlüsselrolle des «heiligen Berges» zu, der zugleich «Herz der Schweiz» und «Mitte des Abendlandes» ist. An die Stelle der liberalen Bundesstaatsgründer von 1848 traten die ewigen Alpen. Diese hatten zwar bereits in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts und in Schillers «Wilhelm Tell» im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle für das Fremdbild und das eigene Selbstverständnis gespielt. Aber aus einem Argument für individuell-liberale Freiheiten wurden sie zu einem für die kollektiv-nationale Unabhängigkeit. Der Zürcher Literaturprofessor und Generalstabs­oberst Karl Schmid sagte 1939 in Abgrenzung zu Schillers «Tell»: «Uns ist es wichtiger, dass er von den Bergen herniedersteigt in genagelten Sohlen, als dass er die Sprache der Menschenrechte spricht.»

Seit gut 200 Jahren besteht der Dauerauftrag der Konservativen und erst recht der Reaktionären darin, vor dem Zerfall von Gesellschaft und Staat zu warnen. Und jetzt, wo der dramatische Rückgang der Gletscher das Auftauen des Permafrosts ankündigt, verdrängen oder verharmlosen sie die Zerfallserscheinungen in den Bergen. So weisen sie darauf hin, dass es zur Römerzeit und im Hochmittelalter schon mal wärmere Zeiten und kürzere Gletscher gegeben habe. Dabei übersehen sie, dass die Klimaerwärmung der letzten Jahrzehnte viel schneller und weltweit synchroner abläuft, als das jemals passiert ist. Weiter beschwichtigen sie mit dem Argument, dass in den Alpentälern noch um 1800 der Vormarsch der Gletscher Grund zur Sorge gewesen ist. Tatsächlich ging damals die sogenannte Kleine Eiszeit, die etwa drei Jahrhunderte gedauert hatte, zu Ende. Bei den Gletschern wirken sich Klimaveränderungen häufig mit grosser Verzögerung aus.

Ideologie statt Geologie

Die patriotischen Alpenverehrer können die realen Gefahren, die unseren Bergen und Tälern drohen, nicht wahrnehmen, weil ihre Alpen primär etwas Ideologisches und nicht etwas Geologisches sind. Die «Schweizer Alpen im Kopf» (Schnetzer) erleben keine Veränderung, auch keine des Klimas. Zudem wollen sie das Verschwinden der Gletscher oder die Felsstürze am Matterhorn nicht wahrnehmen, weil ihre reale Lebensführung konkrete Einschränkungen, beispielsweise bei der Automobilität, nicht zulässt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2015, 22:55 Uhr

Der Historiker und freie Autor Josef Lang, Jahrgang 1954, war von 2003 bis 2011 Nationalrat der Grünen.

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