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Die «Amour fou» der Romands für den Circus Knie

Der St. Galler Zirkusfamilie wird in der Westschweiz der rote Teppich ausgerollt. Sogar ein Platz ist nach ihr benannt.

Philippe Reichen, Lausanne
Kulturexporte aus der Deutschschweiz haben es gewöhnlich nicht leicht, sich in der Westschweiz durchzusetzen. Nicht so der Circus Knie. Foto: Gérald Bosshard
Kulturexporte aus der Deutschschweiz haben es gewöhnlich nicht leicht, sich in der Westschweiz durchzusetzen. Nicht so der Circus Knie. Foto: Gérald Bosshard

Ein zwei Stunden dauernder Steigerungslauf ist das Programm des Circus Knie. Ein Warmlaufen hat das Premierenpublikum in Lausanne nicht nötig. Die Zuschauer sind ab der ersten Sekunde in Festlaune. Ihr Enthusiasmus klingt nicht ab.

Der Circus Knie und die Romands: Das ist eine «Amour fou». In neun Westschweizer Städten gastiert der Knie. Für fast einen ganzen Monat steht sein Zirkuszelt in Genf am prominentesten Ort: auf dem Plainpalais, mitten im Stadtzentrum. Das Städtchen Aigle hat sogar einen Platz nach dem Zirkus benannt: die Place Knie.

In Lausanne weiden die Pferde des Knie auf dem Rasen des Strandbads La Bellerive und baden im Genfersee. Als der Knie noch Elefanten mitführte, badeten auch sie im See. Um die Tiere bei der Körperpflege zu beobachten, strömten selbst an Wochentagen jeweils Hundertschaften am Seeufer zusammen.

Dieser Enthusiasmus erstaunt. Kulturexporte aus der Deutschschweiz haben es gewöhnlich nicht leicht, sich in der Westschweiz anzupassen und durchzusetzen. Dass der Zirkus aus dem Kanton St. Gallen stammt, scheint niemanden zu interessieren.

Hemmungslose Romands

«Der Knie ist ein nationales Monument. Ich ging als Kind stets in den Knie und träumte schon zu Hause davon, dass mich die Artisten für eine Nummer in die Manege bitten», erinnert sich der Stadtpräsident Grégoire Junod in seiner Rede zum 100. Geburtstag des Zirkus. Worauf sich der Stadtpräsident schon in Kindheitstagen freute, beobachtet Zirkusdirektor Fredy Knie seit Jahrzehnten. «Die Westschweizer haben vor Spontanauftritten in der Manege keine Hemmungen, wohingegen die Deutschschweizer in der Regel reservierter sind», sagt er.

Es ist der einzige, kleine Unterschied, den er nach vielen Fragen und intensivem Nachdenken zwischen der Deutsch- und Westschweiz auszumachen vermag. Auch das Geschäft läuft in beiden Teilen ähnlich. Zahlen gibt der Zirkusdirektor keine heraus. In der Romandie betrage die Auslastung 80 Prozent, sagt er. Damit scheint er zufrieden zu sein.

Wenn der Zirkusdirektor das Wort ergreift, spielt die Sprache eine Rolle: Fredy Knie (Mitte) bei der Premiere in Zürich. Foto: Dominique Meienberg
Wenn der Zirkusdirektor das Wort ergreift, spielt die Sprache eine Rolle: Fredy Knie (Mitte) bei der Premiere in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

«Wir kennen keinen Röstigraben. Den gibt es bei uns schlicht nicht», versichert Fredy Knie. «Bei uns wird nicht über Religion und Politik gesprochen, daher entstehen keine Probleme», wirft sein Enkel Ivan ein. Fredy Knies Frau ist Neuenburgerin. Er lernte sie einst auf einer Tournee kennen. Der St. Galler spricht fliessend Französisch und das nahezu akzentfrei, auch in seinen Reden in der Manege. Wenn der Zirkusdirektor am Ende der Vorstellung das Wort ergreift, ist es einer der wenigen Momente im Programm, in denen die Sprache eine Rolle spielt. Das, sagt Fredy Knie, sei natürlich entscheidend.

Das Programm sei in allen Landesteilen dasselbe, ausser bei den Clownnummern. Vincent Kucholl und Vincent Veillon ersetzen in der Westschweiz ihre Deutschschweizer Kollegen Viktor Giacobbo und Mike Müller.

Als Künstler in der Knie-Manege geht für Vincent Kucholl (rechts neben Vincent Veillon) ein Traum in Erfüllung. Foto: Keystone
Als Künstler in der Knie-Manege geht für Vincent Kucholl (rechts neben Vincent Veillon) ein Traum in Erfüllung. Foto: Keystone

Die Komiker Kucholl und Veillon sind es denn auch, die in der Manege an die Herkunft des Zirkus erinnern. In den Uniformen der Aufpasser und Platzanweiser beginnen sie in breitestem, zackigem Deutschschweizer Französisch das Publikum zu instruieren und zu disziplinieren und streuen hie und da ein Mundartwort ein. Der Witz mit dem militärisch auftretenden Deutschschweizer funktioniert immer, auch im Circus Knie.

Die Liebe zum Circus Knie, davon weiss Komiker Vincent Kucholl aus Kindheitstagen eine Menge zu erzählen. Er wuchs in Yverdon-les-Bains auf, wo der Knie stets Halt macht. Seine Mutter nahm ihn seit jeher zur sonntäglichen Abendvorstellung vor dem Feiertag «Jeûne Fédéral» mit. Der nächste Tag war jeweils schulfrei. Kucholl konnte ausschlafen und ging zurück zum Zirkus, der an diesem Tag jeweils sein Zelt abbrach und weiterzog.

Der Witz mit dem militärisch auftretenden Deutschschweizer funktioniert immer.

Dass er heute als Künstler in der Knie-Manege spielt, damit geht für Vincent Kucholl ein Traum in Erfüllung. Die kindliche Faszination ist ungebrochen. Er sagt: «Wenn du in den Zirkus gehst, siehst du nur das schillernde Spektakel. Wenn du im Zirkus lebst, lebst du mit dem Geruch der Pferdeäpfel, du hast das Sägemehl in der Nase und merkst plötzlich, dass da 250 Leute arbeiten, die Italienisch, Französisch und Polnisch sprechen. Schweizerdeutsch ist nur selten zu hören.» Er habe sich das Zirkusleben ganz anders vorgestellt. Diese Entdeckung sei «schlicht fantastisch».

Für das Finale der Lausanner Premiere erscheinen alle Künstler nochmals in der Manege. Die Begeisterung ist riesig. Im Moment, in dem die Familie Knie erscheint, gibt es Jubel und stehende Ovationen.

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