Dann droht der Schweiz der IT-Shutdown

Der Bund braucht dringend eine neue Software. Das Megaprojekt kostet fast eine Milliarde Franken, doch es harzt und sorgt für Streit.

Die Nervosität beim Bund steigt: Hat er 2025 keine Anschlusslösung parat, könnte in der Verwaltung plötzlich vieles stillstehen. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Die Nervosität beim Bund steigt: Hat er 2025 keine Anschlusslösung parat, könnte in der Verwaltung plötzlich vieles stillstehen. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Sie residieren an allerbester Adresse. Ein Team von IT-Experten des Bundes ­belegt seit Anfang Jahr ein neubarockes Berner Stadtpalais mit repräsentativem Garten gleich gegenüber dem Hotel Bellevue. Schauen die Programmierer aus dem Fenster, blicken sie auf edle ­Limousinen und steif kostümierte ­Portiers.

Doch sie haben nicht viel Gelegenheit, im Luxus ihres Quartiers zu schwelgen. Zu gross ist der Druck – zeitlich und finanziell.

Die Beamten arbeiten an einem der komplexesten und teuersten IT-Projekte, das die Bundesverwaltung je in Angriff genommen hat. Es trägt den ­Namen Superb23. Die Gesamtkosten ­belaufen sich nach Schätzungen von ­Anfang 2019 auf 830 bis 930 Millionen Franken. Das Projekt ist also fast zehnmal grösser als Insieme, die 2012 beerdigte IT-Vision der Eidgenössischen Steuerverwaltung. Und immer mehr Beobachter befürchten, dass es mit Superb23 ein ähnlich böses Ende ­nehmen wird.

«Der Bund muss in den grossen Linien wissen, was er will, bevor er Geld in die Hand nimmt.» Pirmin Schwander, SVP-Nationalrat

Besorgt ist zum Beispiel Pirmin Schwander. Der SVP-Nationalrat gehört der Finanzdelegation an. Jenem parlamentarischen Ausschuss, der die grossen IT-Projekte des Bundes am engsten begleitet. Schwander sagt: «Die wichtigste Lehre aus den letzten grossen IT-Problemfällen bei der Verwaltung ist: Der Bund muss in den grossen Linien wissen, was er will, bevor er Geld in die Hand nimmt. Momentan sehe ich nicht, dass bei Superb23 die notwendige Denkarbeit geleistet wurde.»

Dass die Nervosität in Bern steigt, hat einen einfachen Grund. Ende 2025 lässt der Softwarehersteller SAP jene Standardsoftware auslaufen, auf der heute die meisten Supportprozesse des ­Bundes basieren: Lohnabrechnungen, ­Finanztransaktionen, Beschaffungen, Logistik, Immobilienbewirtschaftung. Kurz: die Vitalfunktionen des Staats­wesens. Hat der Bund 2025 keine ­Anschlusslösung parat, könnte in der Verwaltung plötzlich vieles stillstehen.

Ehrgeizige Pläne, grosse Zweifel

Das Problem ist in Bern seit vier Jahren bekannt. Fast ebenso lange arbeitet man schon an einer Lösung. Doch das Projekt harzt. Das zeigt sich schon daran, dass es Finanzminister Ueli Maurer schwerfällt, die Fristen einzuhalten. ­Ursprünglich wollte der Bundesrat schon im ersten Halbjahr 2018 über die Investition für Superb23 entscheiden. Anfang 2019 schlug Maurer im Bundesrat dann vor, den Kreditantrag im April 2019 ans Parlament zu verabschieden. Dieses Tempo sei «kritisch» für die ­Umsetzung der Programme, argumentierte Maurer im Antrag.

Doch im Bundesrat waren die Zweifel an Superb23 so fundamental, dass Maurer zum Nachbessern gezwungen wurde. Drei Wochen später verständigte sich der Bundesrat darauf, den ­Superb23-Kreditantrag «bis spätestens im November 2019» zu beraten. Auch diese Frist hat Ueli Maurer nun verpasst.

Wann die Vorlage für das Parlament wirklich reif ist? Erst im Frühling, glauben mehrere Parlamentarier. Im Finanzdepartement (EFD) ist man ehrgeiziger: «Aller Voraussicht nach» werde der ­Bundesrat den Kredit noch dieses Jahr ­behandeln, schreibt ein Sprecher. Also in den nächsten Wochen.

Hochkomplex ist zudem die Einbettung von Superb23 in die übrige IT-Landschaft der Bundesverwaltung. 

Ursache der Verzögerungen sind zum einen die gigantischen Dimensionen des Projekts. Dereinst sollen 800 bis 1000 verschiedene Fachapplikationen auf dem neuen System laufen. Hochkomplex ist zudem die Einbettung von Superb23 in die übrige IT-Landschaft der Bundesverwaltung. Sie befindet sich in permanenter Mutation, weil viele grosse IT-Reformen derzeit parallel ­ablaufen. Damit steigt nicht nur der ­Koordinationsbedarf, sondern auch das ­Risiko für Kostenüberschreitungen.

Daneben gibt es aber im Bundesrat und im Parlament auch grundlegende Zweifel an Superb23 selbst, also an den Konturen und Zielen des Programmes. Umstritten ist etwa der Entscheid, als Ersatz für die auslaufende SAP-Supportsoftware zwei parallele Systeme auf dem neueren SAP-Standard aufzubauen. Ein System für die zivile Verwaltung (Kostenpunkt: 450 bis 480 Millionen Franken). Ein zweites für rund 380 bis 450 Millionen Franken für die ­Armee, welches im Krisenfall abgekoppelt und unabhängig betrieben und genutzt werden könnte.

Harte Kritik der Aufsicht

Die Entscheidung für zwei parallele Systeme überzeugt Franz Grüter nicht. «Es leuchtet mir nicht ein, dass das VBS eine eigene, speziell gehärtete Lösung braucht», sagt der IT-Unternehmer und SVP-Nationalrat. Auch in anderen ­Departementen gebe es extrem sensible Informationen, die der Bund unbedingt schützen müsse. Deshalb sollte es reichen, ein System zu bauen. «Das ist günstiger und verursacht weniger Schnittstellenprobleme», so Grüter.

«Die bisherigen Entscheide des Bundesrats überzeugen die Finanzdelegation nicht.»Finanzdelegation

Die einflussreiche Finanzdelegation des Parlaments teilt Grüters Einschätzung. Im Oktober hat sie sich mit einem ungewöhnlich scharf formulierten Brief an den Gesamtbundesrat gewendet. Das Schreiben liegt dieser Zeitung vor. Darin heisst es, dass die Finanzdelegation «weiterhin die Auffassung vertritt, dass der zivile und der Armeeteil in einem einzigen Programm zentral geführt werden müssen».

Die Aufsichtskommission fordert bei Superb23 ganz grundsätzlich eine stärkere Zentralisierung und Harmonisierung. «Die in der Bundesverwaltung stark verankerte departementale Sichtweise darf nicht dazu führen, dass am Ende suboptimale Prozesse mit unnötigen Schnittstellen, technischen Problemen, höheren Kosten und geringeren Leistungen resultieren», schreibt die ­Finanzdelegation. Und resümiert: «Die bisherigen Entscheide des Bundesrats überzeugen die Finanzdelegation nicht.» Man werde diese Haltung auch gegenüber dem Parlament vertreten, das die Investition von 800 bis 900 Millionen Franken dereinst bewilligen muss. Das sind keine guten Vorzeichen für die ­Debatte im Bundeshaus.

«Beide Systeme werden aber eine gemeinsam festgelegte einheitliche Basis, einen sogenannten Prozesskern, aufbauen.»Roland Meier, EFD-Sprecher

In Ueli Maurers Departement relativiert man die Kritik. Der Entscheid für zwei parallele Systeme sei damit erklärbar, dass die zivile Verwaltung und die Armee unterschiedliche Anforderungen an ihre Software hätten, schreibt EFD-Sprecher Roland Meier. «Beide Systeme werden aber eine gemeinsam festgelegte einheitliche Basis, einen sogenannten Prozesskern, aufbauen.» Die Verzögerungen hätten sich ergeben, weil der Umfang des Projektes hätte angepasst werden müssen und weitere Grundlagenarbeiten nötig gewesen ­seien. «Die eigentlichen Arbeiten sind bisher insgesamt im Plan.»

Die Zweifler dürften sich davon kaum überzeugen lassen. Kürzlich hat die Verwaltung ihnen einen neuen Grund für Skepsis geliefert. Superb23 heisst neu nur noch Superb. Das Jahr des ursprünglich beabsichtigten Projektabschlusses wurde still und leise aus dem Projektnamen getilgt.

Erstellt: 08.12.2019, 23:18 Uhr

Bund verlässt das Stadtpalais

Seit fünf Jahren mietet der Bund ein prächtiges Stadtpalais in der oberen Berner Altstadt (Amthausgasse 5 / ­Kochergasse 6). Wo heute die Zentrale des IT-Projektes Superb23 einquartiert ist, sollten gemäss einem Bericht der NZZ ­ursprünglich hohe Gäste des Landes empfangen werden. Doch diese kamen nie.

Stattdessen wurde das Uvek-Generalsekretariat (inklusive Doris Leuthard) während des Bundeshausumbaus hier untergebracht. Im Februar 2020 zieht der Bund nun wieder aus. Grund ist nicht die hohe Miete: Der Mietpreis, rund 440'000 Franken pro Jahr, sei «im marktüblichen Rahmen für repräsentative Räumlichkeiten an dieser Lage», heisst es beim Bund. Man habe einfach keine Verwendung mehr für die Liegenschaft. (lnz)

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