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Die Anleitung zum Bombenbau kam aus St. Gallen

Ein Iraker betrieb aus der Ostschweiz jihadistische Internet-Foren. Er verbreitete Terror-Aufrufe und Anleitungen für Anschläge.

Al-Qaida-Propaganda aus St.Gallen: Ein Iraker betrieb hier Internet-Foren.
Al-Qaida-Propaganda aus St.Gallen: Ein Iraker betrieb hier Internet-Foren.
Gian Ehrenzeller, Keystone

Islamistische Terroristen haben auch aus unscheinbaren Mehrfamilienhäusern in St. Gallen Unterstützung bekommen. Und dies nicht in geringem Mass. Mohammed Abdullah*, ein 51-jähriger Iraker, hat mehrere Jahre lang Jihadisten-Webseiten betrieben, über die sich Hunderte Nutzer austauschten. Zu sehen gab es Propaganda: Reden von Osama Bin Laden und anderer Al-Qaida-Führer, Videos von Enthauptungen und von entstellten Körpern und andere Grausamkeiten.

Die Foren vermittelten aber auch eine Art Online-Lehrgang für Terrorkandidaten: Anklicken und herunterladen liessen sich Anleitungen zum Bau von Sprengsätzen und –gürteln, praktischerweise auch als Filmchen. Forumsmitglieder konnten auch arabischsprachige Tipps zum Minenlegen oder zum Einsatz von Scharfschützen einsehen. Zu lesen gab es auf den Internetseiten, die aus der Ostschweiz verwaltet wurden, wie man eine Terrorzelle gründet und betreibt.

Al-Qaida-Propaganda auf eigener Website

Angefangen haben die Online-Aktivitäten, die nun bestraft werden, im Jahr 2009: Innerhalb eines Dreivierteljahres publizierte der Iraker, der seit Jahren in der Schweiz lebt, rund 470 Beiträge auf dem populären Jihad-Forum «Ansar al Mujahideen». Unter dem Pseudonym «BentBnladn» lud Mohammed Abdullah Al-Qaida-Propaganda hoch, darunter Abbildungen von Selbstmord-Attentätern und jihadistische Gesänge. Einen Scheich fragte er, ob Selbstmordattentate gegen Feinde gerechtfertigt seien. Danach wurde es, was jihadistische Internetaktivitäten angeht, kurze Zeit ruhig um den Flüchtling aus dem Irak. Mohammed Abdullah hatte andere Probleme: Wiederholt hatte er sich an einem Kind sexuell vergangen. Im März 2010 stand er deswegen vor Gericht. Er kam mit einer teilbedingten Geldstrafe von 360 Tagessätzen davon.

Knapp zwei Monate später richtete er sein erstes Jihad-Forum ein. Auf dem Logo des mittlerweile geschlossenen Webseite www.ansar-dawlat-aliraq-alislamyah.net (übersetzt: Unterstützer des Islamischen Staats im Irak) war eine Kalashnikow, ein Koran und eine Flagge der Terrortruppe IS zu sehen. Innerhalb eines Jahres registrierten sich 932 «Unterstützer». Bis Juli 2011 gingen 25'000 Beiträge ein im «Forum für alle Muslime, die den Weg Gottes mit Waffen und Parolen verteidigen». Darin wurde Abu Omar Al-Baghadadi, der heutige IS-«Kalif», verehrt, aber es gab auch Unterforen «Jihad für Frauen» oder «der elektronische Heilige Krieg».

Auf Facebook richtete Abdullah zwei Profile unter seinem richtigen Namen ein. Dort warb er für seine anonym betriebenen Jihad-Foren. Unter einem Pseudonym kaufte der Iraker im Juli 2011 die Internet-Domain «www.abualbukhary.net». Der Server stand in Malaysia. Mit erneuten Anleitungen zum Umgang mit Sprengstoff, Berichten über Terror in Somalia, Pakistan oder im Irak und Rechtfertigungen der Ermordung von Schiiten fand er allerdings weit weniger Zuspruch als zuvor mit der Webseite zur IS-Unterstützung.

Bundesanwaltschaft leitete Strafverfahren ein

Doch die Internet-Aktivitäten fielen den Schweizer Terrorermittler auf. Im Oktober 2012 eröffnete die Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren wegen Unterstützung einer kriminellen Organisation und anderen Vorwürfen. Bei einer Hausdurchsuchung in der Nähe des St. Galler Bahnhofs St. Fiden wurden mehrere Handys, ein Laptop, Speicherkarten, Videokassetten und CDs mit Jihad-Propaganda sichergestellt. Drei Jahre Ermittlungen ergaben allerdings keine Hinweise, dass Mohammed Abdullah ein «Insider» bei Al-Qaida oder beim IS ist. Vielmehr bezeichnet die Bundesanwaltschaft den Iraker als «Outsider», «welcher durch seine Handlungen das von einer kriminellen Organisationen ausgehende Gefährdungspotenzial erhöhte und dies in Kauf nahm».

Die Anleitungen für den Bau von Bomben, Minen und Sprengstoffgürteln hätten «unmissverständlich auf einen verbrecherischen Gebrauch in der Planung terroristischer Anschläge» gezielt. Abdullah muss sich nicht vor Gericht verantworten. Das Verfahren gegen ihn wurde vor Kurzem mit einem bereits rechtskräftigen Strafbefehl abgeschlossen. Der 51-Jährige wurde zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt, die nicht auf Bewährung erlassen wird. Im Strafbefehl, den der TA einsehen konnte, wird die Möglichkeit angedeutet, dass der Iraker zum Vollzug in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen wird. Gemäss einem Gutachten leidet er an mentalen Problemen, die auch seine Schuldfähigkeit leicht verminderten. Der Psychiater attestierte Abdullah eine hohe Rückfallgefahr.

Trotzdem gewährt ihm die Bundesanwaltschaft, wie sie schreibt, eine «letzte Chance». Die Bewährungszeit bei der teilbedingten Geldstrafe wegen sexuellen Handlungen mit einem Kind wird auf viereinhalb Jahre erhöht. *Name der Redaktion bekannt.

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