Die ausgehöhlte Stadt

In Lenzburg werden die ältesten Häuser abgebrochen. Das provoziert die Grundsatzfrage: Reicht es, in geschützten Altstädten nur die Fassaden zu erhalten?

Kompakte Altstadt: Links die Rathausgasse, rechts die Eisengasse. Fotos: Doris Fanconi

Kompakte Altstadt: Links die Rathausgasse, rechts die Eisengasse. Fotos: Doris Fanconi

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Wo vor kurzem noch «s’Himmelrych» war, herrscht jetzt Höllenlärm. Die beliebte Geschenkboutique im Herzen der Lenzburger Altstadt musste schon im letzten Sommer ausziehen. Jetzt werden hier drei aneinandergebaute Häuser ausgehöhlt. Nur die Fassaden erhalten die Illusion von mittelalterlichen Häusern aufrecht. Dahinter wird fast alles zerstört: Wände, Treppen, Balkenlagen, die Hälfte der jahrhundertealten Gewölbekeller, Kachelöfen, die mittelalterlichen Dachstöcke. «Das ist eine Schandtat von nationaler Dimension», sagt der Rechtsprofessor Martin Killias, der den Zürcher Heimatschutz präsidiert, aber in der Lenzburger Altstadt wohnt.

Die drei Häuser waren die ältesten der ganzen Stadt. Erbaut wurden sie 1492. Das war das Jahr, in dem Kolumbus Amerika entdeckte. Dass die drei Häuser derart alt sind, ist das brisante Ergebnis einer Untersuchung der Aargauer Kantonsarchäologie, deren Erkenntnisse bisher nicht öffentlich bekannt wurden.

Die drei ältesten Häuser der Stadt in der Rathausgasse werden derzeit ausgehöhlt. Foto: Doris Fanconi

Erbaut wurden die drei Häuser unmittelbar nach dem grossen Stadtbrand, der 1491 fast das ganze damalige Lenzburg zerstört hatte. «Die drei Häuser waren nach heutigem Wissensstand wohl die einzigen in der Altstadt, die aussen wie innen noch originale Spuren aus dem 15. Jahrhundert aufwiesen», sagt ­Jonas Kallenbach von der kantonalen Denkmalpflege. Einer der Dachstöcke aus Eichenholz stammt zweifellos aus dem Jahr 1492. Auch die tragenden Balken, viele Mauerteile und teilweise sogar die Fensteröffnungen sind aus dem 15. Jahrhundert erhalten. Jünger, aber laut Denkmalpflege ebenfalls erhaltenswert, waren eine Stuckdecke aus dem 18. Jahrhundert, zwei Kachelöfen aus dem 19. Jahrhundert und die spezielle Innenausstattung der Boutique Himmelrych aus den 1950er-Jahren. Laut Kallenbach war die Bausubstanz in gutem Zustand. «Die Häuser waren nicht nur schutzwürdig, sondern auch schutzfähig.»

Potemkinsche Altstadt

Dass diese Häuser nun weitgehend zerstört werden, ist für Killias der Tiefpunkt einer dramatischen Entwicklung. Irgendwann hat er angefangen, Buch zu führen: Auf einem Lenzburger Parzellenplan markierte er all jene Häuser, wo es hinter einer alte Fassade fast nichts Altes mehr gibt. «Von den rund 70 Häusern der Altstadt wurden ungefähr 50 im Innern zerstört – und das in nur einer Generation», sagt Killias. «Lenzburg wird zur potemkinschen Altstadt.» Potemkin war jener russische Feldmarschall, der laut Legende seine Zarin mit Attrappen ganzer Dörfer täuschte.

Definitiv keine Attrappe ist das imposante Schloss Lenzburg, das jedem Auto- und Bahnfahrer bekannt ist. Doch auch das von den Kyburgern gegründete Städtchen hat nationale Bedeutung. Im Bundesinventar der schutzwürdigen Ortsbilder der Schweiz (Isos) hat die Lenzburger Altstadt die höchste Schutzstufe. Das heisst, dass nicht nur ihr ­Charakter und ihre Struktur bewahrt werden sollten, sondern auch ihre Substanz. «Bloss die Fassaden zu erhalten, und die Häuser auszuhöhlen, ist falsch verstandener Denkmalschutz», sagt Oliver Martin, Chef der Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege im Bundesamt für Kultur.

Radikale Neuinterpretation der Stadtmauer an der Lenzburger Eisengasse. Foto: Doris Fanconi

Direkt anwendbar ist das Isos-Inventar aber nicht. Den Schutz gewährleisten müssten die Gemeinden. Und tatsächlich enthält die Lenzburger Bauordnung eigentlich ein Abbruchverbot für die ganze Altstadt. Der Stadtrat kann jedoch Ausnahmen bewilligen, und solche Ausnahmen gab es in den letzten Jahrzehnten oft – so auch für die drei Häuser an der Rathausgasse, wo früher das Himmelrych eingemietet war.

Die kantonale Denkmalpflege wehrte sich gegen ihre Aushöhlung, und auch die Lenzburger Stadtbildkommission kritisierte den weitgehenden Abbruch der drei Häuser. Doch der Stadtrat setzte sich über all diese Widerstände hinweg und erteilte die Baubewilligung trotzdem. Wenigstens machte er dem Bauherrn aber die Auflage, dass die Kantonsarchäologie die Häuser untersuchen durfte, bevor der Abbruch begann. Und so konnten die Archäologen die 525-jährige Baugeschichte der drei Häuser noch dokumentieren, bevor sie in der Schuttmulde landete.

Martin Killias ist derjenige, der die Zerstörung solcher Häuser in Lenzburg am schärfsten kritisiert. Doch er ist nicht der Einzige. Der Ingenieur Hans Peter Moser, der bis vor kurzem für die FDP in der Stadtbildkommission und im Einwohnerrat sass, kritisierte die Bewilligungspraxis des Stadtrats in diesen Gremien ebenfalls. Er sagt, die Qualität und der Charme von Altstadtbauten bestehe gerade im Alten und Unperfekten. «Mit modernen Innenausbauten wird diese Qualität oftmals zerstört, ohne dass die Häuser je den Standard eines Neubaus erreichen», sagt Moser. «Wenn wir in Lenzburg langfristig eine attraktive Altstadt erhalten wollen, müssen wir mit dem noch verbleibenden Altbestand in Zukunft sorgsam umgehen.» Killias versuchte den Schutz der Altstadt über strengere Vorschriften zu erreichen. In seiner Funktion als SP-Einwohnerrat reichte er schon 2014 eine entsprechende Motion ein. Verschiedene Einwohnerräte meinten damals zwar, Killias lege den Finger zu Recht auf einen wunden Punkt. Doch das Problem könne man bei der Totalrevision der Bauordnung angehen, die ohnehin anstehe. Killias’ Vorstoss wurde versenkt.

All das hindert die Stadt nicht daran, bei jeder Gelegenheit ihre «stilvolle Altstadt» zu rühmen.

Das war vor über zwei Jahren. Bis die neue Bauordnung in Kraft ist, werden – im allerbesten Fall – weitere zweieinhalb Jahre vergehen. Bis dahin würden in der Altstadt noch vollendete Tatsachen ­geschaffen, sagt ein ortsansässiger Baufachmann, der nicht namentlich zitiert werden möchte. Denn Lenzburg erlebt derzeit einen Bauboom. Seine Einwohnerzahl ist in den letzten zehn Jahren um 23 Prozent auf 9500 explodiert. Nur 21 Bahnminuten von Zürich HB entfernt, einer guten Infrastruktur und einer — zumindest gegen aussen – charmanten Altstadt ist Lenzburg für Immobilien­investoren attraktiv.

Im Fall der drei ausgehöhlten Häuser an der Rathausgasse ist der Investor ein auswärtiger Architekt und Generalbauunternehmer, der die Liegenschaften ­erworben hat und darin jetzt acht moderne Wohnungen und zwei neue Ladenlokale einbaut. Er wird die drei Häuser sogar über ein gemeinsames Treppenhaus erschliessen – inklusive Lift.

«Eine Neuinterpretation»

Der Stadtrat wehrt sich gegen die Kritik an diesem konkreten Bauprojekt und an seiner generellen Bewilligungspraxis. Man erlaube Aushöhlungen von Altstadthäusern gewiss «nicht leichtfertig», sagt der Bauvorsteher Martin Steinmann (FDP). «Ausser dem Schutz der alten Bausubstanz will der Stadtrat aber auch eine Altstadt, die attraktiv und lebenswert bleibt.» Christoph Schnegg von der Lenzburger Bauverwaltung sagt, die Stadt müsse bei Umbauten auch den Brand- und Schallschutz berücksichtigen. Überhaupt, sagt er, sei «nirgends genau definiert», was Substanzschutz nach Isos genau bedeute. Steinmann und Schnegg zeigen sich überrascht über die Heftigkeit der Kritik, die der Fall Rathausgasse auslöst. Dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet wirft Steinmann vor, sich von Killias und anderen Kritikern instrumentalisieren zu lassen. Schnegg sagt, auch die Stadtbildkommission habe bisher in ähnlichen Fällen keine Einwände gegen die Auskernung von Altstadthäusern ­gehabt. «Dass sich das ­Abbruchverbot auch auf die gesamte ­innere Struktur der Häuser beziehen soll, ist in seiner heute geforderten ­Absolutheit eine Neuinterpretation.»

Stadtrat Steinmann macht geltend, dass der Stadtrat die Bewilligung für Auskernung der drei Häuser auch deshalb nicht verweigern konnte, weil er diesen Bauherrn nicht strenger behandeln konnte als andere vor ihm. Es gehe um «Rechtsgleichheit». Das heisst: Weil man in der Vergangenheit grosszügig Abbruchbewilligungen erteilte, muss man auch weiterhin grosszügig sein.

Tatsächlich machte Lenzburg schon früher mit massiven städtebaulichen Eingriffen Schlagzeilen. So wurde in den 1990er-Jahren am Rand der Altstadt ­sogar eine ganze Häuserzeile abgebrochen. Die entstandene Lücke an der Eisengasse wurde dann durch eine radikale Neuinterpretation der alten Stadtmauer aufgefüllt. Auch dieses Projekt stiess teilweise auf Kritik. Anders als jetzt im Fall Rathausgasse gab es damals von Fachleuten aber Lob für die Ersatzbauten: Die Stadt bekam dafür sogar den Aargauer Heimatschutzpreis 2014.

Alte Fassaden, aber das Innenleben ist oft modern. Foto: Doris Fanconi

Davon ist die Stadt im Fall Rathausgasse weit entfernt. Warum liess der Stadtrat die drei mittelalterlichen Häuser nicht wenigstens untersuchen, bevor er ihre Aushöhlung bewilligte? Schnegg von der Bauverwaltung sagt, dass die Kantonsarchäologie ihre Untersuchung im vorliegenden Fall ohne Baubewilligung gar nicht hätte beginnen können. Denn die Untersuchungen hätten umfangreiche Freilegungsarbeiten bedingt.

Trotzdem scheint die Stadt aus dem Fall gelernt zu haben: Als Reaktion auf die Kritik hat sie ein Merkblatt publiziert. Dieses soll sicherstellen, dass Denkmalpflege und Kantonsarchäologie solche Häuser künftig beurteilen können, bevor die Baubewilligung erteilt ist.

«Fassadismus geht nicht mehr»

Ist Lenzburg überall? Werden Altstädte auch andernorts zur Hollywoodkulisse? Niemand hat den Überblick über die ganze Schweiz. «Der ökonomische Druck auch auf die im Isos verzeichneten Dörfer und Städte ist aber generell gewaltig», sagt Adrian Schmid, Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes. Durch das neue Raumplanungsgesetz, das die Verdichtung postuliert, sei dieser Druck noch gewachsen.

Dass Altstadthäuser ausgehöhlt werden, ist natürlich keine Lenzburger Erfindung. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden Schweizer Altstädte im grossen Stil ausgekernt. Diese Art des Denkmalschutzes sei jedoch passé, sagt Oliver Martin vom Bundesamt für Kultur. «Reiner Fassadismus geht heute nicht mehr.» Das bedeute nicht, dass gar keine Umbauten möglich seien. Mit einem richtig verstandenen Ortsbild- und Denkmalschutz könnten auch alte Gebäude zeitgemäss genutzt werden, sagt Martin. «Ideal ist, wenn Denkmalpflege, Eigentümer und Architekt bei der Erarbeitung eines Umbauprojekts zusammenspannen.» Das ist an der Lenzburger Rathausgasse nicht passiert.

Wie viele Lenzburg gibt es in der Schweiz?

Aufgrund fehlender Daten lässt sich nicht sagen, wie viele Lenzburg es in der Schweiz gibt. Zahlreiche Gespräche, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit Fachleuten führte, verdichten aber den Eindruck, dass es Gemeinden gibt, die mit ihrem historischen Erbe weniger nonchalant umgehen als Lenzburg. Das hat zwei Gründe. Erstens ist der Altstadtschutz in der Lenzburger Bauordnung schwächer verankert als in vergleichbaren Altstädten. Zweitens wurde diese gummige Bauordnung von der Stadt jahrzehntelang auch noch lasch ausgelegt.

All das hindert die Stadt Lenzburg nicht daran, bei jeder Gelegenheit ihre «stilvolle Altstadt von nationaler Bedeutung» zu rühmen – immer dann jedenfalls, wenn nicht gerade wieder ein Haus aus dem Mittelalter abgebrochen wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2017, 19:03 Uhr

«Keine Käseglocke»

Das ISOS-Bundesinventar

Der Fall Lenzburg wirft ein Schlaglicht auf das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS). Im ISOS sind 1274 Weiler, Dörfer oder Städte erfasst, was rund 20 Prozent der Schweizer Ortsbilder entspricht. Jedes Ortsbild ist in Gebiete mit unterschiedlichen Erhaltungszielen unterteilt. Die Lenzburger Altstadt ist in der höchsten Stufe.

Das ISOS ist jedoch keine Schutzverfügung, die direkt wirkt. Die Gemeinden seien aber verpflichtet, das Inventar in ihren Zonenplänen und Bauordnungen zu berücksichtigen, sagt Oliver Martin, Chef der Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege im Bundesamt für Kultur. Entsprechend müssen sie die Anliegen des Ortsbildschutzes, und damit das ISOS, auch bei Bauprojekten beachten. Wenn eine Stadt trotz des geforderten Substanzerhalts etwa den Abbruch eines Hauses erlaube, müsste sie dies «mit übergeordneten Interessen» begründen.

Trotz solcher Einschränkungen sei das ISOS «keine Käseglocke», die Veränderungen ausschliesse, sagt Lukas Bühlmann, Direktor der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung. Er sieht das ISOS vielmehr als Chance, weil es Behörden und Planer für den kulturellen Wert von Einzelbauten und baulichen Ensembles sensibilisiere. (hä)

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