«Das Ausmass der Medi-Versuche in Münsterlingen ist weit grösser»

Jahrzehntelang wurden in der Psychiatrie Münsterlingen Tests mit Medikamenten durchgeführt. Historikerin Marietta Meier über neue erschreckende Zahlen.

Laut der Historikerin Marietta Meier fanden die Medikamentenversuche bis in die 1980er-Jahre hinein statt. Foto: Reto Oeschger

Laut der Historikerin Marietta Meier fanden die Medikamentenversuche bis in die 1980er-Jahre hinein statt. Foto: Reto Oeschger

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Seit einem halben Jahr erforschen Sie und Ihr Team die umstrittenen Versuche an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen TG zwischen 1946 und 1972. Was ist Ihre bisher überraschendste Erkenntnis?
Was uns wirklich überrascht, ist der riesige Umfang an Quellen. Da ist zum einen der Nachlass des Psychiaters Roland Kuhn, der ab 1939 an der Klinik arbeitete und ihr von 1971 bis 1980 als Direktor vorstand. Zum anderen sind es Krankengeschichten und andere Quellen aus der Klinik, die Akten der kantonalen Gesundheitsdirektion, Akten aus der pharmazeutischen Industrie sowie weitere Quellen wie Fachpublikationen oder Presseartikel. Zudem haben wir Zugang zu den Archiven von Thurgauer Erziehungsheimen und Zwangsanstalten. Die Dimension ist wirklich riesig.

Kuhns Nachlass umfasst 50 Meter Aktenordner. Wie verschaffen Sie sich da einen Überblick?
Der Bestand ist riesig und sehr disparat. Also uneinheitlich, unübersichtlich, zum Teil widersprüchlich. Das sieht man besonders gut beim Nachlass Kuhn. Er ist zwar geordnet und gut erschlossen. Aber Kuhns persönliches Ordnungssystem zu durchschauen, ist für uns sehr anspruchsvoll. Wir haben uns deshalb in unserem Fünferteam aufgeteilt und eine Zeitlimite gesetzt: Innert sechs Wochen wollten wir uns einen Überblick über den Nachlass verschaffen.

Jetzt ist der erhoffte Überblick da?
Ja, in Bezug auf die Quellen des Staatsarchivs Thurgau trifft das zu. Aber es gibt noch weitere Archive, die für das Projekt von Belang sind. Man muss es sich als riesengrosses Puzzle mit ganz vielen kleinen Teilen vorstellen.

Was für Überraschungen gab es in Bezug auf den Inhalt?
Was wir schon jetzt sagen können: Die Ausmasse der Medikamentenversuche sind weitaus grösser, als wir erwartet haben. Es waren erstens mehr Patienten betroffen, es wurden zweitens mehr Substanzen getestet, und drittens ist auch der Zeitraum der Medikamentenversuche länger.

Länger als bis 1972? Mit noch mehr Patienten?
Bisher war 1600 Personen die höchste Zahl, die vermutet wurde – doch es sind bestimmt mehr. Es wurden Dutzende Substanzen getestet und zwar bis in die 1980er-Jahre hinein, das heisst, über die Pensionierung von Roland Kuhn hinaus. Er trat 1980 als Klinikdirektor zurück, führte die Versuche jedoch auch nach seinem Rücktritt weiter.

Unter den betroffenen Patienten waren auch Zöglinge des Kinderheims St. Iddazell im Kloster Fischingen. Was wissen Sie bis jetzt über sie?
Wir haben bisher noch nicht viel mit den Krankengeschichten gearbeitet. Es ging vorerst darum, eine höchst komplexe Datenbank zu bauen, um alle zur Verfügung stehenden Informationen auswerten zu können. So wie es aussieht, wird es uns wahrscheinlich nicht möglich sein, die Krankenakten aller betroffener Patienten anzuschauen. Es sind schlicht zu viele. Was sich aber schon jetzt sagen lässt: Die Medikamente – insbesondere die Antidepressiva – wurden nicht nur an stationären, sondern auch an ambulanten Patienten getestet.

Welche Gruppe war grösser?
Das können wir noch nicht sagen. Was jedoch interessant ist: Psychiater Kuhn war der Meinung, die Wirkung von Antidepressiva lasse sich am besten im Alltag testen, das heisst, ausserhalb des geschützten Raums, den ein Klinikaufenthalt bietet. Das könnte uns einen Hinweis darauf geben, dass ambulante Patienten besonders interessant waren.

Waren von den Versuchen, wie von den Medien vermutet, vor allem Heimkinder, Schwererziehbare und Zwangsversorgte betroffen?
Wir vermuten, dass kein bestimmtes Patientenbild betroffen war. Was ich mich hingegen frage: Wo kamen all die als depressiv eingestuften Patienten her, an denen man die Substanzen auf ihre Eignung als Antidepressiva testete? Waren es Patienten, die sich sowieso in der Klinik befanden? Oder waren womöglich gar nicht alle, die potenzielle Antidepressiva bekamen, wirklich depressiv?

Was sind darüber hinaus Ihre wichtigsten Forschungsfragen?
Im Zentrum stehen Fragen nach dem Setting der Versuche: Welche Personen und Institutionen waren beteiligt? Wie viele Patienten waren betroffen? In welchem Rahmen und nach welchen Mustern wurden die Prüfstoffe verabreicht?

Was war eigentlich der Sinn dieser Versuche?
Geprüft wurden Stoffe zur Behandlung psychischer Leiden. Wir alle nehmen Medikamente ein und hoffen, dass sie wirken und möglichst wenig Nebenwirkungen zeigen. Das bedingt aber, dass Medikamente vor der Zulassung geprüft werden, in einem letzten Schritt auch an Patienten. Die Frage ist also nicht, ob Medikamente geprüft werden sollen oder nicht. Sondern unter welchen Bedingungen Tests durchgeführt werden.

Betroffene sagen, sie hätten nie – oder wenn, dann nur mündlich – ihre Einwilligung in die Versuche gegeben. Können Sie das bestätigen?
Es scheint, dass in der Schweiz bis Anfang der 1970er-Jahre tatsächlich kaum schriftliche Einwilligungen von Patienten eingeholt worden sind. Auf jeden Fall nicht bei psychopharmakologischen Tests. Anders verhielt es sich bei den sogenannt heroischen Kuren, wie es etwa die Malariakur oder die Psychochirurgie waren. Unter Zweiterem versteht man Operationen am Gehirn, um psychische Störungen zu beeinflussen. Vor solchen körperlichen Eingriffen wurden die Patienten beziehungsweise meist deren Angehörige oder Vormunde um Einwilligung gefragt. Dasselbe gilt für Elektroschocks – zumindest in denjenigen Kliniken, die ich untersucht habe.

Weshalb hat man diesen Unterschied gemacht?
Die sogenannt heroischen Kuren betrachtete man offenbar als grosse Eingriffe, während psychopharmakologische Versuche quasi in die Tradition der normalen Medikamentenabgaben gestellt wurden. Sie lagen in der alleinigen Verantwortung der Ärzte.

Auch der Pharmakonzern Novartis hat Ihnen eine Mitarbeit zugesichert. In welcher Form ist diese vorgesehen?
Novartis hat uns Zugang zu seinem historischen Archiv gewährt. Zwei Mitarbeiter unseres Teams arbeiten seit ein paar Monaten während ein bis zwei Tage pro Woche mit den Akten, die man uns dort zur Verfügung stellt. Die Archivstruktur ist relativ komplex, hauptsächlich weil es in der Geschichte von Novartis so viele Firmenfusionen gab.

Gegenüber den Medien sträubte sich Novartis bisher, sein Archiv zu öffnen. Haben Sie tatsächlich uneingeschränkten Zugang?
Das Novartis-Archiv ist keine Freihandbibliothek. Wir können nicht einfach hineinspazieren und mal schauen, was uns so interessiert. Das ist aber in Archiven so: Man muss entweder wissen, was man sucht – und gezielt danach fragen. Oder man lässt sich von den Archivaren beraten. Bei Novartis machen wir beides.

Das bedeutet aber auch, dass Novartis belastende Akten verschwinden lassen könnte.
Das wäre theoretisch möglich. Die Archivare sind jedoch sehr zuvorkommend und kooperativ. Novartis ist eine private Firma, sie müsste uns gar nichts zeigen, wenn sie nicht wollte. Was ich hingegen sehr bedaure, ist die Exklusivität unseres Zugangs: Andere Forscher, die zu klinischen Versuchen arbeiten wollen, erhalten keinen Zugang zum Archiv – zumindest vorerst nicht.

Was versprechen Sie sich von der Zusammenarbeit mit der Arzneimittelbehörde Swissmedic?
Auch bei der Swissmedic haben wir um Zugang zum Archiv gebeten. Bisher wurde uns dieser nicht gewährt. Immerhin hat mir Direktor Jürg Schnetzer nun versprochen, mich zu einem Gespräch einzuladen.

Wo liegt das Problem?
Ich weiss es wirklich nicht. Immerhin handelt es sich um ein öffentlich-rechtliches Institut des Bundes. Vielleicht sind sich die Verantwortlichen solche Anfragen schlicht nicht gewohnt. Vielleicht befürchten sie, unter Beschuss zu geraten.

Im Fokus Ihrer Forschung steht der Psychiater Roland Kuhn. Welchen Eindruck vermitteln Ihnen die Quellen bisher von ihm?
Roland Kuhn scheint eine sehr polarisierende Persönlichkeit gewesen zu sein. Entweder die Leute bewunderten ihn, oder aber sie beurteilten ihn höchst skeptisch. Jedenfalls haben wir bisher kaum jemanden getroffen, der Kuhn gegenüber eine ambivalente Haltung hatte. Was ebenfalls auffällt, sind Kuhns eigene ambivalente Haltungen: Da war zum einen sein grosses Interesse an psychopharmakologischen Versuchen. Zum anderen war er fasziniert von der Daseinsanalyse, überhaupt von philosophischen Fragen. Das erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich.

Sie sprechen die Interviews mit Zeitzeugen an, die Sie im letzten halben Jahr führen konnten. Was für Geschichten haben Sie erzählt bekommen?
Wir haben zum Beispiel mit einem ehemaligen Patienten gesprochen. Er ist ein grosser Fan von Kuhn und überzeugt, dank ihm und Psychopharmaka ein weitgehend normales Leben geführt zu haben. Kuhn nahm sich dem Patienten offenbar sehr an. Auch ein Pfleger, den wir interviewt haben, hält bis heute viel von Roland Kuhn.

Sie suchen nach weiteren Personen, die bereit sind, mit Ihnen zu reden. Was versprechen Sie sich davon?
Wir hoffen, mehr über Kuhn zu erfahren, aber auch über die anderen Verantwortlichen. Die Versuche gehen ja weit über den ehemaligen Direktor hinaus, er hätte diese niemals alleine bewerkstelligen können. Wichtig waren auch seine Ehefrau Verena Kuhn, die als Oberärztin für die Kinderpsychiatrie zuständig war, sowie weitere Akteure innerhalb und ausserhalb der Klinik. Diese Personen müssen ebenfalls von den Versuchen gewusst haben.

An wen denken Sie ausserhalb der Klinik?
Die Klinik war kein Geheimlabor. Ich gehe davon aus, dass man um die Versuche wusste, zum Beispiel bei der kantonalen Gesundheitsdirektion – damals Sanitätsdepartement genannt – sowie bei der Aufsichtsbehörde der Klinik. Damit stellt sich über Roland Kuhn und die Klinik hinaus die Frage der Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2016, 21:05 Uhr

Untersuchung

Historiker an der Arbeit

Seit 2012 berichten verschiedene Medien, darunter der TA, von Medikamentenversuchen an der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen TG. Diese haben ein breites öffentliches Interesse geweckt, gleichzeitig aber auch viele Fragen aufgeworfen. Im Raum steht der Vorwurf, der Psychiater Roland Kuhn habe ab den 1950er-Jahren an zahlreichen Patienten Prüfsubstanzen getestet. Seit Frühling 2016 untersucht ein Team von fünf Historikerinnen und Historikern unter der Leitung von Marietta Meier die Psychopharmakaforschung der Klinik. Meier ist Dozentin an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich. Finanziert wird das Projekt, das bis 2018 läuft, vom Kanton Thurgau. Es umfasst ein Buch sowie eine Anschubfinanzierung für eine Habilitation und eine Doktorarbeit. (sir)

Zeitzeugen gesucht

Forschung und ein Dok-Film

Was wissen Sie über die Medikamentenversuche von Professor Kuhn? Das Team von Marietta Meier sucht Zeitzeugen: ehemalige Patienten und deren Angehörige, aber auch ehemalige Angestellte sowie Personen, die für die Gesundheitsdirektion oder die Aufsichtskommission der Klinik tätig waren. Zeitzeugen, die bereit sind, mit den Forschern zu sprechen, können sich an das Staatsarchiv Thurgau wenden: 058 345 16 00, staatsarchiv@tg.ch. Die Angaben werden vertraulich behandelt. Das Schweizer Fernsehen realisiert einen Dokumentarfilm zum Thema. Zeitzeugen, die sich vorstellen können, am Film mitzuwirken, oder bereit für ein Hintergrundgespräch wären, melden sich unter: Dok-Film-Muensterlingen@srf.ch. Auch der TA freut sich über Meldungen von Zeitzeugen unter redaktion@tages-anzeiger.ch. (sir)

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