Grosses Risiko, kleiner Nutzen

Beim E-Voting geht es um alles: um die Demokratie und deren Glaubwürdigkeit, um handfeste Entscheide, die alle betreffen.

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Wenn wir schon elektronisch einkaufen, Geld überweisen, Steuererklärungen ausfüllen und Partner ­suchen, können wir doch auch via Internet wählen und abstimmen. So denken viele, die E-Voting – die Digitalisierung der direkten Demokratie – unter­stützen. Auch der Bundesrat ist entschlossen, den elektronischen Stimmkanal als dritte Option neben Urne und Brief zu etablieren. Gestern hat er den weiteren Fahrplan zur definitiven Einführung festgelegt.

Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied zu allen anderen Internetaktivitäten: Wer online Konti verwaltet und Steuerdaten eintippt, entscheidet ­individuell für sich, ob er die damit verbundenen ­Risiken eingehen will. Beim E-Voting hingegen geht es buchstäblich um alles: um die Demokratie und deren Glaubwürdigkeit, um handfeste Entscheide, die alle betreffen. So vorsichtig die Behörden auch vorgehen, absolute Sicherheit gegen Manipulationen gibt es nicht. Das Schadenspotenzial ist grösser als im ­heutigen, maximal dezentralen System, in dem jedes Dorf seine Stimmen selbst sammelt und zählt.

Dass die Beteiligung steigt, erwarten nicht einmal Optimisten.

Klar, das Restrisiko ist ein Totschlagargument. Möglicherweise finden die Fachleute Mittel und Wege, E-Voting hinreichend sicher zu machen. Aber erstens können wir Laien dies nie restlos nachvollziehen, sondern nur glauben und hoffen, dass stimmt, was man uns sagt. Zweitens sollte die Schweiz das Wagnis nur eingehen, wenn der Nutzen gross genug ist. Aber ist er das auch? Sparen lässt sich mit E-Voting kaum. Einfacher ist das elektronische Abstimmen auch nicht, gerade wegen der Sicherheitsvorkehrungen. Und dass die Beteiligung steigt, erwarten nicht einmal Optimisten. Übrig bleiben nur diese Vorteile: Online treffen auch die Voten der entferntesten Auslandschweizer rechtzeitig ein, es gibt keine ungültigen Stimmen mehr, und die Resultate liegen schneller vor.

Genügt das? Vielleicht hilft der Blick ins Ausland. Der Bund kann nur zwei Staaten nennen, die ebenfalls auf die Onlinedemokratie hinarbeiten: In Estland gibt es sie bereits, in Frankreich sind für 2020 Testläufe angekündigt. Sprich: Die meisten Länder lassen die Finger von E-Voting. Das ist wohl kein Zufall. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2018, 22:50 Uhr

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